Wir sind doch nicht blöd

Intelligenzforschung Bis in die neunziger Jahre stieg in den Industrienationen der IQ, dann kam die Umkehr. Wissenschaftler suchen nach Ursachen

Ob sich Völker genetisch in der Intelligenz unterscheiden, das wissen wir nicht so genau. Wir kennen ja noch nicht die Gene, die für Ausprägung in der Intelligenz verantwortlich sind." So äußerte sich der Psychologe Heiner Rindermann in einem Radiointerview im Dezember 2007. Noch kennen wir diese Gene nicht, aber bald schon könnten wir sie gefunden haben - was wäre dann? Läge dann nicht nahe, was die beiden US-Amerikaner Richard Herrnstein und Charles Murray vor 14 Jahren in ihrer Streitschrift The Bell Curve forderten - die staatliche Förderung dürfe die weniger Intelligenten nicht dazu verleiten, sich über die Maßen zu vermehren. "Wir mahnen dringend, dass das umfangreiche Netz aus finanziellen Hilfen für Mütter mit niedrigem Einkommen beendet wird", schrieben die beiden Wissenschaftler damals, denn diese seien unterdurchschnittlich intelligent. Zwei Jahre später setzte die Regierung Clinton ihre Empfehlung weitgehend um:, indem sie die bundesstaatlichen Mittel für alleinstehende Mütter weitgehend abschaffte.

Intelligenz im Zeitenwandel

"Intelligenz" beschreibt bekanntlich das Ensemble geistiger Fertigkeiten, durch das wir bestimmte Probleme erkennen und lösen können. Sie steigt bis etwa zum 25. Lebensjahr und beruht sowohl auf Ererbtem als auch Erworbenem; der Streit darüber, was von beidem überwiegt, ist uralt. Aus dem Vergleich von eineiigen Zwillingen leiten die meisten kognitiven Psychologen ab, dass Erbanlagen letztlich den Ausschlag geben. Das allerdings lässt sich mit einem ganz anderen Phänomen nur schwer in Einklang bringen: Der Intelligenzdurchschnitt der Bevölkerungen verändert sich im Lauf der Zeit.

Besonders eindrucksvoll belegt wurde das in den Niederlanden, wo 18-jährige Rekruten bei der Musterung getestet werden. Zwischen 1952 und 1982 stieg das durchschnittliche Ergebnis der Jahrgänge um 20 IQ-Punkte. Bekanntlich geben in Intelligenztests 100 Punkte den Durchschnitt der jeweiligen Gruppe an; bei einer Leistung unter 70 Punkten geht man von einer Lernbehinderung aus. Das Verhältnis zwischen Jahrgang 1952 und Jahrgang 1982 entspräche also ungefähr dem zwischen einer lernbehinderten und einer etwa durchschnittlichen Person - wie kann ein so großer Unterschied zwischen den Generationen im Alltag unbemerkt bleiben? Fasst man alle verfügbaren Daten aus den westlichen Ländern zusammen, ergibt sich eine Steigerung von drei IQ-Punkten pro Jahrzehnt. Der Genbestand kann sich aber nicht innerhalb so kurzer Zeit verändert haben. Waren unserer Vorfahren geistig minderbemittelt?

Zum ersten Mal beschrieben hat dieses Phänomen der neuseeländische Forscher James Flynn im Jahr 1984. Seitdem beschäftigt der "Flynn-Effekt" Phantasie und Forschung. Als mögliche Ursachen diskutiert werden die längere Schulausbildung und kleinere Familien, in denen die Kinder mehr Aufmerksamkeit und Förderung erhalten. Besonders wichtig dürfte die bessere Ernährung und Medizin in den ersten Lebensjahren sein. Andere Psychologen argumentieren, die Menschen seien heute vertrauter mit Testsituationen, beziehungsweise ihnen sei wichtiger, im Test gut abzuschneiden. Selbst die Gendeterministen haben noch nicht ganz aufgegeben und wollen auch die Unterschiede zwischen den Generationen biologisch erklären. Sie sprechen von "Heterosis" - der aus der Züchtung bekannten Tatsache, dass hybride Pflanzen oder Tiere oft leistungsfähiger sind als ihre reinerbigen Eltern.

Bekanntlich trifft der Intelligenzquotient (IQ) nur eine Aussage über die Stellung innerhalb einer Vergleichsgruppe. Es wäre also theoretisch möglich, dass immer mehr Menschen ihren (angeblich genetisch bedingten) "Zielkorridor" voll ausschöpfen. So stiege das gesellschaftliche Niveau, die Ungleichheit zwischen den Individuen bestünde aber auf höherer Ebene fort. Aber James Flynn stellte auch fest, dass die Verbesserung nicht in allen Testbereichen stattgefunden hatte, sondern in jenen, die abstrahierendes Denken verlangen. Während beispielsweise die Leistung bei Wissensfragen ("Wie heißt die Hauptstadt Albaniens?") kaum besser wurde, ist sie bei "Ähnlichkeiten finden" ("Was haben Hunde und Kaninchen gemeinsam?") massiv gestiegen. Damit steht das Konstrukt Intelligenz selbst zur Debatte.

