Wir irren im Kreis

Windmaschinen Mit dem Gottesdienst in der Kirche Notre Dame schlägt 1950 die Geburtsstunde der "Aktionisten", denen Guy Debord mit der Situationistischen Internationale ein Profil gibt

Ungestraft sagt keiner: „Ich habe es immer für verabscheuenswürdig gehalten, im Fernsehen aufzutreten, für Zeitungen zu schreiben, mit Journalisten zu reden – das heißt, am großen Betrieb der Realitätsfälschung durch die Massenmedien teilzunehmen.“ Die Selbststilisierung zur Unperson und zum Geheimnis gehört zu Guy Debord wie zu keinem anderen. Der 1931 Geborene war in Frankreich wie in Deutschland so gut wie vergessen, als er sich am 30.November 1994 im dem kleinen Ort Champot (Haute Loire) das Leben nahm. Und er blieb zunächst vergessen, obwohl die Kleinverlage Edition Nautilus (Hamburg) und Tiamat (Berlin) Debords Bücher in Übersetzungen zugänglich machten. Heute kann man kaum ein Theaterprogrammheft und kaum einen Ausstellungskatalog aufschlagen, ohne auf den Namen Debord zu stoßen. Unter Kuratoren kursiert das Wort Situationismus als ein Jeton, mit dem die Branche ihre Windmaschinen in Betrieb hält. Das funktioniert wie bei den Modephilosophen, von Hardt/Negri bis zum Phrasengewerbe eines Peter Sloterdijk.

1967, als noch längst nicht jeder Haushalt über ein Fernsehgerät verfügte, veröffentlichte Guy Debord seine Thesen über Die Gesellschaft des Spektakels. In deutschen Zeitungen wurde daraus noch Jahre später Die Theatergesellschaft. Debord ging von einem gesellschaftlichen Zustand aus, bei dem sich „die wirkliche Welt in bloße Bilder verwandelt“ und „die bloßen Bilder zu wirklichen Wesen“ werden. Der Begriff Spektakel steht dabei gerade nicht für Theater, sondern für ein „durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis von Personen“, die eben durch diese medial inszenierte Vermittlung kommerzialisiert werden wie Waren.

Spiele neuer Art

Debord kokettierte 1967 – genau hundert Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes von Karl Marx‘ Kapital – bis zur letzten Zeile mit dem berühmten Vorbild, freilich ohne je dessen Niveau zu erreichen. Marx‘ erster Satz: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warenansammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform“, lautet in Debords Adaption: „Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.“

Der letzte Satz beruht auf Debords Jugenderfahrungen. Er gehörte zu jener aufmüpfigen Generation, die Anfang der fünfziger Jahre Alternativen zum Parteikommunismus wie zum akademisch erstarrten, modisch arrivierten Existentialismus suchte. Man wollte die Pariser Bourgeoisie nicht länger nur mit Traktaten provozieren, sondern mit Taten herausfordern. „Die Formel zum Umsturz der Welt, wir haben sie nicht in den Büchern gesucht, sondern herumtreibend“ (Debord). Im Französischen steht für Herumtreiben oder Abdriften das Wort „dérive“, mit dem der exzessive Besuch von einschlägigen Lokalen ebenso gemeint war wie die sinnliche Wahrnehmung der Stadt Paris auf ausgedehnten Streifzügen oder die Erfahrung, dass ganze Quartiere der Metropole durch Grundstückspekulation und Luxussanierung zerstört wurden.

