Wo bleibt das Herz?

Versuchsautor Antonio Machado hat die spanische Lyrik erneuert

Madrid, Anfang der dreißiger Jahre. In einem Café trifft sich die "Tertulia de los Machados", die allabendliche Runde der Brüder Machado: Antonio und Manuel, die beiden unzertrennlichen Dichterbrüder, sowie José, der Maler. Hinzu kommen noch befreundete Künstler und Schauspieler, die zur erweiterten Runde gehören. Rafeal Alberti, der damals noch junge Dichter, beschreibt die Männer an diesem Abend als "seltsam altmodische Herren, die den Eindruck machten, als kämen sie aus der Hinterstube eines kleinstädtischen Ladens". In einem Antiquariat hatte er gerade einen seltenen Band der Erstausgabe von Rimbauds Gedichten erstanden und zeigte sie nun stolz dem bewunderten Antonio Machado. Der beäugte den Band mit einem "beifälligen Brummen" und legte ihn zu seiner Linken auf einen Stuhl, dessen Rückenlehne mit Mänteln und Schals bedeckt war. "Nach einem Weilchen bemerkte ich, daß Machado rauchte und daß er beim Rauchen immer wieder zerstreut die Hand sinken ließ, in der er die Zigarette hielt, dorthin, wo nach meiner Berechnung vermutlich mein kostbarer Rimbaud abgelegt worden sein mochte." Nervös versucht Alberti nach dem Band zu schauen, traut sich aber nicht, etwas zu sagen. "Aber seit jenem Abend", berichtet er weiter, "konnte ich allen Personen, die je zu mir ins Haus kamen, mein rares Rimbaud-Exemplar zeigen, noch viel rarer und wertvoller nun dank den runden Brandspuren, mit denen die Zigaretten Machados seinen herbstblattfarbenen Einband versehrt hatten."

Diese Anekdote, die Fritz Vogelsang in sein instruktives Nachwort zu Antonio Machados Juan de Mairena. Sprüche, Scherze, Randbemerkungen und Erinnerungen eines zweifelhaften Schulmeisters aufgenommen hat, passt ganz gut zu dem Dichter, der im Gegensatz zu seinen heute vergessenen Brüdern zu den Klassikern Spaniens gehört. Der "erste spanische Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts", so der Valéry-Übersetzer und Dichter Jorge Guillén, führte nach außen das Leben eines kleinbürgerlichen Gymnasiallehrers, während er mit seinen Gedichten die spanische Lyrik erneuerte. Zu den französischen Revolutionären der Poesie von Baudelaire bis Rimbaud und Mallarmé hielt er allerdings Distanz. Stattdessen lässt er den Schulmeister Juan de Mairena zu seinen Schülern sagen: "Seid original; fast würde ich es wagen, es euch zu gebieten. Dafür müßt ihr - das ist klar - auf den Beifall der Snobs und Fanatiker des Neuheitskults verzichten ... Euch sollte es nichts ausmachen, euch mit Gedanken zu beschäftigen, die ihr achtzigmal gelesen und fünfhundertmal gehört habt, denn Denken ist nicht dasselbe wie Gelesenhaben."

Endgültig kann sicherlich nicht gesagt werden, dass hier Machado selbst spricht. Aber wie heißt es doch so schön in Raymon Queneaus Vorwort zu seinem Buch Intimes Tagebuch der Sally Mara: "Es ist einem angeblich imaginären Autor nicht oft gegeben, seinen gesammelten Werken ein Vorwort voraus schicken zu können, vor allem dann nicht, wenn diese Werke unter dem Namen eines sogenannten wirklichen Autors erscheinen." Antonio Machado hätte dieses schwindelerregende Spiel mit fiktivem und wirklichem Autor sicher gefallen. Auch Juan de Mairena empfiehlt seinen Schülern, sollten sie sich zu Dichtern berufen fühlen, zunächst die Erfindung eines fiktiven Poeten: "Wenn unsere Arbeit getan ist", meint er, "können wir den Dichter samt seinem Gedicht bewahren, oder auf den Dichter verzichten - wie das üblicherweise geschieht - und das Gedicht veröffentlichen oder aber das Gedicht in den Papierkorb werfen und den Dichter behalten, oder am Ende beide aufgeben, doch für immer den einfallsreichen Menschen uns behalten für neue poetische Versuche."

