YSL in der DDR

Selbstbestimmer Nachgetragene Gedanken aus naher Ferne an den kürzlich verstorbenen Modemacher Yves Saint Laurent

Wir, die erste Gestaltergeneration, die nach dem Krieg die Kunsthochschulen der DDR verließ, war Anfang der sechziger Jahre gerade so jung wie Yves Saint Laurent. Er lebte in einem anderen Land, mit einer anderen Geschichte und Kultur, unsere Herkunft konnte gegensätzlicher nicht sein, und dennoch verband uns der Wunsch nach Veränderung. Die sechziger Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs, in Frankreich, im westlichen und östlichen Teil Deutschlands. Saint Laurent gelang der konsequente Bruch mit der überkommenen bürgerlichen Vorstellung von Mode, und auch wir wollten ein völlig neues Frauenbild schaffen. Offenbar kam es nicht auf die Herkunft an, sondern auf die Art zu denken.

1947 rauschten die Modelle des neuen Modehauses Christian Dior in Paris über den Laufsteg. Dior hatte Kleider geschaffen, in denen 15 bis 50 Meter Stoff verarbeitet waren. Eine neue Mode war geboren - der New Look. Eine Mode, die geplant und kalkuliert war, um die durch den Krieg brachliegende Textilindustrie wieder anzukurbeln. Die Geldgeber des jungen Couturiers waren Industrielle. Die Schönheitsvorstellungen der Vorkriegszeit wurden dabei kaum angetastet. Während die jungen, berufstätigen Frauen eher von der geheimnisumwitterten Chansonsängerin Juliette Gréco fasziniert waren oder von der bezaubernden, langmähnigen Brigitte Bardot, verkörperten die Mannequins auf dem Laufsteg und in den Zeitschriften weiterhin den Typ der ebenso untätigen wie unnahbaren Lady, stets kunstvoll frisiert, ätherisch dünn, in exaltierten Posen. Auch in der 1956 gegründeten Modezeitschrift Sibylle orientierte man sich anfangs noch an der Modeauffassung und dem Frauentyp der Vorkriegszeit. Dabei war die gesetzlich festgelegte Gleichstellung von Mann und Frau in der DDR eine gute Basis, um die Mode und ihre Präsentation gründlich zu revolutionieren. Aber das Umdenken, die Lösung von traditionellen Vorstellungen, kam nur mühsam in Gang. Wir Modegestalter, Redakteure und Fotografen versuchten dem Überkommenen Anfang der sechziger Jahre etwas Neues, Eigenes entgegenzusetzen, das unseren unsere Vorstellungen von der Zeit, der Gesellschaft, der Kultur, von Schönheit und Lebensgefühl entsprach. Im Zentrum unserer Vorstellungen stand der Alltag. Er war der Maßstab, an dem alles gemessen wurde: die Mode und die Wirkung der Fotomodelle. Da waren keine Kühnheiten gestattet und keine Extravaganzen gefordert. Der Alltag musste bestanden und das Leben bewältigt werden. Für die Frauen sollte nicht entscheidend sein, wie sie aussahen, sondern was sie konnten und leisteten. Bekleidung musste funktionell, zeitlos sein. Deshalb fotografierten wir sie zwischen Industrieanlagen, auf gewöhnlichen Straßen, in Büros und in Fabriken, dort, wo sie getragen werden sollte. Dieser Realitätsbezug schien uns eine Möglichkeit, die Mode glaubwürdig, identifizierbar darzustellen.

Als Saint Laurent 1962 Christian Diors Nachfolger wurde, setzte er dem New Look bald einen Stil entgegen, der unserem Credo entsprach. Er war wohl der erste, der die Mode im Westen demokratisch interpretierte. Auch er meinte, Mode solle in den breiten Schichten getragen werden, selbstverständlich und ohne Anstrengungen. Frauen sollten sich der Mode bedienen und nicht durch steten Wechsel irritiert werden.

Seine Trapezkleider waren eine Sensation, sie ließen alles Enge, Künstliche und Exaltierte hinter sich. Die losen, hemdartigen Kleider, die so figurgünstig geschnitten waren, in denen man sich frei bewegen konnte. Es war eine konsequente Absage an die Wespentaille, den Tonnenrock und die hautengen Etuikleider, und wir schwangeren, modebewussten jungen Frauen haben seine losen Kleider gern getragen, denn vor fast 50 Jahren verbarg man seine glücklichen Umstände noch diskret.

Seine größte Leistung aber war fraglos, dass er mit Mitteln und Elementen der Herrenbekleidung eine neue Mode für die berufstätige Frau schuf. Mit der Gründung seiner eignen Firma erfand Saint Laurent für Frauen Hosenanzüge, den Smoking, den Trenchcoat, die Cabanjacke - lange vor Armani. Auch den Blazer und darunter transparente Blusen. Er sorgte für eine Sensation, als er Straßenmode - Pullover und Lederjacke - in seine Kollektionen übernahm. Das traf in der DDR den Nerv der Zeit. Viele Frauen übten dort schwere Männerberufe aus, da mussten sie aus praktischen Gründen Hosen tragen. Aber auch für Freizeit und Sport wollte man nicht mehr auf die Hose verzichten. Saint Laurents Jacke-Hosen-Ensembles mit den erotischen, transparenten Blusen, die so sehr verführerisch und weiblich wirkten, wurden international zur Mode und sind heute unverzichtbare Klassiker

Und mit seinen Erfindungen und Creationen etablierte er auch neue Leitbilder. Er machte Mode für Paloma Picasso und Catherine Deneuve - kühle, erfolgreiche, selbstbewusste und durchaus verführerische Frauen. Eine Mode für Selbstbestimmte. Seine Muse, Catherine Deneuve wurde Vorbild für moderne selbstbewusste Frauen im Westen wie im Osten gleichermaßen. Wer Mode auf Flüchtiges, rein Äußerliches beschränkt, wird nur schwer verstehen, dass zu unseren Leitbildern nicht nur Deneuve und andere schöne, selbstbewusste Schauspielerinnen wie Angelica Domröse und Jutta Hoffmann gehörten, sondern auch die greise Anna Seghers und die alte Helene Weigel, dass Schriftstellerinnen wie Christa Wolf verehrt wurden, Malerinnen und Wissenschaftlerinnen den Frauen Orientierung gaben. Nicht wie sie aussehen, war uns so wichtig, sondern was sie sind.

Und was wäre Mode ohne die Farbe? Neues kündigt sich durch die Farbe an. Durch Farben werden Haltungen demonstriert, Farbe kann zur Philosophie werden. Bei Saint Laurent gab es ganze Kollektionen in Schwarz, konsequenter konnte er sein Konzept nicht demonstrieren; und die Damen der Modebranche trugen Schwarz als Camouflage, um sich nicht zu offenbaren, Neutralität zu bewahren.

"Schwarz ist meine Zuflucht", hat Saint Laurent immer wieder erklärt. Nun haben sich seine Freunde ganz in Schwarz gekleidet von ihm für immer verabschiedet. Adieu, Monsieur Saint Laurent - unerreichbarer Künstler, wunderbarer Modemacher. Wir ziehen nun auch unsere schwarzen Blazer und Kleider an.

Dorothea Melis war als Mode- und Kulturjournalistin unter anderem von 1961 bis 1970 Leiterin der Modeabteilung der Zeitschrift Sibylle.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare