Wo ist das Volk?

Rumor In Leipzig tobt ein Streit um das Theater, das Centraltheater-Intendant Sebastian Hartmann neu erfinden wollte

Kritik, wenn sie von Freunden kommt, schmerzt besonders. Im Leipziger Centraltheater traf es unlängst Intendant Sebastian Hartmann. Das Haus hatte zur Zuschauerkonferenz geladen, und auf der Bühne saßen nicht nur Hartmann sowie Christian von Treskow, Intendant des von Schließung bedrohten Wuppertaler Schauspiels, sondern auch Armin Petras vom Berliner Maxim-Gorki-Theater. Einer, der weiß, wie man sich der Ironie bedient.

Man wollte an diesem Abend, so stand es in der Einladung, über die Entwicklung diskutieren, die das Schauspiel unter Hartmann genommen hatte. Aber weil das nicht geht, ohne andere Theatermodelle zumindest ansatzweise vorzustellen, fiel dann jener Satz, mit dem Hartmann nicht gerechnet hatte. „Ich mache Theater für ältere Bürger“, sagte Petras mit einem Seitenhieb auf den Kollegen und Freund, der das nicht tut. Hartmann rang erst um Fassung, dann um ein Lächeln.

Der 41-jährige löste Mitte 2008 Langzeit-Intendant Wolfgang Engel ab, der in den 13 Jahren zuvor irgendwie zu alt, zu satt, zu erfolglos geworden war – alles Attribute, die seine Kritiker ihm nachsagten. Von Beginn an haftete Hartmann das Odium des Zufälligen, Übriggebliebenen an. Ein Wunschkandidat war der gebürtige Leipziger nicht, im Gegensatz zu Petras, der aber gerade das Gorki-Theater übernommen hatte und deshalb nicht in Frage kam. Andere sagten ab oder erfüllten für die Findungskommission – in der außer Petras mit Volksbühnen-Intendant Frank Castorf ein weiterer Weggefährte von Hartmann saß – das Stellenprofil nicht. Schnell lief es auf Hartmann zu. Manch einer sah bereits damals in seiner Berufung eine Fehlentscheidung.

Der ungewollte Intendant – so lautet der Subtext vieler Einschätzungen, die seitdem über Hartmann kursieren. Er selbst ist daran nicht unschuldig. Hartmann inszeniert nicht, sondern erfindet. Sein Theater will nicht unterhalten, sondern Widerhaken in Seele und Geschmacksempfinden setzen, es will quälen, verstören und so Gefühle generieren. Das Theater als Vorempfindung der Welt, die Dialektik von Wesen und Erscheinung – es war einmal. Für Hartmann sind das Relikte einer längst vergangenen Epoche, überkommene Gedankensplitter. Der Spielplan des Centraltheaters spiegelt dieses missionarische Ästhetikverständnis wider, nahezu kompromisslos. Hartmann will sich sein Publikum heranziehen.

Was in Berlin funktioniert und in Frankfurt gelingen könnte, scheitert in Leipzig. In Städten mit einer vielfältigen Bühnenlandschaft können Theater Nischen besetzen, anderenorts führen solche stilistischen Sonderwege ins Abseits, polarisieren, verprellen. Denn Hartmanns Inszenierungen sind reich an visuellen Details, jedoch arm an Geschehen. Optik ersetzt Inhalt, auf diese Formel lässt sich das Glaubensbekenntnis des Castorf-Zöglings reduzieren. Mitunter geht das gut, nicht selten aber kommt ein dramaturgischer Totalschaden dabei heraus. Etwa bei seiner Bearbeitung von Tschechows Der Kirschgarten, die im November Premiere hatte und bei der es sich empfiehlt, die Eintrittskarte griffbereit zu halten, um jederzeit einen Blick darauf werfen zu können, in welchem Stück man sich befindet.

Kälteschauer

Platt, effektheischend und voller Katheder-Komik kommt diese Inszenierung daher. Von der Lesart, eine Zeitenwende subtil-melancholisch in Einzelschicksalen abzubilden, sind nicht einmal Spurenelemente geblieben. Dass Hartmann eingangs sein 13-köpfiges Ensemble in einem alten Lada auf die Bühne rollen lässt, ist nur ein Moment der in diesem Stück allgegenwärtigen Holzhammer-Symbolik. Passt ein ganzes Ensemble in einen Lada – eine Fragestellung, die sich vortrefflich als Saalwette bei Wetten, dass…? eignen würde.

