Wir wollen immer artig sein

Makabres Rollenspiel Hitlers Enkel? Oder Kinder der Demokratie? Sozialwissenschaftler untersuchen die Rolle der RAF - und Birgit Hogefeld untersucht sich selbst. Ein Verständigungsversuch

Die Achtundsechziger, das ist die Generation, die jetzt an der Macht ist. Der Ex-Juso Gerhard Schröder und der frühere Sponti Joschka Fischer stehen für eine Bewegung, die einst viel mehr wollte als die Modernisierung der Republik. Und die Diskussion um Fischers Vergangenheit als Steinewerfer bildet auch den eigentlichen Anlass für dieses Buch: die simpel gestrickte CDU-These, nach der die linke, gegen den autoritären Staat gerichtete Gewalt der Straße sich aus derselben Quelle speise wie der rechtsradikale, ausländerfeindliche Mob, die wird von dem Herausgeber Hans-Jürgen Wirth und seinen Autoren differenziert widerlegt.

Wirth macht es sich nicht leicht: er geht ins blutige Zentrum von 68, und der Titel greift voll in die Tasten - die Rote Armee Fraktion: Hitlers Enkel? Oder Kinder der Demokratie? Weder noch und von allem ein bisschen. Die psychologischen Zusammenhänge sind kompliziert: in einer radikalen Abgrenzung zu den eigenen Eltern und Großeltern, so die Generalthese des Bandes, haben die Achtundsechziger und ihre politischen Nachfolger das getan, was die in den Nationalsozialismus verwickelten Generationen gerade versäumten: sie haben gegen den Faschismus gekämpft - wenngleich in einer Art Stellvertreterkrieg.

Denn natürlich gab es bis weit in die achtziger Jahre der Bundesrepublik jene beschämende Kontinuität, die altgediente Nazis in hohen Positionen in Bundeswehr, Verwaltung, Justiz, Wirtschaft und Politik beließ. Die These, man müsse dem Staat nur die bürgerliche Maske herunterreißen, um sein faschistische Gesicht darunter wahrzunehmen, lag folglich im Trend der Zeit - sie übersah jedoch den geänderten institutionellen Handlungs-Rahmen einer immerhin parlamentarischen Demokratie. Wer allerdings den angeblichen Grundkonsens der Gesellschaft in Frage stellte, wer direkte Demokratie, eine andere Wirtschaftsordnung und den Verzicht auf die Dritte-Welt-Ausbeutung propagierte, der bekam eben auch die ganze Härte des Staates zu spüren.

Schon in seinem Vorwort analysiert der Sozialwissenschaftler Hans-Peter Wirth die merkwürdige Wiederbelebung der Vergangenheit, dieses makabre Rollenspiel der sechziger Jahre: während die Älteren in ihrem neuen Wohlstand beharrlich schwiegen oder leugneten, wollten die Jüngeren Rechenschaft. Im Protest gegen den Vietnam-Krieg der Amerikaner etwa klagten die Jüngeren auch ihre Eltern an, die ja ebenfalls einen angeblich antikommunistischen Eroberungskrieg begonnen hatten. Andererseits waren manche Eltern fasziniert vom Sendungsbewusstsein ihrer Kinder: die Mutter von Gudrun Ensslin spricht nach der Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftung von einer "Befreiung", der Vater, von Beruf Pfarrer, von einem "Fanal" - beide in Bezug auf die von ihnen einst erlebte nationalsozialistische Enge und ihre Angst, dagegen zu opponieren.

Wirth versucht nun, in der Nachfolge von Helm Stierlin, die RAF-Leute als Delegierte ihrer Eltern zu schildern, die unbewusst einen elterlichen Rollenauftrag ausführen - die Nazi-Mitläufer strafen sich durch ihre Kinder sozusagen selbst, um dann wiederum - als Staat - die Kinder zu bestrafen. Und die Kinder zeigen den Eltern, wie man das macht: ein Terror-Regime bekämpfen, in quasi-religiösem Auftrag. Auch der um Nüchternheit bemühte Norbert Elias, den Wirth zitiert, benutzt in diesem Zusammenhang mythologisches Vokabular. Er sagte in seiner Rede zur Entgegennahme des Theodor-W.-Adorno-Preises 1977 (!): "Für viele Menschen der jüngeren Generation bedeutete das Bekenntnis zum Marxismus und in extremen Fällen zum anarchischen Terrorismus im Grunde den Versuch, sich und Deutschland von dem Fluch des Nationalsozialismus zu reinigen. Es wäre nicht undenkbar, daß dieses Bemühen um Reinigung von dem Fluch, an dem viele junge Menschen nicht ganz zu Unrecht ihren Vätern, dem deutschen Bürgertum, schuld geben, auch bei der gegenwärtigen Welle der Gewalt eine Rolle spielt."

Wirth lässt als Herausgeber die Gewaltbereitschaft auch der Nach-Achtundsechziger aus möglichst vielen Perspektiven untersuchen. Am aufschlussreichsten ist der Ost-West-Vergleich von Generationenkonflikten, den Annette Simon vorlegt: sie sieht eine um 20 Jahre versetzte Ungleichzeitigkeit im "Erwachsenwerden" der West- und der Ost-Linken. Während die Westler in den Sechzigern den Aufstand probten, danach den Marsch durch die Institutionen begannen und 1989, zum Zeitpunkt der Wende, schon gründlich desillusioniert waren, kamen die Ost-Linken 1990 mit ganz naiven Hoffnungen in die erweiterte Bundesrepublik. Während im Westen der Bruch der Achtundsechziger mit der eigenen Familie radikal war und die Wohnemeinschaft als Ersatzfamilie etabliert wurde, befand sich der Ostler in der Umarmung einer Gesellschaft, die sich in sozialistischer Phraseologie selbst als große Familie empfand und darstellte. Während der West-Jugendliche mit der Verleugnung der Nazi-Vergangenheit leben sollte, war der Ost-Jugendliche einem hohlen, bloß deklamatorischen staatlichen Antifaschismus ausgesetzt.

