Wir haben ein Auto gefunden

Alltag Vom LSD-Rausch und einem Ausflug ans Meer, eine Selbsterfahrung

Der Abend war ungewöhlich mild für den frühen April, die Bäume waren grüner als die Jahre zuvor, das Gras der Wiesen nicht mehr graubraun wie den ganzen Winter lang, sondern zartgrün, besser neongrün. Elfen wanderten zwischen frischgesprossenen Halmen und wenn wir uns auf den Boden des Kollwitzplatzrasens legten, hörten wir ihr Zwitschern und Zirren. Anna und ich hatten LSD eingeworfen. Erstaunlich, was so ein kleines Papierchen bewirken konnte! Wir wanderten rings um den Wasserturm, die Baustellen säumten wie eh und je das aufgerissene Pflaster, aber heute kam uns alles wie ein riesiger Abenteuerspielplatz vor. Ein wenig schaukelten wir an Stangen herum und hüpften über Sandhaufen und Löcher. In der Kommandantur trocknete Olaf Gläser ab, zwei stille Säufer übten sich ein. Wir schwebten kichernd weiter zur Kohlenhandlung in der Sredzkistraße, die vor wenigen Wochen heimlich und über Nacht in einen Club mutiert war.

Hier hatte ich Stein kennengelernt. Frischer Schnee hatte die Kohlen im Hof benetzt, als wir, erhitzt von elektronischer Musik, hinausliefen und fielen und uns heftig auf den Haufen wälzten, die Münder und Arme ineinander verhakt und verbissen. Das Lachen der anderen störte uns nicht, als wir schwarzweiß, grautriefend wieder in die Wärme schlüpften, Ruß rann uns von Kinn und Stirn und Micha Stein war so schön. Sein Lachen war das Beste an ihm.

In der Kohlenhandlung war heute noch nichts los, aber die inzwischen abgetauten und verkrumpelten Haufen strahlten in samtenem Schwarz, wie ich es noch nie gesehen hatte. Meinen Körper nahm ich kaum wahr, alles schien leicht und begehbar, der Kohlenstapel, die Telefonzelle vor der Mauer, ja selbst die Plakatwand an der Rykestraße eignete sich plötzlich zum Hinaufklettern. Anna bog sich vor Lachen und erklomm einen Verteilerkasten, wir salutierten dem jungen Abend und beschlossen Aufregendes. Noch einmal zum Kollwitzplatz, auf Zehenspitzen. Jedes Hundehäufchen wurde bestaunt, dessen Dampfen Wärme und Süße versprach, ein Ratte entzückte uns. Am Cafe´ Westphal strichen wir um die Autos und spähten in Scheiben, da blieb ich an einem Schlüssel hängen. Es muss ein Toyota gewesen sein, der säuberlich eingeparkt war. An der Fahrertür steckte außen ein Schlüssel, klein, beinahe unsichtbar und doch verheißend wie ein Geschenk. Flugs war ich eingestiegen und zündete das schnurrende Gefährt. Anna schwang sich lachend auf den Beifahrersitz und verzehrte eine Banane, die golden auf der Ablage leuchtete. Wir fuhren los, probierten Knöpfe und Schalter, fanden Radio und Kassettendeck, standen schon an der Kreuzung Prenzlauer Allee Ecke Mollstraße. Es hupte. Ich hupte. Was für ein Spaß! Der Taxifahrer nebenan, dessen drei Köpfe böse hin und her schwangen, zeigte auf unser Auto. Ja, ja, juchte ich, wir haben ein Auto gefunden. Der Mann wies weise auf seine vielen Stirnen und wieder auf irgendetwas unten an unseren Mobil. Licht, du sollst Licht anmachen, schrie Anna und verschluckte sich an einem Bonbon, das sie aus dem Handschuhfach gezaubert hatte. Ich fand den Schalter und jagte mit Aufblendlicht und jaulendem Motor zum Tacheles, die ganze Torstraße entlang war grün.

