Wir sind Integration

Essay Nach Thilo Sarrazin: Die meisten Deutschen verstehen Integration immer noch als einseitige Leistung von Migranten

Haben Sie Kinder? Dann machen Sie mal einen Test: Sagen Sie zehn von ihren Bekannten, dass Sie für Ihr Kind eine Krippe, Kita oder Schule suchen, in der unbedingt auch Migrantenkinder sind, und zwar in etwa so viele, wie tatsächlich auch in der Gesellschaft repräsentiert sind. Das sind inzwischen eine ganze Menge, denn jedes dritte Kind unter drei Jahren in Deutschland entstammt heute einer Familie mit ­Migrationshintergrund, in der Gesamtbevölkerung hat jede fünfte Person einen Migrationsbezug. Wie wird also die ehrliche Reaktion der meisten Angesprochenen sein? Häufig so: Beim Türken oder Libanesen essen, das ist in Ordnung. Aber mit Türken oder Libanesen gezielt auf eine Schule?

Integration ist immer auch Beziehung, und zwar nicht nur allgemein, die Beziehung zu einer Gesellschaft und ihren Institutionen, sondern vor allem konkret, zu Personen. Daher drängt sich die Frage auf, wie sich Integration in Deutschland gestalten soll, wenn nur wenige der Herkunftsdeutschen daran teilhaben wollen? Selbst wohlwollende deutsche Zeitgenossen sehen ihren Beitrag zur Integration neben ihrer Toleranz vor allem in der Bereitstellung passender Instrumente, etwa der Sprachförderung – und nicht in der tatsächlichen Veränderung, oder besser: der Öffnung ihrer und des Landes selbst für einen Wandel, der aus dem Zusammenleben resultieren könnte. Daher auch ist die gut gemeinte Idee von Multikulti nicht einmal die halbe Antwort. Denn die meisten Multikulti-Befürworter verstehen ihre Toleranz zwar als friedliches Nebeneinander-Gedeihen verschiedener kultureller Gewächse, aber nicht als Entfaltungsmöglichkeit für sich selbst. Doch was ist Integration eigentlich anderes, als das Entstehen von etwas Neuem aus Bestandteilen, die vorher in keinem Zusammenhang standen?

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist denn auch fast ausschließlich von der Integration in die deutsche Gesellschaft die Rede: Jemand, der sich in etwas integriert, wird in etwas Bestehendes hinein genommen – ohne dass sich das Aufnehmende verändern würde. Für Mi­granten bedeutet es fast zwangsläufig, auf ­etwas zu verzichten – auf kulturelle Gewohnheiten wie etwa das Schächten von Schafen – oder aber die ursprüngliche Staats­ange­hörig­keit. Diese Opfer erbringen sie häufig um den Preis eines inneren Heimatverlustes.

Doch eine nachhaltigere Integration ist nicht die einseitige Integration – und damit de facto Assimilation, sondern die beiderseitige Integration miteinander – also die Integration der deutschen mit den ausländischen Kulturen; ein Konstrukt schon dies, weil eine derart klare Trennung überhaupt nicht besteht. Eine Integration mit jemandem oder mit etwas ist die gleichzeitige Veränderung aller Beteiligten. Im Regelfall wird sich freilich die Minderheit stärker verändern. Doch bringt jemand in eine Integrationsbeziehung überzeugende Argumente mit ein – etwa ein neuartiges Denken – so sollte er selbst die quantitativ überlegene Mehrheit durchdringen können und sie stärker verändern, als er selbst verändert wird. Ein vergleichbarer Prozess fand in den Jahren um 1968 statt: Eine sehr konfliktreiche Integration von unterschiedlichen Denk- und Verhaltensprinzipien, bei der sich mal die „Rebellen-Bewegung“, mal die „Mehrheitsgesellschaft“ durchsetzte und zugleich verzichtete – und beide sich veränderten, eben: miteinander integrierten. Nur ewig Gestrige regen sich heute über das Schwulsein von Guido Westerwelle auf. Undenkbar vor 40 Jahren.

Eine ähnliche Entwicklung findet in Deutschland im Zusammenhang mit Einwanderer-Kulturen nur bedingt oder gar nicht statt. Die Mehrheit der Deutschen ohne Migrationshintergrund sieht kaum einen Anlass, sich mit den schillernden Facetten ausländischen Lebens in Deutschland zu integrieren. Grund dafür sind häufig Vorurteile und mangelnder Respekt gegenüber Menschen aus dem afrikanischen, arabischen oder osteuropäischen Raum, zuletzt in scharfer Form von Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin geäußert. Der Journalist Arno Widmann beschrieb die Frage der Identität im Kontext von Europa einmal so: „Es gibt keinen Grund zur Angst, die eigene Identität zu verlieren. Man hat sie nämlich nicht. Man erwirbt sie. Man erwirbt sie, in dem man sie mehrt. Es gibt da nichts zu verteidigen außer der Freiheit, sie mehren zu dürfen.“ Tatsächlich gibt es in Deutschland kein gesetzliches Verbot, die eigene mono-nationale Identität um andere nationale und kulturelle Ideen und Verankerungen zu mehren, sie in das eigene Dasein einzubeziehen, und zugleich mit den Menschen, die diese Ideen und Verankerungen repräsentieren, gemeinsam Integration zu betreiben.

