Zorn

Kehrseite II Als der 43. Schnitt langsam ausblutete, verebbte der Zorn. ...

Als der 43. Schnitt langsam ausblutete, verebbte der Zorn.

Immer noch rasend, aber nicht mehr blind vor Wut, betrachte ich meinen linken Unterarm. Das kräftige Kirschrot verwandelt sich langsam, aber beständig in eine rostbraune Kennzeichnung, die lange Zeit ein ständiger Begleiter sein wird, von den Narben ganz zu schweigen. Schweigen, ja schweigen sollte ich, das würde doch alles nichts nützen, nachher müsste noch die örtliche Polizei erscheinen und mich verhaften. Schweigen, denn auch sie könnten mir nicht helfen, sie wären ja nur selber Angestellte in einer großen Maschinerie. Sie müssten sich fügen zu dem, ein Künstler würde sagen: Gesamtkunstwerk. Ich sollte mir mal vorstellen, wenn jeder seinen Zorn und Unmut von den Dächern der Demokratie krakeelen würde wie ein orkanartiger Sturm, unterstützt von Blitz und Donner. Wo kämen wir da hin? Wir sind ja hier nicht die Beschwerdestelle, und wenn, dafür bräuchten wir sowieso erst mal das Formular A38B. Sie aber haben noch nicht mal Ihr eigenes.

Ich persönlich kann da nichts machen. Die Teamleiterin hat ja gerade eben mit Ihnen gesprochen. Sie können zwar einen neuen Termin machen, aber ich glaube nicht, dass sie noch einmal mit Ihnen reden will. Außerdem sind Sie Ihrer Mitarbeiterpflicht nicht nachgekommen, was können wir denn dafür, dass die Kollegin vom Jugendamt für 14 Tage im Urlaub ist. Sie sind der Auslöser, und deshalb sollten Sie am besten schweigen. Es bringt Ihnen nichts, mit anderen über diese Angelegenheit zu sprechen, geschweige denn mit den Medien. Gehen Sie einfach zur Tür hinaus, denken Sie nicht weiter nach, denn wir haben das Recht auf Erden gepachtet, in Formulare gewickelt und bis in alle Hoffnungslosigkeit abgestempelt. In acht Tagen wird Ihr Fall vielleicht neu aufgewickelt, aber ich glaube eher in vierzehn, dann bringen Sie das Formular mit, was wir von Ihnen erwarten, fertig. Wenn Sie deswegen nun zwei Wochen hungern müssen, so ist das wahrlich nicht unser Problem sondern Ihres. Das Geld wird schon zur richtigen Zeit bei Ihnen ankommen, und wenn nicht, holen Sie einfach ein neues Formular. Aber nicht das A38B, vergessen Sie das bitte nicht. Einen wunderschönen Tag noch, der Nächste bitte.

Ich gehe nach Hause, setze mich an meinen Schreibtisch, beginne mir die Arme aufzuschneiden, bis die Schnitte tief genug sind, um Fragen zu stellen, danach tauche ich die Feder in die rote Tinte und beginne zu schreiben.

Als der 43. Schnitt ...

Und wahrlich, bei allem, was ich den restlichen Tag noch tat, habe ich kein Wort gesprochen.

Gabriel Steinbach wurde am 1980 in Bielefeld geboren. Er arbeitet als Mediengestalter, freier Autor, Ghostwriter.


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00:00 20.07.2007

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