Wo Menschen ›benuttst‹ werden

Welt des Verfalls Reinhard Jirgls neuer Band »Die Unvollendeten« zieht mit einer Familiengeschichte eine Bilanz des 20. Jahrhunderts

Was die eine von der anderen Gruppe unterscheidet, die Vertriebenen von den Auswanderern, ist vielleicht bloß ein schmaler, aber ganz entscheidender Grad der Freiheit. Denn während die Auswanderer, denen gerade Gerd Fuchs in seinem neuen Roman ein erzählerisches Monument gesetzt hat, oftmals die Wahlmöglichkeit haben, wohin sie denn gehen, wird über die Vertriebenen entschieden, wie Reinhard Jirgls neuer Roman an der Lebensgeschichte einer Familie zeigt. Mehr und weiter oder gar tiefer noch, wofür traditionellerweise - marxistisch - ein Begriff wie Entfremdung oder - heideggerianisch - die Unbehaustheit stehen, lässt Jirgls Text das existentielle Ausmaß spüren, wenn da am historischen Ende, nachdem zuvor die Schicksale dreier Generationen samt Verheerungen und Verstörungen - Urgroßmutter, Großmutter und Tante, Mutter - perspektiviert worden sind, der Erzähler und Letztgeborene, der 1953 in der DDR zur Welt gekommene ehemalige Zahnarzt und dann Betreiber einer Buchhandlung, letzten Endes die Reihe der Unvollendeten beschließt.

Der Krebskranke liegt in der Klinik, notiert seine Erinnerungen, erzählt Widerfahrnisse aus seinem sich neigenden Leben: die DDR-Zeiten ebenso die Nachwende-Situation, und zieht am Ende dann die Quersumme eines in seinen Anfängen als Jahrhundert des Kindes gestarteten, nurmehr kriegerischen 20. Jahrhunderts: »Das 20. Jahrhundert, das Jahrhundert der Lager Vertreibungen, nach soviel Freigelassenheit zu Idiotie u Grauen, vom Blut aus zerrissenen Lungen durchtränkter nächtiger Zeit, darin auch TECHNIK durch Freiheit zu Sklaverei sich steigern konnte; das Neue ist neue Idiotie neues Grauen mit alter Blindheit Angst Hoffnung, daraus DIE SCHULD hinaus bis in den-Kosmos hinein bis in die Gene treibt.? Nach wie vielen Jahrhunderten wird das 20. Jahrhundert endlich zu-Ende sein, und? Was kommt? Wann Danach. Aber: Das 20. Jahrhundert, es hat ja soeben wieder begonnen...«

Das mag zwar ein bisschen nach Traktat klingen, spannt jedoch lediglich das Leitmotiv oder - anders ausgedrückt - die Basisintuition auf, die Jirgl bewogen hat, seinen neuen sprach- und auch sonst gewaltigen Roman zu schreiben. Dabei knüpft dieser Text die Fäden anderer Bücher fort, verspinnen auch die »Unvollendeten« wieder ins dichte Netz familiärer Beziehungen die große Welt-Gesellschafts- und Systemgeschichte. Es wird erzählt und erzählend etwas bewiesen - und nicht bloß behauptet. Allerdings ohne Konsequenz, Resultat oder - im schlimmsten Sinne - irgendeine Lehre. Denn wo es um existentielle Leere geht, müssen alle Lehren versagen!

Ende des Krieges sind diese Frauen aus Komotau vertrieben worden, ohne danach jemals wieder irgendwo heimisch werden zu können. Lange Zeit keimt in ihnen noch die Hoffnung auf Rückkehr, der Wunsch, die Heimat wiederzusehen; veränderte Zeitläufe und Systeme machen es schließlich möglich, aber die wirkliche Heimat ist realiter unauffindbar geworden. Einmal Flüchtling, immer Flüchtling - so zieht es sich durch Jirgls Text und bleiben die verschiedenen Generationen stigmatisiert. Vertrieben, vergewaltigt, stets argwöhnisch beäugt, niemals akzeptiert, stellt der Verlust - zugleich auch das Idiosynkratische an dieser internalisierten Haltung - den Prägestempel für die Familienbiographie dar. Nichts bleibt übrig, mindestens keine sichtbaren Zeichen, wie der Erzähler, selbst dem Ende nahe, über die Frauen seiner Familie berichtet: die Großmutter »lag im Bett, das Gesicht eingesunken, als wolle sie ihrem Verschwinden nicht den leisesten Widerstand bieten schlief sie hin==über - so still, unmerklich, dass der Arzt zuvor mehrmals nach dem fakirdünnen Atem hatte forschen müssen.« Gäbe es da nicht die Erzählung - denn der Mensch ist nicht nur ein erzählendes, sondern ebenso ein erzähltes Wesen -, dann würde nichts mehr an diese Frauen erinnern, würden selbst noch die letzten Spuren getilgt, wie eines jener Erinnerungsbilder evoziert: »Ich wurde das Einebild in der Erinnerung nicht los: Hanna Maria an ihrem Umzugstag aus der Güterabfertigung, das alte Handwägelchen, voll beladen, wieder--wieder durch die Straßen ziehend, die Nachbarn hinter den Fenstern schauten ihnen zu warteten.... Und am selben Abend=damals das Licht in der verlassenen Wohnung unterm Dach Schatten huschten dort umher, die neuen Besitzer all der zurückgelassnen Sachen -. Jetzt waren die beiden Flüchtlinge end=gültig enteignet.«

Die Klassiker der (frühen) Moderne schauen über die Schulter, Benn und Jahnn, immer wieder Arno Schmidt, wenn Reinhard Jirgl mit erprobten und bewährten stilistischen Mitteln - wer hier die griffigen Ismus-Formeln bemüht, hat schon längst verloren! - nicht nur eine Familiengeschichte über etliche Jahrzehnte hinweg auf- und ausrollt. Sondern zugleich in Digressionen über gesellschaftliche Zustände und mentale Dispositionen der ›Doitschen‹ vor und nach der Wende (»vom Kommunistischen Manifest zum Globalistischen Money-Fest«) oder auch über den literarischen Markt dieser Republik, über Trends und Moden einst und jetzt seine Kommentare und Sottisen abgibt: »(Ich schaute um-mich herum, sah mir diese Awang-Gardedjünger an:) Gibt Mengenleute, die halten die olle Zöpfeflechterei DaDa LautgeDichte gar noch für suppwehr-syph, aus Zeiten als Staats-Sinn noch zu zertrümmern war.! Das aber hat inzwischen der-Staat=selber übernommen ist längst sein bester DaDaist...«

Wieder erschreibt sich Jirgl - vielleicht um eine Spur unangestrengter als früher - ein großes, rabenschwarzes Panorama, das im Sprach- und Denkspiel neue Bezüge und Verbindungen, Verweise und Aspekte einer Welt des Verfalls und Zerfallens deutlich macht. Kein Grand Hotel Abgrund jedoch, in dem sich der Erzähler höchst komfortabel eingerichtet hat, sondern ein apokalyptisches Szenario. Höhnisch grinsend reckt Bruder Tod seinen kahlen Schädel auf, während der Erzähler um den kleinen verlöschenden Rest seines Lebens und - in diesem - um die allerletzte Möglichkeit erzählerischen Eingedenkens schreibt.

Reinhard Jirgl: Die Unvollendeten. Roman., Hanser, München, Wien 2003, 256 S., 19, 90 EUR

00:00 21.03.2003

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