Wo der Pfeffer wächst

Slowakei Zehn Jahre nach dem EU-Beitritt stehen die armen Brüder im Osten an den Werkbänken großer Unternehmen aus dem Westen und warten immer noch auf den Wohlstand
Martin Leidenfrost | Ausgabe 03/2014 12

Sitze bei meinem alten Cafetier Zeno Zenuni. Sitze nun schon das zehnte Jahr bei dem eleganten Albaner, eigentlich jeden Vormittag, in meiner slowakischen Plattenbausiedlung Devínska Nová Ves. An manchen Tagen führt Zeno Zenuni sein Café in einer Art Sitzkoma. Das kommt mir entgegen, denn auch ich bewege mich kaum, lese stundenlang an meinem Stammplatz, lerne europäische Sprachen, schaue. Auch die blondierte bulgarische Kellnerin zeigt keine äußere Emotion. Es sei denn, die Rede kommt auf „die Zigeuner“. Ich halte mich bei der Roma-Frage bedeckt, besonders in diesen Tagen, da ich penetrant nach Lavendel rieche. Bin von einem durchzechten Wochenende bei mittelslowakischen Roma-Freunden mit Flöhen zurückgekehrt. Ich fahre wieder hin.

Mein Leben in der slowakischen Platte begann als Experiment. 2004 zog ich aus Wien ins 40 Kilometer entfernte Devínska Nová Ves, direkt auf die vernarbende Naht des Eisernen Vorhangs. Das Experiment, für ein Jahr gedacht, sprengte alle Dimensionen. Nun drehe ich schon das zehnte Jahr meine Runden am Grenzfluss March und wir schreiben das zehnte Jahr nach der großen Osterweiterung der EU. Zeit zu fragen, was da seither zusammengewachsen ist.

Hardcore-Rentner im Anflug

Ich beginne mit der guten Nachricht. Die March, ein nicht sehr beeindruckendes Gewässer, bildete seit den Verheerungen von Krieg und Teilung eine natürliche Barriere zwischen Österreich und der Slowakei. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs vergingen geschlagene 23 Jahre und schon bekam ich eine Brücke nach Österreich hinüber. Eine Radfahrerbrücke, aber immerhin. Devínska liegt direkt an der österreichischen Grenze, dennoch hatte ich vor der Eröffnung der Brücke kein einziges Mal das vertraute Idiom von Landsleuten auf Devínskas Straßen gehört. Seit 2012 kommen nun österreichische Radfahrer über den Grenzfluss. Einige wenige dringen bis zu Zeno Zenunis Café vor, Hardcore-Rentner aus dem österreichischen Grenzraum. Ihr Anführer hat manchmal Achtzigjährige im Schlepptau, die dann, mitgenommen vom steifen Gegenwind der March-Ebene, vor Kaffee und Punschschnitte sitzen. Ich hoffe still flehend, dass sie alle durchkommen.

Es folgt die schlechte Nachricht. Seit dem 30. August 2010 kennt man Devínska in der Slowakei nur wegen des „Massakers“. Damals erschoss ein unauffälliger Einzelgänger die Nachbarsfamilie im Wohnblock und feuerte danach auf Menschen, die über die Straße gingen, die in Autos vorbeifuhren oder auf dem Balkon standen. Acht Tote, den Täter mitgezählt, und 19 Verletzte.

Bereits wenige Minuten nach der Tat spaltete sich die Öffentlichkeit in zwei parallele Welten. Was die Welt der Medien berichtete, das wollte in der anderen Welt niemand glauben. Unmittelbare Nachbarn beschrieben mir die ermordete Familie als liebenswürdig, dies war auch der Tenor der slowakischen Medien, in den Online-Foren herrschte eine andere Überzeugung. Ein User schrieb: „Er hat das gut geplant. Die Zigeuner zerstörten ihm das Leben, und er zerstörte sie. Das war der gute Teil des Plans. Der schlechte Teil war, dass dann noch vollkommen unschuldige Leute draufzahlten.“ In der Geschichte, die sich der Volksmund damals zusammenreimte, wurde bloß ein Detail ausgeklammert: Die sogenannte „Roma-Frage“ ist das letzte Problem, das Devínska quält. Devínska hat 20.000 Einwohner, Familien mit Roma-Herkunft kann man an einer Hand abzählen.