Entsprechend war das Urteil vor Ort. „Einzelne Zirkusnummern, die kaum Orientierung bieten“, erkannte die Leipziger Volkszeitung, deren Rezensenten inzwischen Hartmanns Arbeitsweise und damit Kummer gewohnt sind. „In diesem Garten ist nicht gut Kirschen essen“, lautete das vernichtende Fazit der Lokalzeitung, die zuvor nicht als Speerspitze des theaterpolitischen Strukturkonservatismus aufgefallen war. Und auch Leipzigs Kulturdezernent Michael Faber, seit einem Jahr im Amt und einer der wortgewaltigsten Kritiker des Intendanten-Lehrlings, wurde es bei dem nahezu vierstündigen Zuschauer-Martyrium zuviel: Als am Ende der Premiere ein Protagonist ein „Adieu“ in Richtung Publikum rief, entfuhr Faber, so versichern mehrere Augen- und Ohrenzeugen, ein „Na, Gott sei Dank“.

Nicht alles, was Hartmann auf die Bühne des Centraltheaters brachte, ist misslungen. Seine Inszenierung von Eugene O’Neills Eines langen Tages Reise in die Nacht, die Beschreibung einer familiären Vorhölle, ist sogar eine der eindrucksvollsten Theaterarbeiten des vergangenen Jahres. Das Ensemble, angeführt von Anita Vulesica und ihrem kongenialen Partner Peter René Lüdicke, geht darin an die Grenzen der physischen sowie psychischen Belastbarkeit und treibt dem Zuschauer, der sich darauf einlässt, Kälteschauer über den Rücken. Es sind Inszenierungen wie diese, die offenbaren: Mit herausragenden Schauspielern und einem Regisseur, der Autoren nicht zu Ideenlieferanten degradiert, vermag das Centraltheater-Projekt sein Publikum zu gewinnen.

Hartmann kann sich den Erfolg dieses Stücks nicht erklären, er scheint ihm sogar peinlich zu sein. „Mir geht die Psychologie in Eines langen Tages Reise in die Nacht derartig auf den Wecker, dass es weh tut. Ich finde das grauenhaft. Warum gefällt das den Leuten so?“, fragt er und es ist zu befürchten, dass tatsächlich weder der Intendant noch der Regisseur in ihm die Antwort kennen. Das Allzumenschliche, der banale Daseinskampf, die Verbannung des Menschen in die ewige Einzelhaft der eigenen Körperlichkeit, die in dieser Inszenierung offenkundig wird – es sind nicht die Themen, denen sich Hartmann stellen möchte. Der Schauspieler-Sohn, der bereits in seiner Kindheit mit dem Theater in Berührung kam, huldigt dem Grundsätzlichen, dem Großen, dem Allgemeinen. Nicht nur auf der Bühne.

Längst rumort es innerhalb des Ensembles, nahezu ein Fünftel wird zum Ende der laufenden Spielzeit das Schauspiel verlassen. Darunter Ausnahmedarstellerin Vulesica, der noch vergangenen Oktober der Leipziger Theaterpreises verliehen wurde. Auch Nachwuchstalent Henrike von Kuick wird gehen. Beide lehnten eine Vertragsverlängerung ab. Auf Ellen Hellwig, die viele Jahre in Leipzig auf der Bühne stand und zur Identifikationsfigur wurde, wird das Publikum demnächst ebenso verzichten müssen. Hausregisseurin Jorinde Dröse, die von Hartmann geholt wurde, ist schon weg: Sie beendete die Zusammenarbeit nach nur zwei Produktionen. Offerten, erneut in Leipzig zu inszenieren, schlug Dröse aus.

Elitäres Theaterverständnis

Das Dogmatische, Unbelehrbare in Hartmanns Naturell lässt selbst die wenigen Glanzpunkte seiner bisherigen Intendanz verblassen. Die Philosophische Praxis (der Freitag vom 19. November 2009) für die kleine Sinnsuche zwischendurch, das Stück Schwarztaxi, bei dem zwei Schauspieler in einer Mittelklasse-Limousine mit sparsamen Blinkereinsatz durch das nächtliche Leipzig rasen und drei Zuschauer auf dem Rücksitz in die gewollt brüchige Rahmenhandlung hineinziehen – Belege dafür, dass sich ein Stadttheater mit unkonventionellen Angebote behaupten kann. Unter Hartmann sind solche Zugeständnisse an den Geschmack des Publikums die Ausnahme, stagnierende Zuschauerzahlen die Folge.

