Wir finden: schlank und jargonfrei

Alltagslektüre Meine Tochter kommt im Alter von zwei Jahren in die anale Phase. Was heißt das eigentlich? Psychoanalytiker Sigmund Freud weiß in seiner Sexualtheorie sicher eine Antwort

Was habe ich gelesen? Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" target="_blank">Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905

Seitenzahl: 150

Amazon-Verkaufsrang: 37.611

Warum habe ich es gelesen?

Meine Tochter (2) kommt laut Freud (er wäre dieses Jahr 153 geworden) in die anale Phase. Zu meinem Schrecken stellte ich fest, nicht zu wissen, was das ist. Also nachlesen.

Worum geht es?

Sigmund Freud, ein österreichischer Arzt, entwickelt in dem Büchlein ohne jede störende Empirie ein paar steile Thesen: Sexuelle Perversionen wie Homosexualität oder Sadismus etwa - ­ er nennt sie „fixierte Abirrungen vom normalen Geschlechtsleben“ ­ - seien unter anderem zurückzuführen auf Entwicklungshemmungen und Infantilismus. Weshalb er sich im weiteren der frühkindlichen Sexualität widmet. Es kann hier nicht auf alle Theorien eingegangen werden, deshalb spontan, was mir am stärksten in Erinnerung blieb:

1. Kinder die nuckeln, werden später zu „perversen Küssen neigen“, oder als Männer ein kräftiges Motiv zum Trinken oder Rauchen mitbringen.

2. Frauen sind männliche Mängelwesen, fühlen sich als (oder sind sogar) kastrierte Jungs (Penisneid!).

3. Wichtig, falls ich mal vor der vernichtenden Frage stehe, warum meine Kinder als sadistische Serienmörder in die Geschichte eingegangen sind: Auf Seite 97 fand Herr Freud heraus, dass Kinder, die ihre Eltern beim Sex beobachten, den Sexualakt als eine Art Gewalthandlung missverstehen. Ein solcher frühkindlicher Eindruck verursacht eine Disposition, die zu einer späteren „sadistischen Verschiebung des Sexualzieles“ in dem Sinne führen kann, dass der Sexpartner unterworfen werden muss. (Das „Ziel“, by the way, ist natürlich die sexuelle Lust auf das andere Geschlecht, die in der biologischen Reproduktion mündet).

4. Interessant in Bezug auf meine Tochter: „Es ist eines der besten Vorzeichen späterer Absonderlichkeit, wenn sich ein Säugling hartnäckig weigert, den Darm zu entleeren, wenn er auf den Topf gesetzt wird, (…) sondern diese Funktion seinem eigenen Belieben vorhält.“
Richtig abstrus wird es zur Mitte des Buches, wenn Freud zu den Geschlechtern kommt. Hier meine persönliche Top 4:

1. Mädchen, die im Säuglingsalter masturbieren, haben später häufig Orgasmusschwierigkeiten.

2. Die erste und wichtigste aller sexuellen Beziehungen ist die des Säuglings zu der stillenden Mutter (nicht auszudenken, hätte Freud zu Lebzeiten erfahren, was wir heute wissen: Dass das Stillen keine Auswirkung auf die Entwicklung des Kindes hat).

3. Mädchen, die nicht pubertär rebellieren, sind später unfähig, „ihren Männern das Gebührende zu schenken“, ja, sie werden „kühle Ehefrauen“ und bleiben „sexuell anästhetisch“.

4. Söhne alleinerziehender Väter (Freud schreibt: „in der antiken Welt durch männliche Sklaven umgebene Knaben“) neigen eher zur Homosexualität.

Freud schließt, das muss man ihm lassen, mit einer ganzen Reihe von Einschränkungen und Beteuerungen, dass dieses Feld bislang nur sehr spärlich und ungenau untersucht worden sei. Freud sagt zum Beispiel nicht „das normale Sexualziel“, er sagt „als normales Sexualziel gilt…“.

Was bleibt hängen?

Natürlich darf man Freud nicht so lesen wie ich es tat. Man sollte vorsichtig sein mit modischer Kritik. Man muss die Kulturgeschichte und Massenpsychologie der Jahrhundertwende kennen. Ihn einordnen und die Rezeptionsgeschichte berücksichtigen. Man muss beachten, dass sich inzwischen praktisch die gesamte Psychoanalyse von ihm abgewendet hat, dass sein pansexuelles Gebrabbel natürlich seiner Zeit geschuldet ist, oder wie Reichmut Reiche in der hervorragenden Einleitung schreibt: „auch Titanen sind nur Menschen ihrer Epoche“ – und doch: Wenn man sich überlegt, wieviele Stunden sich unglückliche Menschen nach diesem wackeligen Theoriegerüst in Psycho-Sitzungen ausgeheult haben; wenn man bemerkt, wie oft wir im Alltag von Verdrängung, Unbewusstem, von männlicher Zielgerichtetheit und weiblicher Passivität oder von gesteigertem homosexuellem Sextrieb reden, wenn man mal nachrechnet, wie oft man selbst mit haarsträubenden, küchenpsychologischen Erklärungen über die Hintergründe von Eifersucht oder missglückten Beziehungen fabuliert, kann einem ganz schlecht werden.

Wie liest es sich?
Überraschend gut. Freud schreibt, für einen Akademiker, angenehm schlank und jargonfrei. Natürlich, erste Person Plural ist mit der Zeit ein ermüdender Trick, um den Leser auf die Seite des Autors zu ziehen („Die Beantwortung dieser Frage ergab sich uns aus der Einsicht… Wir fanden so, dass bei diesen Personen… Wir fragten dann…“), aber insgesamt gut lesbar. Der Stoff wird, je weiter man vordringt, phantastischer. Macht Lust, mehr zu lesen. Vielleicht nicht von Freud, aber von Lacan oder Judith Harris.

Das beste Zitat

„Die Klitoris behält dann die Rolle, wenn sie beim endlich zugelassenen Sexualakt selbst erregt wird, diese Erregung an die benachbarten weiblichen Teile weiterzuleiten, etwa wie ein Span Kienholz dazu benützt werden kann, das härtere Brennholz in Brand zu setzen.“

Wer sollte es lesen?

Feministinnen und Feministen, die sich selbst vergewissern wollen, dass ihre Vermutungen über die gesellschaftlichen Missstände richtig sind.

Was lese ich als nächstes?

„Låt den rätte komma in“ („So finster die Nacht“), John Ajvide Lindqvist.

Die Alltagslektüre: In seiner Kolumne unterzieht Freitag-Autor Mikael Krogerus jede Woche ein Buch seinem persönlichen Lese-Check. Zuletzt:

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18:00 15.05.2009

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