Das Massaker wälzte die Lokalpolitik um, die folgenden Kommunalwahlen fegten den gesamten Gemeinderat weg. Der betroffene Wohnblock wurde in Windeseile wärmegedämmt. Anfangs standen noch Kerzen vor der Hauswand mit den Einschusslöchern, nach der Wärmedämmung erinnerte nichts mehr an die Tat. Die abstoßenden Rechtfertigungen aus den Online-Foren pflanzten sich bis nach Devínska fort. Es reicht, dass jemand nur einen Wohnblock weiter wohnt, und er wird mir in einer von Devínskas Kneipen versichern: „Sie zerstörten ihm sein Leben, und er ihnen ihres.“ Devínska, das ist seither auch eine Chiffre für einen slowakischen Traum der anderen Art – wie viele meiner Mitbürger sehnen sich danach, die nächsten greifbaren Roma anzugreifen?

Klein, abhängig, erpressbar

Nun aber wieder eine gute Nachricht, ökonomisch brummt Devínska. Oder zumindest der riesenhafte Autocluster nördlich der Plattenbausiedlung. Volkswagen Slovakia kennt nur Rekorde: größter privater Arbeitgeber der Slowakei, mit Jahresumsätzen von über fünf Milliarden Euro landesweit das größte Unternehmen, mit über neun Prozent der slowakischen Gesamtausfuhren der größte Exporteur. Beglückt mit einer fleißigen, billigen und schwach organisierten Arbeiterschaft, baut VW seine slowakische Werkbank laufend aus. Als VW in der Slowakei investierte, wurden dem Konzern „Steuerferien“ von 15 Jahren gewährt. Nach Ablauf dieser Frist wurde die Steuerfreiheit klammheimlich verlängert.

Als der VW-Konzern das beste Jahr seiner Geschichte hatte, bekamen die Arbeiter der deutschen Fabriken als Dankeschön einen Sonderbonus von mehr als 7.000 Euro. 20 Milliarden Euro Gewinn, mehr als der slowakische Staatshaushalt, da kann man schon etwas abgeben. Ich fragte beim Werk nebenan nach, wie viel für die slowakischen Arbeiter abfiel. Die Antwort: „Die Art der Entlohnung ist bei VW und in anderen Ländern unterschiedlich. Sie hängt von der Situation auf dem konkreten Arbeitsmarkt im jeweiligen Land ab. Man muss die Bedingungen und die Situation in dem jeweiligen Land im Auge behalten.“

Dass die slowakischen Arbeiter leer ausgingen, war in der Slowakei noch nicht einmal ein Thema und folglich auch kein Skandal. Die slowakische Presse überschlug sich stattdessen in submissiven Lobeshymnen an die Adresse des „strategischen Investors“. Motto der Saison: „Wir müssen uns an Deutschland halten.“

Diese Untertänigkeit lässt sich nur zum Teil damit erklären, dass die Slowakei klein, abhängig und erpressbar ist. Andere postsozialistische Länder sind das auch, recken das Kinn gegenüber Investoren aber ein bisschen höher. Das fünf Millionen Einwohner zählende Land ist vielleicht insofern spezifisch, als die neoliberale Hayek-Schule hier immer noch politisch sehr einflussreich ist. Es gab Wahlen, bei denen Mitarbeiter des slowakischen Hayek-Instituts auf den Listen von gleich drei Parteien ins Parlament gelangten. Bis heute setzen die Hayekianer den Rahmen jeder ökonomischen Debatte: Wenn der Arbeitsminister vorschlägt, den miserablen monatlichen Mindestlohn um acht auf 346 Euro zu erhöhen, dann sehen die allgegenwärtigen Kommentatoren rot und den Standort bedroht.

Für die meist in österreichischem oder italienischem Besitz stehenden Banken ist der Standort ein Leckerbissen, sie nehmen die höchsten Zinsen für Wohnbaukredite nach dem Bankrottland Zypern. Als die EU-Finanzkrise 2011 ihren Höhepunkt erreichte, stellten sie manchem Kleinunternehmer den Kredit vorzeitig fällig. Auch das gab keinen öffentlichen Aufschrei. Genauso wenig ließ sich nationale Empörung registrieren, als eine Verbraucherstudie feststellte, dass internationale Marken in dieselbe Verpackung minderwertigere Ware stecken, wenn das Produkt in Osteuropa verkauft wird. Eine renommierte österreichische Gewürzfirma wurde überführt – der für Slowaken bestimmte Pfeffer enthielt mehr Ausschuss als der für Österreicher.