In der Spielzeit 2007/2008, die noch vom Hartmann-Vorgänger Engel verantwortet wurde, verzeichnete das Schauspiel bei 509 Veranstaltungen 72.958 Besucher. In der folgenden Spielzeit, der ersten unter Hartmann, wurden lediglich 1,7 Prozent mehr Zuschauer registriert. Möglich wurde diese geringe Verbesserung nur durch ein Aufblähen des Spielplans (679 Veranstaltungen, ein Drittel mehr), die Auslastungsquote sank von unter Engel bescheidenen 64,4 Prozent auf 49,1 Prozent bei Hartmann. Und das, obwohl mit Liedermacher Rainald Grebe und seiner Klimarevue, die in der Spielzeit 2008/2009 in Leipzig 23 Mal aufgeführt wurde, ein zugkräftiges Angebot vorhanden war. Nachfragen, wie sich Grebe in konkreten Zahlen auf die Statistik auswirkt, wollte die Pressestelle des Centraltheaters nicht beantworten.

Vielleicht ist, wie es sich die Leipziger Kulturpolitiker durch die Entscheidung für Hartmann erhofft hatten, eine neue und jüngere Besuchergruppe erschlossen worden. Die Vorgabe, die Besucherzahlen deutlich zu erhöhen, hat der Engel-Nachfolger aber bislang nicht erfüllen können. Trotz eines städtischen Zuschusses, der inzwischen auf etwa 14 Millionen Euro jährlich angewachsen ist.

Die Lust der Kür

Das Ignorieren des bisherigen Stammpublikums, das Beharren auf einem elitären Theaterverständnis fordert seinen Tribut. Erst die Pluralität, die Mischung unterschiedlicher Stoffe und Inszenierungsstile, verleiht dem Theater seine Legitimation. Ein Konzept, das stattdessen auf Ausgrenzung und Verengung setzt, steht dem entgegen. Es ist, trotz aller demonstrativen Öffnungsbewegungen, undemokratisch. Montesquieu attestierte der menschlichen Natur ein Verlangen nach Vielfalt und Kontrast, diesem Bedürfnis müssten Staatsmänner und Künstler nachgeben. Imperativer formuliert: Wer den Vergleich nicht scheut, stellt sich ihm. Hartmann, ein schwebender Charakter, geht ihm in Leipzig aus dem Weg.

Einige Hartmann-Kollegen glauben, dass es so nicht weitergehen kann. Sewan Latchinian, der das Theater in Senftenberg leitet und dort schon seit Jahren aus materieller Armut dramaturgischen Reichtum macht, gehört dazu. Im Dezember veröffentlichte er auf den Sachsen-Sonderseiten der ZEIT eine detaillierte Analyse der Leipziger Krisenlandschaft, die in dem gepflegt-abwertenden Verdikt gipfelte: „Momentan erscheint mir Sebastian Hartmann als Regisseur begabter, denn als Intendant geeignet.“ Der Gescholtene vermutet sinistre Motive hinter dem Vorstoß seines Kollegen. „Faber ist 1961 in Leipzig geboren, Latchinian ist 1961 in Leipzig geboren. Das war ein nettes Bewerbungsschreiben an einen Altersgenossen.“

Eine Sichtweise, die Hartmann exklusiv hat. Nach Erscheinen des Artikels griff er zum Telefonhörer und beschwerte sich bei Holk Freytag, der dem Vorstand der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins vorsteht, sowie bei Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theater Berlin, über Latchinian. Im Vorstand der Intendantengruppe wurde der Vorgang danach diskutiert. Mit einem klaren Ergebnis: Unüblich sei der öffentliche Weckruf Latchinians gewesen, aber nicht unerlaubt – was in Leipzig passiert, betrifft die gesamte Szene, die sich zunehmend den Anwürfen von Sparkommissaren und Etatkürzern erwehren muss. Oder wie es ein Sitzungsteilnehmer formuliert: „Latchinian ist nicht gerügt worden. Für einen Intendanten gibt es kein fremdes Leid, kein fremdes Glück, kein fremdes Theater“.

Wer Hartmann befragt, wie sich die deutsche Theaterszene in den nächsten Jahren verändern sollte und wo er das Schauspiel Leipzig am Ende seiner ersten Intendanz sieht, hört wenig Konkretes, dafür aber viel von Westerwelle, Hartz IV, der Wirtschaftskrise und den Banken. Das ist so oberflächlich, wie es klingt. Hartmanns Metier ist die Lust der Kür, nicht die Fron der Pflicht. Inhaltliche Unbestimmtheit und dahinplätschernde Beliebigkeit sind unter ihm in Leipzig zum Leitbild erhoben worden. Visionärer Eifer kann das nicht übertünchen.

16:00 16.04.2010

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