Die spektakulärste dieser „dérives“ inszenierte die Gruppe um Debord Ostern 1950. Man kidnappte einen Priester und verkleidete das Gruppenmitglied Serge Berna mit dessen Ornat. So bestieg dieser die Kanzel von Notre Dame und ließ die konsternierte Gemeinde schwer angetrunkenen wissen: „Ich sage Euch: Gott ist tot! Uns kotzt die röchelnde Seichtigkeit eurer Predigten an, denn eure Predigten sind der schmierige Dünger für die Schlachtfelder Europas.“ Die Polizei verhaftete die Aktionisten und schützte sie vor der Wut der Kirchgänger. Die Aktion entsprach etwa dem, was Debord später „Situation“ nennen wird, und was der Organisation der Situationistischen Internationale 1957 den Namen verliehen hat. Sie versprach „Spiele neuer Art“, die der „Erweiterung des nicht mittelmäßigen Teils des Lebens“ und der „möglichst weitgehenden Verringerung der leeren Augenblicke“ dienen. In seinem späten Filmskript mit dem Titel Wir irren des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt, der sich in seiner lateinischen Version als Palindrom von vorn wie von hinten lesen lässt („in girum imus nocte et consumimur igni“/dt. Berlin 1985) kommt Debord auf diese Phase seines Lebens zurück. Eine explosive Mischung aus Langeweile, Endzeitstimmung und anarchischer Verweigerung gegenüber den Zumutungen alles vermeintlich Normalen bildete die Basis für einen historisch einzigartigen Radikalismus: „Viele unserer Genossen sind wegen Einbruchs im Gefängnis. Wir akzeptieren die Strafen nicht, die man gegen jene verhängt, die sich bewusst geworden sind, unter keinen Umständen zu arbeiten. Wir verweigern darüber jede Diskussion“ (Debord). Dessen zeitweiliger Gefährte Raoul Vaneigem proklamierte: „Der einzige Kampf, der das Vergnügen lohnt, ist der Kampf der Individuen für die Konstruktion ihres Alltagslebens“.

Die Situationistische Internationale bestand bis 1972 und beeinflusste Künstlergruppen wie SPUR sowie einzelne Künstler in ganz Europa. 1972 löste Debord die Gruppe auf, nachdem von den rund 70 Mitgliedern praktisch nur noch er selbst die zahlreichen Fraktionskämpfe, Trennungen und Säuberungen überlebt hatte. Auch dies nach dem Muster der I. Internationale, als die „Partei Marx“ den Sitz nach New York verlegte wegen der Fraktionskämpfe mit dem Anarchisten Bakunin und anderen. Die subversiven Aktivitäten der Situationisten trugen eher den Charakter von Happenings, Aktionstheater und Karikaturen im Sinne von Debords Maxime: „Ich bin überzeugt, einer der sehr raren Zeitgenossen zu sein, die etwas geschrieben haben, ohne sofort durch das Zeitgeschehen dementiert worden zu sein.“

Langeweile ist konterrevolutionär

Das Plagiieren von Texten anderer gehörte zum Programm. Das französische Wort „détournement“ kann „Umleitung“, „Veruntreuung“, „Entführung“ und „Verführung“ (Minderjähriger) bedeuten. Der Umgang der Situationisten mit Texten anderer gleicht jenem Bertolt Brechts mit geistigem Privateigentum, das dieser ironisierte, wenn er vom Entlehnen, Ausleihen, Verfremden, Funktionalisieren von Texten sprach. Oder die 68er vom Umfunktionieren oder Zweckentfremden von Privateigentum redeten. Debord radikalisierte das „Entleihen“ zum Grundsatz: „Die meisten Filme verdienen nur eine Zerstückelung, um daraus andere Filme zusammenzusetzen“. An der Ironie Brechts zur produktiven Umsetzung dieses Programms fehlte es Debord freilich völlig. „Pädagogische Neigungen“ – so Roberto Ohrt, ein Chronist der Bewegung – gepaart mit einem naiven Glauben an die „Kohärenz des heutigen revolutionären Programms“ (Debord) erstickten die Ironie und die Kritik im Ansatz.

Der Anteil Debords am Mai 1968 in Paris ist umstritten, wird eher als zu hoch als zu niedrig eingeschätzt. Verbürgt ist eine situationistische Aktion in Straßburg. Was Debord gegenüber fast allen prominenten 68ern auszeichnet, ist die Aufrechterhaltung der produktiven Spannung zwischen politischer Analyse, wie sie sich in den zwölf Nummern der Zeitschrift Internationale Situationniste (1957 - 1972) manifestierte, und den oft illusionären politisch-praktischen Ambitionen. Diese durch- und ausgehaltene Spannung hat Debord vor dem Absturz in jenen Konformismus bewahrt, der viele 68er auf dem Marsch in die Politik und zu den Ministerämtern ereilte. Im Gegensatz zu vielem, was sich seither als „Realismus“ anpreist, wurden Debords Texte selbst in ihren grotesken politischen Irrtümern, theoretischen Verstiegenheiten und Ansprüchen nie zynisch, frivol oder langweilig. „Die Langeweile ist konterrevolutionär“, sagt Debord. Wie der Verbalradikalismus derer biedersinnig ist, die ihn in Programmheften ständig herzitieren, ließe sich ergänzen.

Rudolf Walther schreibt im Freitag zur Kulturgeschichte Frankreichs und der Schweiz

11:20 18.01.2011

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