Die so verstandene, mangelnde Integration der meisten Deutschen führt zu einem weiteren Problem. Denn die Mehrheit von Menschen mit Migrationshintergrund verfällt in ein ähnliches Denkschema, in dem sie nur Eines sein können: entweder Deutsche – oder ihre Herkunftsnationalität. Aus diesem Entweder-Oder-Denken heraus glauben viele Migranten, nicht zuletzt etliche muslimische Jugendliche, dass sie „weder – noch“ seien – weder Deutsche, noch etwa Türken – und reagieren auf diesen Konflikt beispielsweise mit übersteigertem Türkei-Nationalismus. Dabei sollte es nicht um ein „Entweder – Oder“ gehen, sondern um ein „sowohl – als auch“. Es geht nämlich nicht ausschließlich um die Möglichkeit, zwei Staatsbürgerschaften zu haben, wenn sich dies aus der persönlichen Geschichte ergibt, sondern auch zwei Nationalitäten zu sein – wenn ein Individuum dies so verspürt. Diese Mehrfach-Staatler sind auch nicht grundsätzlich, wie Kritiker behaupten, illoyaler gegenüber Deutschland als ihre mono-nationalen Zeitgenossen. Das Gegenteil ist der Fall. Denn durch die Wertschätzung und rechtliche Anerkennung der eigenen Mehrfach-Identität durch Staat und Gesellschaft wächst in der Regel auch die Verbundenheit mit dem Land – mit Deutschland.

Die Wissenschaft spricht mittlerweile von „hybriden Identitäten“, wobei sich Individuen zwei oder mehreren Kulturräumen zugehörig fühlen. Also sowohl Russe als auch Deutscher. Und ja, die Teilidentitäten treten miteinander in Konflikt – und zwar meist umso stärker, je größer die kulturellen Unterschiede zwischen dem Herkunftsland (auch dem der Eltern oder Großeltern) und der Neuheimat sind. Viele Jugendliche, so stellte Jugendpsychiater Kai von Klitzing bereits in den achtziger Jahren fest, zeigten aus einem Gefühl der sozialen Minderwertigkeit heraus abweichendes Verhalten und flüchteten sich in negative Identitäten.

Doch diese inneren Konflikte sind lösbar. Eine Grundbedingung ist aber die allgemeine Anerkennung der Tatsache, dass, plakativ formuliert, in einem Menschen zwei (und mehr) Herzen schlagen können und neue Arten von Identität entstehen. Solche nämlich, in denen die Denkmuster von Nationalitäten, der sich eine Person zugehörig fühlt, weniger addiert, als vielmehr transformiert werden. Konkret: Jemand, der Russe und Deutscher ist, kann mehr sein als einerseits Russe und andererseits Deutscher. Es ist die berühmte Formel, wonach das Ganze mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Das Russisch-Sein bedingt und verändert hierbei zwangsläufig das Deutsch-Sein (und umgekehrt), selbst bei jenen, die das eine oder das andere gänzlich ablegen wollen. Und: es soll es auch verändern, denn dies ist der Kern der individuellen Integration der je eigenen Persönlichkeit.

Dabei kommt etwa ein Fatih Akin heraus, der auf der Suche nach seiner Identität auch Abgründe ausleuchtet und so unbekannte Facetten des Türkischen und Deutsch-Türkischen für den Zuschauer erfahrbar macht. Oder ein Lukas Podolski, der meist als einziger bei Spielen der deutschen Elf die Nationalhymne nicht singt, abgebrüht Tore gegen sein Herkunftsland Polen schießt und daraufhin mit einer beeindruckenden Demut zu reagieren vermag. Oder auch eine Dunja Hayali, die das doppelte Kunststück schafft, sowohl mit ihrem Migrationshintergrund als auch ihrer Homosexualität positiv umzugehen und als ZDF-Journalistin genügend Durchsetzungskraft hat, nicht auf das Thema Integration reduziert zu werden. Sie und viele andere zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund offensiv mit ihrem Migrationsbezug umgehen, ihn nicht als Schatten, sondern als eine Schatz-Kiste betrachten könnten.

Denn Integration ist einerseits Beziehung, aber noch vielmehr Veränderung. Veränderung von allen, die an den Prozessen beteiligt sind. Damit aber sind wir alle Integration. Nicht nur (wir) Migrationshintergründer. Und die nicht Immigrierten, die Autochthonen, die national Ein-Heimischen – viele von Ihnen wollen doch an diesem spannenden Prozess der Integration teilhaben. Oder?

Jan Opielka, 32, stammt aus Polen, lebt seit 21 Jahren in Deutschland und arbeitet als freier Journalist schwerpunktmäßig zu Themen aus Polen

13:30 22.10.2009

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sachichma | Community
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