Wir banden das Pferdchen vor dem Zapata an und liefen hinein in die jauchzende Wärme, den lauten Gesang fröhlicher Indianerknaben. Am Tresen stand Stein. Es war nicht sein erster Joint, aber er saugte sinnig wie ein Baby. Wir mit. Alles wurde lauter und bunter, das Bier schmeckte nach Südamerika und ich breitete die Arme aus. Wir fahren an die Ostsee, wer kommt mit? Stein flog gerade ab und drehte eine Runde auf dem noch leeren Parkett, was die Musikanten anheizte, Gitarren verstiegen sich und das Schlagzeug paukte Sex.

Als ich wieder zu mir kam, hatten wir Neuruppin passiert, Anna sang mit Bono und strahlte, ihre Finger tanzten auf dem Lenkrad und ihre Pupillen verdrängten bedenklich das einstige Blau ihrer Augen. Ich rappelte mich auf und schaute in den Fond, richtig, Stein krümmte sich dort über Tabak und Beutelchen, schniefte und schnaufte. Scheiße, so peinlich, hörte ich und lachte und lachte. Als der Joint nach vorne wanderte und die Sterne an uns vorbeisausten und alles so zart und neu und dunkel war, flüsterte Stein, Mensch, Mädels, ich hab Schweißfüße. Wir schrieen und pafften dem Meer entgegen. Kurz vor der Düne packte mich die Angst. Und nun, sollte ich wirklich baden gehen, wo es doch langsam dämmerte und in der Nacktheit des Sandes, Strandes, Wassers und Lichts mein speckiges Bäuchlein zum Vorschein kommen würde? Ich runzelte die Stirn und betrachtete im Schminkspiegelchen mein Gesicht, das nun nicht mehr gespalten war wie noch kurz vor Rostock. Ich werde nüchtern, brüllte ich und Stein half sofort. Drogen hab ick jenuch, bollerte er nach vorn, aber die Schuhe, Mädels, ist das peinlich! Anna machte eine super Figur, wie sie die Leine seitlich zog, die Linke noch zart am Lenkrad verhaftet, den Schein elegant ins rechte Nasenloch balancierend. Stein staunte. Ihr seid druff, Mensch, wenn ick nich so stinken würde ...

Dann war alles egal. Als mich das kalte Wasser umschloss wie ein nachgiebiger Eisblock, hüpfte ich und schlug um mich. Besessen, glücklich. Anna hopste neben mir und ihre Haare vollführten goldgelockte Tänze über hellem Fleisch. Unsere Brustwarzen krampften sich zusammen, Scham und Achseln glänzten dunkel in der gleißenden Morgensonne. Ich drehte mich zum Ufer um, dort stampfte Stein mit blanken Füßen Woodo in den Sand. Zwei Alte mit Hund erreichten den Strand und während das Pärchen starr verharrte und nur noch glotzen mochte, schloss sich das Tier dem Magier an und beide tanzten am Meeressaum entlang. Wir liefen hinaus, ihnen entgegen, keuchend und nass. Nixen, Nixenalarm, brüllte Stein. Ich bin erlöst, die Nixen haben meine Schweißfüße geheilt!

In einem anderen Leben erwachte ich unter meiner schnurrenden Katze und schreckte auf, das Auto! Nach dem bohrenden Schmerz in allen Körperteilen meldete sich eine blasse Erinnerung, richtig, der Parkplatz am Kolle war noch vorhanden gewesen, oder wieder, als wir gegen Mittag kleinlaut eingeparkt und die Bananenschale liebevoll auf dem Fahrersitz drapiert hatten. Den Schlüssel ließen wir diesmal innen stecken. Ich beugte mich aus dem Bett und erblickte, was meine Nase dunkel erahnte, zwei stinkende Turnschuhe.

LSD (Lysergsäurediäthylamid), 1943 durch den Chemiker Albert Hofmann entdeckt, zählt zu den halluzinogenen Ergolinen. Der Proband beschreibt Veränderungen in der optischen, sensorischen und akustischen Wahrnehmung und starke Verschiebungen im Empfinden von Raum und Zeit. Der medizinische Nutzen ist stark umstritten, im Selbstversuch wird es jedoch gern gegen die Ereignislosigkeit des Alltags eingesetzt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare