Wolkenbruch ohne Vorzeichen

SARAJEVO (II) Über diese Stadt gibt es heute vor allem Missverständnisse

Manche Besucher erschrecken in Sarajevo über die vielen noch sichtbaren Zerstörungen, anderen mangelt es an Ruinen als Beweise des vergangenen Krieges. Manche entdecken überall die neuen Reichen, Kriegsgewinnler und Mafiosi, ihre Autos und ihre Treffs, andere sehen vor allem die hastenden erschöpften Menschenströme. Manche fühlen sich zu den vitalen, gesprächsbereiten Leute hingezogen, andere werden schwermütig angesichts der weißen Gräberfelder. Die einen staunen über die erstklassig modisch gekleideten jungen Leute, die anderen über das starke bäuerliche Element in der Stadt. Alles gibt es, und man fügt es unwillkürlich zu den Bildern, die man schon in sich herumträgt. Es müssen viele sein, wenn auch undeutliche, zusammenhanglose Fetzen von Bildern, die unverstanden bleiben.

Sarajevo war während der dreieinhalbjährigen Belagerung zwischen 1992 und 1995 fast täglich im Fernsehen. Doch das Zuschauen macht nicht unbedingt klüger. "Sarajevo? Das kenne ich doch, Moment, Sarajevo, wo liegt es noch mal?" So forschte eine Sprechstundenhilfe in ihrem Hirn, Mitte 30, mit der ich über den Tresen hinweg plauderte. "Ach ja, in Bosnien, da war ja Krieg", setzte sie fort. "Ist er vorbei?" Die "unschuldige" Rede begleitete mich auf der Reise, tauchte in Sarajevo immer wieder auf, ohne das Gesicht der Frau, das wieder vergessen war, nur dieses Stammeln, in dem sich die Ignoranz auf harmloseste Art und darum um so niederschmetternder ausdrückte. Denn sie leugnete damit vor allem, wie sehr diese Kriege die eigene Existenz berühren.

Nicht nur die Flüchtlinge, die nach Deutschland gelangen und später wieder abgeschoben werden, was Kälte hinterlässt, nicht nur die wirtschaftliche Misere in jener Region, die auf die deutsche Ökonomie zurückwirken muss, nicht allein die Kosten aller militärischen und humanitären Aktionen, sondern viel mehr ist verändert: Wir leben seitdem in einem Land, das sich an Kriegen in der Welt beteiligt, seine Söhne dafür zur Verfügung stellt, seine Gesetze anpasst. Das war so nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gedacht. Nun ist es geschehen im Windschatten oder Sog der Kriege im auseinander brechenden Jugoslawien.

In der Wohnung war ich schon einmal, 1994. Ein großes Loch war in der Wand, in der siebten Etage eines Hochhauses in Sarajevos Neubaugebieten. Durch das Loch war die bewaldete Bergwand von gegenüber zu sehen, nicht nah, aber für Granattreffer dieser Art nah genug. In den ausgebrannten Zimmern standen Milan und Velka Ninjkovic´, ein Lehrerpaar, das die Flucht aus Sarajevo vorbereitete. Als Serben wurden sie verdächtigt, den Belagerern auf dem Berg Lichtzeichen gegeben zu haben. Die Granate in ihrer Wohnung wurde abgetan als Vertuschungsmanöver. Sie erlebten den entfesselten Nationalismus in ihrem Alltag und waren dem nicht gewachsen. Sie waren zermürbt und geduckt, sie bestachen und überredeten, sie überschrieben die noch intakte Wohnung der alten Mutter, bei der sie untergekommen waren, gegen falsche Dokumente.

Auf der serbischen Seite, in Blickweite ihrer verlassenen Wohnung, fanden sie Unterkunft in einem Massenquartier. Matratze, Kisten, zwei Gartenstühle, eine Wäscheleine quer durch den Raum.

Sie arbeiteten wieder als Lehrer in einem beschädigten Gebäude der Sarajevoer Technischen Universität. Ich holte Milan dort ein Jahr später ab. Seine Klasse mit rund 40 Schülern war in einem Saal untergebracht, der durch eine Ziehharmonikatür geteilt war. Dahinter saß die andere Klasse, jedes Wort war von dort zu vernehmen. Milan und Velka wirkten glücklich. Sechs Jahre, bis Ende 2000, blieben sie in diesem Raum, lebten "als Studenten", wie sie es nannten, waren stolz auf ihre Fähigkeit, sich mit dem Minimum zu arrangieren.

Doch irgendwann nach dem Krieg prozessierten sie um ihre Wohnung. Nach dem Vertrag von Dayton (*) dürfen Flüchtlinge in ganz Bosnien-Herzegowina in ihre Orte zurückkehren. Sie erhalten Häuser und Wohnungen wieder, wenn sie ihr Eigentum waren. Die neuen Bewohner lassen sich meist nur vom Gericht hinaussetzen, es dauert einige Jahre, oft nehmen sie Türen, Wasserhähne, Fußböden mit, ohne Ansehen der ethnischen Zugehörigkeit. Im Nachkrieg atomisiert sich eine Gesellschaft, zerfällt in winzigste Einheiten, die um die Existenz kämpfen, einzeln jetzt. Die Rückkehrer, die ich traf, begannen ihr neues Leben in Sarajevo fast immer an einem Nullpunkt.

Im Herbst 2002, Milan und Velka haben ihre Wohnung hergerichtet, sie ist noch karg. Er hat seine Stelle als Lehrer jenseits der unsichtbaren Grenze, in der Republika Srpska, behalten. Sie ist ohne Arbeit, will ein Angebot nutzen, in Frührente zu gehen. Die Tochter, eine Medizinstudentin, ist nach Kanada ausgewandert. Diese Welt der Selbstzerstörung zu verlassen, war ihr ganzes Streben. Nun sucht sie dort eine neue Biographie. Kanada ist für sie leer, alte Freunde, früher als sie ausgewandert, traf sie zwar, aber erkannte sie kaum noch. Sie leidet und hofft doch, das Vakuum zu füllen, mit sich selbst. Milan spielt wieder in einer Gruppe Gitarre. Alles scheint gut. Und doch wissen die beiden nicht zu sagen, ob sie sich in der Stadt halten werden. Sie räumen die Möglichkeit ein, dass auch sie eines Tages dem allgemeinen Trend folgen, die Wohnung verkaufen und weggehen. Am besten wäre es, meinen sie, irgendwohin in den Wald, allein.

Wie getrieben laufe ich von früh bis spät durch die Straßen, aber an Türen von Bekannten gehe ich meist vorbei. Einmal suche ich lange ein Haus im Gewirr der auf und absteigenden Gassen und stehe endlich vor dem Hof. Ich müsste den Hof nur überqueren, zwischen den Fußball spielenden Kindern hindurch, bei Ferida klopfen. Wenn sie öffnete, wäre die Freude ungeheuer. Denn die alleinstehende Bankangestellte mit kranker Mutter hat den Krieg schwer erlebt, ohne Hilfe von außen. Wir haben einmal drei Nächte beim flackernden Licht ihrer selbstgebauten Ölfunzel, ihrem Wasservorrat in einer grünen Plastiktonne und bei irgendwelchen Gebäcken verbracht. Sie nannte diese Begegnungen Wunder: ein Mensch von außen an ihrem Tisch, der ihr zuhörte.

Doch plötzlich wende ich mich ab. Als hätte ich keine Kraft mehr, Geschichten von der alltäglichen Mühsal zu hören, von Arbeitslosigkeit, nicht ausgezahlten Löhnen, die sowieso nicht reichen, vom Wunsch, die Stadt zu verlassen, von neuer Kälte, den Enttäuschungen der vergangenen Jahre. Ein Wolkenbruch ohne Vorzeichen scheucht mich in ein Café. Der Regen endet wieder abrupt, schon blitzen Sonnenstrahlen. Ein alter Mann, der allein im Restaurant sitzt, schüttelt den Kopf: "Was ist denn das? So ein Regen und gleich wieder Sonne? Seit 80 Jahren lebe ich hier, aber das habe ich noch nie gesehen. Gott hat sich von Bosnien abgewandt."

Im Basar - Bascarsija genannt - treffe ich die Mutter von Amra und Asida, den schönen Musikstudentinnen, die inzwischen nach Australien ausgewandert sind. Alte Moscheen, Höfe mit Restaurants und Cafés, eine restaurierte alte steinerne Karawanserei und die hölzernen Verkaufshäuschen mit Ziegeldächern bilden das Viertel. Hier ließe sich sagen: aus Ruinen auferstanden, perfekter als zuvor. In den Menschenströmen schwimmen wie Inseln Soldatengruppen in Tarnuniformen mit, Gestalten aus einer anderen Zivilisation, ihre nationalen Zeichen am Ärmel, beladen mit Paketen.

Warum herrscht in Sarajevo vor allem Enttäuschung? Was läuft schief? Den Leuten ist die Lust vergangen, etwas genau zu erklären. Nur zynische Bemerkungen sind noch zu haben. Ein Protektorat wie Bosnien, das am Tropf großer Mächte hängt, kann offenbar nicht Kraft gewinnen. Nur Cliquen profitieren. Wahrscheinlich wirkt hier ein ökonomisches Gesetz, das sich in einer Formel ausdrücken ließe. In Fall Bosniens setzt sich das "Falsche" des Krieges - die Vortäuschung und Vertuschung der Absichten - im Nachkrieg als Falsches fort. Aus dem verlogenen Beziehungsgeflecht zwischen bosnischen Profiteuren und interessierten Außenmächten kann nichts Produktives hervorgehen.

In den Balkan ist viel Geld geflossen, nicht immer in kontrollierte Kanäle, aber doch hierher. Humanitäre Verbände haben Dächer repariert, bauen neue Siedlungen, versorgen Kranke, betreuen Waisenkinder. Keine geringe Zahl an Bürgern der Stadt verdient seit Jahren die Brötchen bei internationalen Organisationen. Sie renovieren ihre Wohnungen, kaufen, regen so einen gewissen ökonomischen Kreislauf an. Es herrscht kein Stillstand.

Aber den Menschen, die schließlich gewisse Erinnerungen an den Aufbau Jugoslawiens nach dem Zweiten Weltkrieg gespeichert haben, bleibt nicht verborgen, dass der größte Teil der Gesellschaft lahm gelegt ist. Im Grunde sind nur wenige Gruppen voll Energie und verfolgen ihre Ziele: kriminelle Kreise und jene, die mit dem so genannten "internationalen Faktor" zusammenarbeiten. Moslemische Gemeinden sind auf stille Weise aktiv. Andere soziale Schichten und Berufsgruppen aber bleiben von den wichtigsten Prozessen ausgeschlossen und in den engen Raum gesperrt. Die Teilung Jugoslawiens in Kleinstaaten ist nun als Absurdität deutlich.

Die Hoffnung auf die "eigenen Leute", die sich uneigennützig für "ihr Volk" einsetzen, ist längst zerstoben. Schon während des Krieges ließ sich lernen, dass die soziale Zugehörigkeit meist schwerer wiegt als die ethnische oder religiöse Gemeinschaft. Vor allem Stadt- und Landbevölkerung blieben einander fremd und nicht wohl gesonnen. Serben kehren jetzt kaum noch aus patriotischen Impulsen Sarajevo den Rücken, sondern wegen des Mangels an Arbeit und aus Resignation. Allerdings ist die verstärkte islamische Prägung der Stadt nicht zu übersehen. Sakrale Bauten und Kopftücher der Frauen führen sie vor. Gestritten wird zur Zeit noch darum, ob demnächst in Kindergärten die religiöse Erziehung zur Pflicht gehören solle.

Es ist die Mutter von Amra und Asida - eine Muslimin - die mir erklärt, dass hier zwei islamische Richtungen gegen einander stehen: die türkische und die arabische. Die türkische Tradition, die mit dem Osmanischen Reich kam und 600 Jahre lang neben den anderen beiden Religionen in Bosnien anwesend war, sei ungleich toleranter und weltoffener, meint sie, als dieser Islam, der nun unter saudischem und kuwaitischem Einfluss ins Land einziehe.

Sie spricht als einzige mit Optimismus von Sarajevo - darum sei Amras und Asidas Mutter, Angestellte in der Stadtverwaltung, hier am Schluss zitiert: Sarajevo hat noch seine Seele, sagt sie. Als sie merkt, wie ich aufschaue bei diesem Satz, betont sie es: "Doch, doch, Sarajevo hat seine Seele nicht verloren, nur versteckt, aber sie kommt wieder zum Vorschein, ich spüre sie, die Menschen fangen wieder an, aufeinander zu achten, du wirst sehen, Sarajevo wird wieder eine Stadt mit Atmosphäre und mit einem guten Geist."

(*) Der am 14. Dezember 1995 in Paris nach Verhandlungen in den USA (Dayton) von den Präsidenten Milos?evic´ (Bundesrepublik Jugoslawien), Izetbegovic´ (Bosnien-Herzegowina) und Tudjman (Kroatien) unterzeichnete Vertrag regelt die Aufteilung Bosnien-Herzegowinas in eine bosnisch-kroatische Föderation und die Republika Srpska. Zur Überwachung wurden internationale Streitkräfte (IFOR) implementiert.

00:00 29.11.2002

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