Logik sagt nichts über Wirklichkeit

Nun hat James Flynn einen eigenen Erklärungsversuch vorgelegt. Nein, so argumentiert er, unsere Vorfahren waren nicht dümmer, sondern bevorzugten einfach das Konkrete und verließen die Grundlage ihrer Wahrnehmung und Erfahrung in aller Regel nicht. Eine "wissenschaftliche Perspektive" war ihnen fremd. Er illustriert den Unterschied durch Interviews mit usbekischen Bauern aus den 1920er Jahren. Beharrlich verweigern diese die Analogieschlüsse, die ihr Gesprächspartner ihnen aufzwingen will:

- "Wo immer Schnee liegt, sind die Tiere weiß. In Novaya Zemlya liegt immer Schnee. Welche Farbe haben die Bären dort?"

- "Ich kenne nur schwarze Bären, und ich rede nicht über Dinge, die ich nicht selbst gesehen habe."

- "Ja, aber was legen meine Worte nahe?"

- "Wenn jemand nicht dort war, kann er aus den Worten gar nichts schließen.

James Flynn kommentiert: "Diese Bauern haben völlig recht, sie verstehen den Unterschied zwischen analytischen und synthetischen Urteilen. Reine Logik sagt nichts über die Wirklichkeit; das kann nur die Erfahrung. Allerdings wird ihnen diese Einstellung in einem Intelligenztest nicht gut bekommen." Heute dagegen seien den meisten Menschen wissenschaftliche Kategorien vertraut; entsprechend besser schneiden sie bei Intelligenztests ab, die unanschauliches und abstrahierendes Denken verlangen. Flynn sieht sich also gezwungen, den Begriff der Intelligenz historisch zu fassen: Die Tests werten bestimmte Denkoperationen, während sie andere abwerten. Der "Triumph der wissenschaftlichen Denkweise" erklärt das Ansteigen des Intelligenzdurchschnitts.

Ende des Flynn-Effekts

Der dänische Psychologe Tom Teasdale hat allerdings festgestellt, dass dieser Prozess offenbar nicht unumkehrbar ist. Er verglich die Testleistungen von mehr als einer halben Million dänischer Soldaten zwischen 1959 und 2004. Deren durchschnittlicher IQ stieg bis zum Ende der 1990er Jahre kontinuierlich an, stagnierte dann aber, beziehungsweise fiel sogar leicht (um zwei IQ-Punkte) ab. Eine ähnliche Untersuchung aus Norwegen zeigte, dass es auch dort seit Mitte der 1990er Jahre keinen weiteren Zuwachs gab. Teasdale folgerte daraus, dass der Flynn-Effekt in Norwegen und Dänemark vorbei sei. Heute gehen die Intelligenzforscher davon aus, dass dieser Befund auch auf Frankreich, Großbritannien, die Schweiz, Österreich und Deutschland zutrifft. In den so genannten Entwicklungs- und Schwellenländern dagegen steigt der durchschnittliche Intelligenzquotient weiterhin.

Wieder sind die Ursachen umstritten. Teasdale betont, dass der historische Flynn-Effekt in erster Linie darauf beruhte, dass die Testpersonen im unteren Bereich besser abschnitten, während der Zuwachs bei den "Begabten" viel geringer war. Deshalb könne der Abfall mit dem Ende der Bildungsexpansion zu tun haben. Im Vergleich zu den vorigen Jahrzehnten mache das dänische Schulsystem nämlich weniger große Fortschritte, beispielsweise besuchten weniger Schüler die Oberschule. Andere Wissenschaftler machen dagegen einen passiven und konsumorientierten Lebensstil verantwortlich. Auch habe ein Übermaß an visuellen Reizen durch die massenhafte Verbreitung von elektronischen Medien und Computerspielen die Merk- und Konzentrationsfähigkeit geschwächt. Am wahrscheinlichsten ist allerdings, dass der historische Vergleich der Intelligenztests eine ganz andere langfristige Gesellschaftsentwicklung widerspiegelt: das Wachsen des materiellen Wohlstand einerseits und die Verwissenschaftlichung und Technisierung der Arbeit andererseits. Beide Entwicklungen prägten das 20. Jahrhunderts, das "goldene Zeitalter des Kapitalismus", wie Eric Hobsbawm es nannte. Mittlerweile ist es zu Ende. Das könnte sowohl den Flynn-Effekt als auch seine Umkehrung erklären.

Die Beobachtungen von James Flynn stellt die Intelligenzforschung vor ein ungewohntes Problem: Sie muss eine historische Dynamik in Betracht ziehen. Wird sie aber mit gegenwärtigen Phänomenen der sozialen Ungleichheit konfrontiert, beharrt sie auf der Vorstellung einer angeblich primären individuellen Begabung. Als während des Ersten Weltkrieges die amerikanischen Soldaten getestet wurden, stellte sich heraus, dass Schwarze aus den industriell geprägten Nordstaaten jene aus dem Süden weit übertrafen. Das stellte aber nicht etwa das Vererbungsparadigma in Frage, die Klügsten, so die zeitgenössische Interpretation, seien eben so schlau gewesen, in die Städte des Nordens abzuwandern. Achtzig Jahre später behauptet Heiner Rindermann in besagtem Interview: "Menschen mit bestimmter genetischer Ausstattung suchen sich eine andere Umwelt aus und beeinflussen auch ihre Umwelt in einer bestimmten Form, wie sie ihren Genen eher entspricht. Intelligentere zum Beispiel gehen eher länger in die Schule, auf Universitäten. Die weniger Intelligenten, die meiden eher solche Umwelten." Wer weniger intelligent ist, meidet also instinktiv die Hochschule. Ist auch besser so, wohlfühlen würde er sich dort bestimmt nicht.

James Flynn What is Intelligence? Beyond the Flynn Effect. Cambridge University Press. 2007

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare