Wo man kotzt

Berliner Abende Als Kind schon wurde mir von Hausarbeit speiübel. Nach Beendigung der herrlich symptomfreien feministischen Phase war es dann wieder da. Das Leben, ...

Als Kind schon wurde mir von Hausarbeit speiübel. Nach Beendigung der herrlich symptomfreien feministischen Phase war es dann wieder da. Das Leben, immer ultra, forderte Zähne zusammenbeißen und alltäglich heldenhaftes Unterdrücken dieser ganz speziellen Art von Brechreiz. Was allerdings erst einmal des Nachts eine Knirschschiene notwendig machte. "Sind Sie verheiratet?" betrachtete die Zahnärztin forschend den goldenen Ring an meiner Hand. Wollte aber nur in Kenntnis bringen, ob mein nächtliches Mahlwerk einsam oder unter Zeugen stattfände. Zweitens stimulierten die unterdrückten Reize allerbesten Mutterboden. Kleine Gewächse wuchsen bald, mehrten und verzweigten sich. Bald wurde es eng für Magen, Herz und Nieren. "Die sind jetzt reif", sagte die Spezialistin streng, nach schnellem Blick auf den Bildschirm.

Ich ging hin, wo ich hingehe, wenn es brenzlig wird. In die Buchhandlung meines Vertrauens. Ein kurzes panisches Drehen am Ständer für Ratgeberliteratur und ich kaufte mir ein Buch über chinesische Heilkunst. Drei Wochen lang lag es unter meinem Kopfkissen. Nichts tat sich. Alles blieb wie es war. Dann bestellte ich mir, so etwas ist nie vorrätig, ein Buch mit dem Titel: Bunte Särge. Der Buchhändler meines Vertrauens zog die Brauen hoch und überreichte mir den rosa Bestellzettel. "Särge" und meinen Namen hatte er notiert. Noch ein paar Tage später machte ich mich auf den Weg zur Eigenblutspende. Ich las angeregt in meinem neuen Buch und versäumte auszusteigen. Ich spendete mir noch mehr Blut auf Vorrat, las das Buch zu Ende, dann war es so weit.

Ich saß schon sehr früh am Abend im Schlafanzug auf einem Bett. Die Plastikfolie über dem Nachbarbett raschelte leise im Herbstwind. Nehmen Sie nur das Notwendigste mit! Keine Geschenke an das Personal! Ars Vivendi. Auf dem Nachttisch lagen zwei grüne Nassrasierer, eine grüne OP-Haube, ein Paar lange weiße Strümpfe. Die morgenbleiche Famula Blind, ("Meine Mutter ist Augenärztin"), stocherte und fand keine Vene. Mein Hemd hatte einen Priesterkragen. "Hauptsache, der Popo ist frei". Dann rollte ich. Türen öffneten sich und schlossen sich. Ich rollte. Direkt in den neusten Almodovar hinein. Ja, sprich mit mir, bitte, grüngekleideter Außerirdischer! Zart unter einem weißen Tuch wurde ich entblößt. Genauso war´s. Danke!

Ich wachte auf. Ich machte Bekanntschaft mit meiner neuen Bettnachbarin. Kurz. Dann lernte ich die kompostierbare Nierenschale kennen. Ich schlief über ihr ein, wachte auf über ihr, verbrachte die Nacht mit ihr. Frau Riemenschneider im Bett nebenan litt mit. Zwischendurch telefonierte sie. Am nächsten Morgen war alles gut. Ich lag im Bett, trug weiße Strümpfe, ein blaues Hemd, dem an entscheidenden Stellen die Knöpfe fehlten. Fix und fertig zum Dreh für den "Patientinnen-Report". Ich betrachtete die aus meinen Seiten ragenden Schläuche. Rechts rann Blut in eine Flasche. Links rann Wundwasser in einen Beutel. Das ist also mein Blut, dachte ich verwundert. Mir wurde schlecht.

Frau Riemenschneider wurde hereingefahren, als in meinen Kopfhörern Max Goldt melancholisch sang: "Bau mir ein Haus / aus den Knochen von Cary Grant". Ihr ging es gut. Sie war euphorisch. Sie jubilierte. Sie telefonierte. Sie führte Klientengespräche. Denn sie war Heilpraktikerin. Freischaffende kennen keinen Schmerz. Sie sah mich scharf an und diagnostizierte: "Leber-Chi-Stau." Ich griff zum Galgen, zog mich ächzend hoch und steckte mir Robby an den Strumpf. Ich nahm die Flasche und schlurfte gekrümmt zum Bad. Nach kräftezehrender Prozedur und dem langen Marsch retour empfing mich Frau Riemenschneider mit besorgtem Hallo. Sie hatte Besuch, der ihr chinesische Kräuter und eine Riesenthermoskanne mit Genesungsbrühe auf den Nachttisch gestellt hatte. Während ich von der "Strudlhofstiege" den Staub der ersten Tage blies, verschlang sie die Brühe, dann schwang sie sich vom Krankenlager. Der Rauchsalon samt allen seinen Zombies zog sie magisch an. Sie trug das schwarze Etui mit ihren Nadeln unterm Arm. Sie hatte zu akupunktieren. Auf dem Flur klapperte es. Stimmen wurden laut. Der Fünfuhrtee wurde auf leisen Gummireifen herangerollt. Ich arbeitete mich stöhnend aus dem Bett. Um den Wagen standen Beuteltiere in geknickter Haltung und angeregtem Gespräch.

Bleichgesichtig schlich Frau Riemenschneider kurz darauf ins Zimmer. "Urisch flau" sei ihr. Sie kroch ins Bett und stöhnte. Sie verschwand hinter einem Stapel von Nierenschalen. Stunde um Stunde schwankte sie ins Bad, verfluchte den Suppenkoch, verfluchte ihre Gier, verfluchte die Ärzte und kotzte sich die Seele aus dem Leib. Am Morgen, während ich mir seltsam ungerührt ein hartgekochtes Ei aufklopfte, war Frau Riemenschneider, die ohnehin dem Buddhismus zugeneigt war, "reine Leere".

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00:00 08.11.2002

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