Das hatte zur Folge, dass die Westler sich gegen die Aufstiegs-Phantasien ihrer Eltern radikal auflehnten und für sich selber keinen Platz in der Gesellschaft sahen, "nichts werden" wollten; die Ostler dagegen arrangierten sich mit dem übermächtigen Staat und seinen Familien-Ritualen, mit FDJ, 1. Mai und Jugendweihe, um insgeheim ins ganz Private wegzutauchen und im Kleinen die Gebote des Staates zu übertreten. Während die Westler im Extremfall Allmachtsanspruch und Größenwahn ausleben wollten (das tat dann die RAF, als sie der NATO den Krieg erklärte), fühlten die Ostler sich in etwas klarerer Selbsteinschätzung klein und ohnmächtig.

Manchmal sind Annette Simons Begrifflichkeiten unscharf (was zum Beispiel ist "ambivalente Identifizierung"? - Identifizierungen sind oft nicht so ganz eindeutig), und manchmal sieht man die Grenzen der Psychologisierung. Aber insgesamt überwiegen die produktiven Ideen, die auch solche Interpretations-Muster freisetzen.

Ausgangspunkt von Simons Analyse ist eine Zeile der DDR-Rockband "Feeling B": Wir wollen immer artig sein/ denn nur so hat man uns gerne./ Jeder lebt sein Leben ganz allein/ und abends strahln die Sterne. In der ironischen Zurückweisung des Artigseins, in der Entwertung staatlicher Autorität besteht allerdings eine Gemeinsamkeit von Ost- und Westjugendlichen. Dass von den Wessis dann einige im moralischen Rigorismus endeten und sich, um einer besseren Gesellschaft willen, zum Töten befugt glaubten, ist ein tragischer Irrtum, der im Hauptteil des Buches untersucht wird: Horst Eberhard Richter beschreibt am Beispiel der Birgit Hogefeld, wie eine sozial engagierte und vielseitig interessierte Jugendliche sich in ein paranoides Weltbild verrennt - oder da hineingetrieben wird? Der staatliche Anteil an der Nachwuchsrekrutierung der Rote Armee Fraktion bleibt seltsam unbeleuchtet. Immerhin gibt Hogefeld an, der Hungerstreiktod des Holger Meins sei eines ihrer entscheidenden Erlebnisse auf dem Weg in die Gewalt gewesen - der tote Meins habe ausgesehen wie ein KZ-Häftling.

Hogefeld gehört zu denen, die einen Prozess der Selbstkritik in der RAF einleiteten und für das Ende des Tötens stehen. Die Bundesanwaltschaft hat das nicht honoriert. Im Gegenteil: in ihrem Prozess wurde Hogefeld - ohne Beweise - für den Tod des US-Soldaten Edward Pimenthal verantwortlich gemacht. Auch die Umstände ihrer Festnahme werden wohl nie geklärt werden; damals kamen ein Polizeibeamter und das RAF-Mitglied Wolfgang Grams ums Leben. Ob der Polizist von Grams oder von einem Polizei-Querschläger getötet wurde, ist ungewiss. Ob Grams sich anschließend selbst in den Kopf schoss oder von Polizisten hingerichtet wurde, ist ebenso ungeklärt. Gleichwohl wird Hogefeld auch für den Polizistentod zur Rechenschaft gezogen.

Ihre Beiträge in dem Band sind allerdings ein erstaunliches Beispiel dafür, wie sich jemand trotz ungünstigster Haft-Umstände aus einem hermetischen Gedankengebäude, aus der avantgardistischen Selbstanmaßung herausarbeitet und wenigstens intellektuell wieder zu leben beginnt. Auf der anderen Seite: Sondergesetze und die Unversöhnlichkeit der Bundesanwaltschaft, die von den Prozessbeobachtern Gerd Rosenkranz und Hubertus Janssen detailliert geschildert wird. Wer sich auf die Kronzeugenregelung nicht einlässt, kann nicht auf Milde hoffen - so auch nicht Birgit Hogefeld. Und verraten will sie ihre Ex-Genossen, auch wenn sie sie kritisiert, natürlich nicht.

So ist dieses Buch implizit auch ein Plädoyer dafür, die staatliche Rache zu beenden und die noch einsitzenden RAF-Gefangenen zu begnadigen. Die Geschichte der linksradikalen Gewalt in der Bundesrepublik könnte an einen Schlusspunkt kommen - wenn Johannes Rau und die Bundesregierung das wollten. Im Kabinett sitzt, wir erinnern uns, ein ehemaliger Steinewerfer, der etwas mehr Glück und eine bessere Wohngemeinschaft hatte als Birgit Hogefeld. Und einer, der schon damals, 1968, an den Gitterstäben rüttelte - allerdings an denen zum Bundeskanzleramt.

Hitlers Enkel - oder Kinder der Demokratie? Die 68er-Generation, die RAF und die Fischer-Debatte. Hrsg. von Hans-Jürgen Wirth. Psychosozial-Verlag, Gießen 2001, 236 S., 14,90 Euro

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00:00 26.04.2002

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