Moritz Wichmann
Ausgabe 1617 | 03.05.2017 | 06:00 5

Zahlenmäßig leider unterlegen

Fake News Das Seminar „Calling Bullshit“ soll dabei helfen, den kritisch-kompetenten Umgang mit Datenmaterial zu erlernen

Zahlenmäßig leider unterlegen

Wenn Bullshit zur Forschungssache wird

Foto: imago/Ikon Images

Die Welt wird von Bullshit überspült: Das ist die Arbeitshypothese des aktuell wahrscheinlich beliebtesten Kurses an der Universität von Seattle. „Calling Bullshit“ heißt das Seminar, innerhalb von einer Minute waren die 160 Plätze vergeben, es gab seither mehrere hunderttausend Zugriffe auf die dazugehörige Webseite (www.callingbullshit.org) und ein weltweites Medieninteresse. Schon der provokante Titel trifft einen Nerv. Der Univerwaltung war das Wort zunächst suspekt. Doch der Biologie-Professor Carl Bergstrom und der Informatiker Jevin West haben sich durchgesetzt, und nun wird jeden Mittwochnachmittag über Bullshit referiert.

Zwar dominiert das Buzzword „Fake News“ in der Berichterstattung zum Kurs. Doch ein Blick auf die online frei zugängliche Literaturliste zeigt, dass es vor allem um das geht, was Bergstrom und West „bullshit of the higher order“ nennen: um Daten, Diagramme und Grafiken, die besonders in den von Zahlen beherrschten Natur- und Sozialwissenschaften kursieren – und die oft nicht kohärent oder sogar falsch sind, von deren Richtigkeit der Leser und die Öffentlichkeit aber trotzdem überzeugt werden sollen, mittels Bullshit eben.

Der Kurs sei nicht gegen Trump gerichtet, betonen die Professoren, die neben ihrer sonstigen Arbeit die Wissenschaft selbst untersuchen. So haben sie etwa gezeigt, dass Männer sich doppelt so oft selbst zitieren, wie Frauen es tun. In ihrem neuen gefragten Seminar behandeln Bergstrom und West den Bullshit aber viel breiter: Das geht vom psychologischen Anreiz, sich mit steilen Behauptungen soziales Ansehen zu verschaffen, über den systemischen Publikationsdruck in der Wissenschaft, über Diagramme, die Ergebnisse übertreiben, bis hin zu Lesern, die Kausalität mit Korrelation verwechseln.

All das ist nicht neu in einer modernen Welt, die schon lange von Zahlen dominiert wird. Schon 1954 erklärte Darrell Huff in seinem Bestseller How to Lie with Statistics der Leserschaft grundlegende statistische Konzepte; in den 1990ern veröffentlichte hierzulande der Ökonomie-Professor Walter Krämer populärwissenschaftliche Bücher wie Denkste! Trugschlüsse aus der Welt des Zufalls und der Zahlen. Doch im Zeitalter der Supercomputer – Stichwort Big Data – habe die Zahlengläubigkeit noch zugenommen, es werde immer mehr Blödsinn durch „schicke“ Algorithmen verbreitet, so West und Bergstrom. Sie wollen ihre Studenten nicht nur sensibilisieren, sondern ihnen mit einfachen Plausibilitätstests und anderen Methoden die Möglichkeit an die Hand geben, Unwahrheiten und Inkonsistenzen in Medienberichten und Wissenschaftstexten selbst aufzudecken.

Mit ihrer schnoddrigen Art vermitteln die Professoren auf zeitgemäße Art das, was man heute data literacy nennt: den kritisch-kompetenten Umgang mit Datenmaterial. „Ich hoffe, die nächste Generation wird skeptischer mit Zahlen umgehen, die Leute wollen den Blödsinn nicht“, sagt Jevin West. Im nächsten Semester soll der Kurs wiederholt werden. Auch dann werden die Studenten wieder mit dem Gesetz der „Asymmetrie von Bullshit“ des italienischen Software-Experten Alberto Brandolini konfrontiert. Es besagt: „Die Zeit, die nötig ist, um Bullshit zu widerlegen, ist um ein Vielfaches größer als die Zeit, die man braucht, um Blödsinn zu produzieren.“

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 16/17.

Kommentare (5)

dos 04.05.2017 | 18:48

1.

„Die Zeit, die nötig ist, um Bullshit zu widerlegen, ist um ein Vielfaches größer als die Zeit, die man braucht, um Blödsinn zu produzieren.“

Richtig, das stelle ich ja auch immer wieder selbst fest, aber

a) steckt darin schon der Rückzug, indem man sich auf bloße "Widerlegung" (m. o. w. notwendig) fokussiert, statt

b) etwas Richtiges (von vorneherein/ "a priori" ?) herzustellen.