Juan de Mairena ist ein solcher Versuchsautor. Die Textfragmente von und über ihn erschienen sozusagen probeweise in zwei Madrider Tageszeitung und erst später (1936) in der beständigeren Buchform. Die unklare Autorschaft bot Machado außerdem eine Entlastung gegenüber dem Konformitätsdruck der spanischen Gesellschaft, deren kulturelles Leben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch weitgehend von der katholischen Kirche dominiert wurde. Das Land war im europäischen Vergleich unterentwickelt, besaß weder eine nennenswerte Industrie, noch ein größeres Bürgertum. "Mairena lebte in einer großen andalusischen Stadt, die sich zusammensetzte aus einer etwas böotischen Bourgeoisie, einer allzu ländlichen Aristokratie und einem intelligenten, feinen, sensiblen Volk von Handwerkern, die ihr Gewerbe verstehen und für die es, wie für die Künstler, viel wichtiger ist, ihre Sache gut zu machen, als sie zu machen."

Handwerk und Volkskunst - sie spielen in Mairenas Poetik und Philosophie eine zentrale Rolle: "Mairena verstand unter Folklore vor allem das, was das Wort am direktesten bezeichnet: populäres Wissen, was das Volk weiß, wie es dies weiß." Ebenso nahm sein Schöpfer Machado in seinen Gedichten Volkslied und Legende der einfachen Bauern auf. In den Campos de Castilla, den Kastilischen Landschaften, die als zweiter Band der Gesammelten Werke erschienen sind, rühmen viele Gedichte die Schönheit dieser kargen Landschaft und ihrer Menschen, aber ebenso sind Armut, Habgier und Gewalt Themen der Gedichte (in einem der berühmtesten, Das Land Alvagonzález, von dem der junge Garcia Lorca so sehr beeindruckt war, dass er es noch 15 Jahre später mit seinem fahrenden Theater vortrug, geht es um einen Vatermord).

Diese Sympathien für die Volkskunst trugen dazu bei, dass die Kulturpolitik Francos versucht hat, Machado als ""unseren" großen Dichter" zu vereinnahmen und die Gesamtausgabe seiner Gedichte schon zwei Jahre nach seinem Tod, 1941, wieder aufgelegt wurde. Dabei ist Machado Zeit seines Lebens Anhänger der Republik gewesen, hatte sich für sie publizistisch während des Bürgerkriegs engagiert und war als Vertriebener im französischen Exil 1939 gestorben. Allerdings schien diese Art von Vereinnahmung bei Juan de Mairena nicht so einfach gewesen zu sein; nach der republikanischen Ausgabe von 1936 erschien das Buch zunächst in Südamerika - in Spanien erst wieder 1971, gegen Ende der Diktatur.

Ob es nun der Stierkampf ist, den Machado im Juan de Mairena kritisiert, oder der Schneid des Militärischen ("Ich empfehle Euch, mit den Händen in den Hosentaschen zu sprechen.") - viel Freude an dem Zweifler Mairena hat Franco wohl nicht gehabt. Sicherlich gilt das auch für Sokrates, den Skeptiker, den Mairena immer wieder zitiert und dem er selbst in vielem ähnelt. Der Turnlehrer, der "interessierten Schülern" Rhetorikunterricht gibt - das erinnert an die unprätentiöse Haltung des antiken Philosophen, der in Athen auf der Straße und auf Plätzen Menschen ansprach und sie in ein philosophisches Gespräch verwickelte. Sokrates lebte seine Philosophie, war "dargestellte Erkenntnis" (Klaus Heinrich). Auch greift Juan de Mairena hin- und wieder zur sokratischen Methode der Mäeutik. Mit geschickt gestellten Fragen versucht er seine Schüler auf den Weg der Erkenntnis zu bringen. Allerdings landen sie nicht, wie bei Sokrates, in der Aporie: "Ich weiß, dass ich nichts weiß."

