Zahlenmäßig leider unterlegen

Fake News Das Seminar „Calling Bullshit“ soll dabei helfen, den kritisch-kompetenten Umgang mit Datenmaterial zu erlernen
Moritz Wichmann | Ausgabe 16/2017 5
Zahlenmäßig leider unterlegen
Wenn Bullshit zur Forschungssache wird
Foto: imago/Ikon Images

Die Welt wird von Bullshit überspült: Das ist die Arbeitshypothese des aktuell wahrscheinlich beliebtesten Kurses an der Universität von Seattle. „Calling Bullshit“ heißt das Seminar, innerhalb von einer Minute waren die 160 Plätze vergeben, es gab seither mehrere hunderttausend Zugriffe auf die dazugehörige Webseite (www.callingbullshit.org) und ein weltweites Medieninteresse. Schon der provokante Titel trifft einen Nerv. Der Univerwaltung war das Wort zunächst suspekt. Doch der Biologie-Professor Carl Bergstrom und der Informatiker Jevin West haben sich durchgesetzt, und nun wird jeden Mittwochnachmittag über Bullshit referiert.

Zwar dominiert das Buzzword „Fake News“ in der Berichterstattung zum Kurs. Doch ein Blick auf die online frei zugängliche Literaturliste zeigt, dass es vor allem um das geht, was Bergstrom und West „bullshit of the higher order“ nennen: um Daten, Diagramme und Grafiken, die besonders in den von Zahlen beherrschten Natur- und Sozialwissenschaften kursieren – und die oft nicht kohärent oder sogar falsch sind, von deren Richtigkeit der Leser und die Öffentlichkeit aber trotzdem überzeugt werden sollen, mittels Bullshit eben.

Der Kurs sei nicht gegen Trump gerichtet, betonen die Professoren, die neben ihrer sonstigen Arbeit die Wissenschaft selbst untersuchen. So haben sie etwa gezeigt, dass Männer sich doppelt so oft selbst zitieren, wie Frauen es tun. In ihrem neuen gefragten Seminar behandeln Bergstrom und West den Bullshit aber viel breiter: Das geht vom psychologischen Anreiz, sich mit steilen Behauptungen soziales Ansehen zu verschaffen, über den systemischen Publikationsdruck in der Wissenschaft, über Diagramme, die Ergebnisse übertreiben, bis hin zu Lesern, die Kausalität mit Korrelation verwechseln.

All das ist nicht neu in einer modernen Welt, die schon lange von Zahlen dominiert wird. Schon 1954 erklärte Darrell Huff in seinem Bestseller How to Lie with Statistics der Leserschaft grundlegende statistische Konzepte; in den 1990ern veröffentlichte hierzulande der Ökonomie-Professor Walter Krämer populärwissenschaftliche Bücher wie Denkste! Trugschlüsse aus der Welt des Zufalls und der Zahlen. Doch im Zeitalter der Supercomputer – Stichwort Big Data – habe die Zahlengläubigkeit noch zugenommen, es werde immer mehr Blödsinn durch „schicke“ Algorithmen verbreitet, so West und Bergstrom. Sie wollen ihre Studenten nicht nur sensibilisieren, sondern ihnen mit einfachen Plausibilitätstests und anderen Methoden die Möglichkeit an die Hand geben, Unwahrheiten und Inkonsistenzen in Medienberichten und Wissenschaftstexten selbst aufzudecken.

Mit ihrer schnoddrigen Art vermitteln die Professoren auf zeitgemäße Art das, was man heute data literacy nennt: den kritisch-kompetenten Umgang mit Datenmaterial. „Ich hoffe, die nächste Generation wird skeptischer mit Zahlen umgehen, die Leute wollen den Blödsinn nicht“, sagt Jevin West. Im nächsten Semester soll der Kurs wiederholt werden. Auch dann werden die Studenten wieder mit dem Gesetz der „Asymmetrie von Bullshit“ des italienischen Software-Experten Alberto Brandolini konfrontiert. Es besagt: „Die Zeit, die nötig ist, um Bullshit zu widerlegen, ist um ein Vielfaches größer als die Zeit, die man braucht, um Blödsinn zu produzieren.“

06:00 03.05.2017

Kommentare 5

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community