So bleibt nur die "Differentialdiagnostik" (vergl. auch Negative Dialektik) je einzelnn festzustellen, wie/was (etwas) NICHT ist, - wo aber b) zur Erlagung von Steuerungsoptionen, sinnvoll-berechtigter "Hegemonie" (Gramsci) etc. unabdingbar wäre.

Der volltönende Auswurf scheinbar kritischer, aber reichlich kurz geschorener "Fakten" (z. B. Verschuldungsgrade Frankreichs o. Griechenlands, die zu den reichsten Gesellschaften in der EU- u. Eurozone gehören ...) erzeugt ja i. a. R. die Dekonstruktion kritischer Thesen (MLP ist eine Folge von, natürlich "doitscher", "Spar"-Politik) auf dem Fuße.

Damit einher geht auch das Mißverständnis, die Rechtspopulisten hätten die "Postfaktik" in die Welt gesetzt, wo sie doch "nur" die - noch reichlich ungelenke, aber das wird sich legen -, Gegenlüge und den Gegenirrtum aufrufen.

Vielmehr reagieren die sich bisher ethisch & kognitiv überlegen Dünkenden zunehmend auf die Offenbarung der Schwächen, auf denen ihre Gebäude stehen, mit entsprechenden Sätzen, die einst zum unausgeprochenen, bzw. in seiner Schrecklichkeit unerkannten Standard z. B. auch der Bildungslinken gehörten: "Nicht die Elite, das Volk ist das Problem" (Gauck).

Grenzpunkt 0 04.05.2017 | 20:34

Ergänzend zu diesem überaus wichtigen Thema möchte ich auf die Website "Unstatistik" verweisen:

"Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Bochumer Ökonom Thomas Bauer und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer haben im Jahr 2012 die Aktion „Unstatistik des Monats“ ins Leben gerufen. Sie hinterfragen jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Die Aktion will so dazu beitragen, mit Daten und Fakten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben."

Auch die Seite "Lügen mit Zahlen" von Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff enthält sehr viele aktuelle Beiträge aus unseren Breiten:

"Unter dem Stichwort Zahlenlügen spießen wir aktuelle Lügen mit Zahlen, Schummeleien mit Statistiken und verzerrende Grafiken auf. Sie finden hier praktisch eine fortlaufende Aktualisierung unseres Buches.

Einmal im Monat stellen wir ein besonders freches Beispiel als Zahlenlüge des Monats heraus."

Yanestra 04.05.2017 | 23:56

Allzu häufig begegnet man allerdings nicht Statistiken, jedenfalls nicht in Rohform - zumindest wenn man kein Journalist ist. Zugegeben, häufiger schon begegnen einem zur Textform ausgwalzte Statistiken, in denen sich schlimme Interpretationsfehler verbergen. Wer allerdings die Kurve schafft und sich das zu Grunde liegende Originaldokument besorgt, der braucht meistens schon kein Seminar mehr, weil er mit diesem Arbeitsaufwand bewiesen hat, dass er zumindest ein kritischer Leser ist, der Behauptungen nachprüft.

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Ehemaliger Nutzer 05.05.2017 | 12:11

als ich das erste mal von fake news hörte, dachte ich jetzt werden endlich die Irakkriegslügen gerichtlich aufgearbeitet und die NYT geschlossen.

Aber nein. Vielmehr sorgt sich die Elite um die Meinungshoheit. Zwar gehören alle wesendlichen Mediaoutlets (MSM) nur einer handvoll Konzernen (und damit der Elite) und der Bereich des erlaubten öffendlichen Diskurses wurde in den letzten jahren nochmal eingegrenzt.

Trotzdem haben wir das Internet. Noch vor 20 jahren war es das medium schlechthin, dass Diktaturen stürzen und den menschen das Licht der Meinungsfreiheit bringen sollte. Heute bemüht man sich in der westlichen Welt das Internet zu zensieren.

Warum? weil weniger Menschen die MSM konsumieren und daher nicht mehr im Sinne der Eliten diskursiv gesteuert werden können.

Besonders die unter 30jährigen sind total aus der alten medienwelt ausgestiegen und tumeln sich nur noch im Internet.

Daher muss das Internet also zensiert werden. Um die Zensur zu rechtfertigen werden Buzzwords wie fake news, alternative fakten, und natürlich der Russe nicht zu vergessen, kreierte.