Mairena verteidigt zwar dieses radikalskeptische Credo. Gegen das allgemeine Gegenargument, woher der Skeptiker denn wisse, dass er nichts weiß, sagt er: "der Witz am Skeptiker ist ja gerade dies, daß die Argumente ihn nicht überzeugen. Und er, von sich aus, hat auch keineswegs den Drang, irgendwen von irgendwas überzeugen zu wollen." Aber ganz so schwarz sieht Juan de Mairena die Möglichkeit des Wissens dann wohl doch nicht. Der pädagogische Eros des Schulmeisters ist überall in den Texten zu spüren, also auch der Drang, seinen Schülern Wissen zu vermitteln und von einer Wahrheit zu überzeugen. Mit Paul Valéry, dessen Monsieur Teste als weitere Inspirationsquelle für Machados Mairena gilt (Vogelsang meint allerdings, Mairena hätte eher Ähnlichkeit mit Madame Test) hätte er gesagt: "Manchmal bin ich nicht meiner Meinung."

Aber endet das alles nicht in einem beliebigen Relativismus? Sicherlich handelt es sich um ein "Denken ohne Geländer", wie es Hannah Arendt formuliert hat. Darauf weist auch Mairenas Polemik gegen das System-Denken des deutschen Idealismus hin und seine Empfehlung, Nietzsche zu lesen, wobei ihn weniger der späte Nietzsche des Übermenschen interessiert als der Kritiker. Der Skeptizismus, dessen Grundzüge Machado im Juan de Mairena skizziert, soll das Denken "aufmischen", scheinbar unumstößliche Wahrheiten in Frage stellen und keine fertigen philosophischen Konzepte liefern. "Unsere Logik hat das Ziel, die Logik eines poetischen Denkens zu sein, eines heterogenisierenden, erfinderischen Denkens, welches die Wirklichkeit entdeckt." Wenn man so will, findet Mairena hier, in der Wirklichkeit, ein "Geländer", an dem er sich orientiert, allerdings eines, dass sich ständig verändert.

Wegen dieser Orientierung an der Wirklichkeit hielt Machado auch Distanz zu den Lyrikern der Moderne. Die Soledades, die Einsamkeiten, wie der Titel seines ersten Gedichtbandes lautet, sind nicht die eines Mallarmé, für den die Einsamkeit erst den "schweigenden Aufflug ins Abstrakte" ermöglichte, als die er moderne Dichtung sah. Machado hat den jungen spanischen Lyrikern, die diesen Weg eingeschlagen haben, wie Alberti, Garcia Lorca oder Guillén, viel Sympathie entgegengebracht, aber er fand, sie verzichteten "auf das Herz", wobei er wahrscheinlich auch an Rimbaud dachte, der gesagt haben soll: "Meine Überlegenheit besteht darin, dass ich kein Herz habe."

Was für die Gedichte Machados die Gefühle sind, ist für die "Schule der Weisheit", die Juan de Mairena eröffnen will, die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Ihr kann niemand aus dem Weg gehen, auch nicht im Protest ihrer radikalen Negierung wie bei Rimbaud. Und das, was Machado - für den heutigen Geschmack etwas pathetisch - mit "Herz" ausgedrückt hat, ist ebenfalls zeitlos. Hier und in Juan de Mairenas skeptischer Betrachtung der Welt - einer Betrachtung, die mehr Fragen stellt als Antworten gibt - liegt der bleibende Wert der Fragmente des zweifelnden Spaniers.

Antonio Machado: Juan de Mairena. Sprüche, Scherze, Randbemerkungen eines zweifelhaften Schulmeisters. Herausgegeben und aus dem Spanischen übersetzt von Fritz Vogelsang, Ammann, Zürich 2005, 320 S., 29,90 EUR

Antonio Machado: Soledades - Einsamkeiten. Gedichte Spanisch - Deutsch. Aus dem Spanischen übersetzt von Fritz Vogelsang, Ammann, Zürich 1996, 320 S., 34,90 EUR

Antonio Machado: Campos de Castilla - Kastillische Landschaften, Gedichte Spanisch - Deutsch. Aus dem Spanischen übersetzt von Fritz Vogelsang, Ammann, Zürich 1996, 352 S., 34,90 EUR


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00:00 02.06.2006

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