Nun gibt es allerdings einen slowakischen Politiker, der ausgewählte Investoren gelegentlich rhetorisch angreift und die Nöte des kleinen Mannes sozialpopulistisch anspricht. Ministerpräsident Robert Fico – vom hauptstädtisch-hayekianischen Establishment verachtet – brachte es auf diese Weise zur absoluten Mehrheit. Aber auch Fico gibt in entscheidenden Momenten klein bei. Als der zweitgrößte Investor abzuwandern drohte – der Inhaber des ostslowakischen Stahlwerks in Košice – hielt der Ministerpräsident eine großmäulige Pressekonferenz und flog danach kleinlaut zur Konzernzentrale von US Steel in Pittsburgh. Der Konzern blieb und genießt seither schönen Rabatte bei Energiekosten.

Eine Zeitlang wohnte ich in Devínska mit Arbeitern der Autoindustrie zusammen. Ein Experiment im Experiment. Sie arbeiteten in den Zulieferbetrieben um das VW-Werk herum. Sie verdienten 650 Euro im Monat, wovon freilich ein nennenswerter Teil eine freiwillige Zulage war, die bei ungezogenem Verhalten gestrichen werden konnte. Wenn sie entlassen wurden, geschah dies von einem Tag auf den anderen. Sie mussten am nächsten Tag nicht mehr kommen und heuerten in einer anderen Fabrik an. So wanderten sie von einem Fließband zum nächsten.

Wenn Volkswagen im August zwei Wochen Werksferien ausrief, sackte das Bruttoinlandsprodukt der Slowakei ein, und meine Mitbewohner lagen zwei Wochen vor der Glotze. Sie hatten kein Geld, um in Urlaub zu fahren. Gelegentlich köpften sie eine Flasche Whisky oder Slibowitz, runtergespült mit billiger Freeway-Cola von Lidl, das waren ihre Ferien. Wem ihre jeweilige Fabrik gehörte, wussten sie nie zu sagen. Für sie war das eine einfache Sache: „Wir produzieren für Deutschland.“

Bald zehn Jahre nach dem EU-Beitritt der Slowakei dominiert immer noch die Denkfigur vom Aufholen gegenüber dem Westen. Die Statistiken bilden das nicht ab, seit 2008 kann von einem Aufschließen keine Rede mehr sein, dennoch vergleicht man sich fortwährend mit dem Westen, der im Slowakischen als „die herangereiften Länder“ bezeichnet wird.

Über die Jahre macht sich leise Verzweiflung breit. „Die Slowakei kämpft ums Überleben“, nennt das Premier Fico, wenn er wieder einmal das Ausbleiben einer Sozialpolitik rechtfertigen muss. Die gesamte politische Klasse wurde kalt erwischt, als im November der Neonazi Marian Kotleba zum Regionalpräsidenten der mittelslowakischen Region Banská Bystrica gewählt wurde. Ein Testosteron-Trottel, der nicht einmal eine richtige Kampagne geführt hatte und ausschließlich mit paramilitärischen Aufmärschen durch Roma-Dörfer aufgefallen war.

Eine Antwort auf diesen Vorgang hat niemand. Es kann auch gar keine Antwort geben, da noch nicht einmal die entscheidende Frage gestellt wird: Wurde die EU deswegen erweitert, um den armen Brüdern im Osten schrittweise die Segnungen des westlichen Wohlstands zukommen zu lassen? Oder war das alles nicht doch ein bisschen anders gemeint?

Der österreichische Schrift-steller Martin Leidenfrost (41), der für den Freitag bereits die Serien „Ostwind“ (2007) und „EU intim“ (2009) geschrieben hat, sagt über sich: „Neun Jahre im neoliberalen Musterstaat Slowakei haben mir jeden Rest an Liberalismus ausgetrieben. Ich bin wohl ein heimatloser Konservativer mit heftigen Linkssympathien in Sachen Ökonomie. Ich denke, ich passe heute besser in den Freitag als früher.“

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