Zu subtil

Die Grünen haben mal wieder die Nase vorn. "Als erste Partei in der Geschichte der Europäischen Union" präsentierten sie Ende März stolz eine ...

Die Grünen haben mal wieder die Nase vorn. "Als erste Partei in der Geschichte der Europäischen Union" präsentierten sie Ende März stolz eine europaweite Wahlkampagne. "Du entscheidest!" - "You decide!" Mit diesem Motto auf sieben thematisch verschiedenen Plakaten werben sie einheitlich in 25 Ländern der erweiterten EU um die Stimmen der Wählerinnen und Wähler. Darunter ein Plakat in leuchtendem, warmem Gelb-Orange: "Du entscheidest" über "Gleiche Chancen für Frauen und Männer". Ach. War nicht mal "Geschlechtergerechtigkeit" grünes Programm? Aber vielleicht ist es so besser - dem Wahlvolk entsprechender. Warum sollten sich die WählerInnen EU-weit gleich für "Geschlechtergerechtigkeit" entscheiden, wo wir doch selbst in Deutschland noch nicht mal bei den "gleichen Chancen" angelangt sind?

Und dann noch diese überraschende bildliche Gestaltung des Plakats: von der unteren Bildhälfte her schlängeln sich Spermatozoen zum oberen Bildrand auf ein halbrundes, orangefarbenes Etwas zu, das anscheinend eine halbierte Eizelle darstellen soll - eine Ganze passte wohl nicht mehr aufs Bild! Wenn das nicht mal originelle Wahlwerbung ist! Zuerst habe ich nicht verstanden, was Spermien und Eizellen mit Chancengleichheit zu tun haben. Aber dann wurde mir klar: das ist gerade der Trick der Werbekampagne. Es soll ein Plakat zum Nachdenken sein, Aufmerksamkeit schaffen, für Diskussion sorgen. Vielleicht wetteifern die mit XX- und XY-Chromosomen beladenen Spermien darum, welche als erste bei der Eizelle ankommt und welche nun in sie eindringen darf? Und die Eizelle entscheidet dann, wen sie reinlässt? Kann das sein? Da entscheidet dann doch der weibliche Teil allein? Das wäre ja richtig subversiv. Ein Plakat, das ganz subtil für mehr weibliche Entscheidungsmacht wirbt!

Und da meckern besonders radikale Emanzen nun schon wieder, dass die Grünen in ihrer Europa-Wahlwerbung Biologismus statt Geschlechtergerechtigkeit vorantreiben. Die haben nämlich ganz platt assoziiert: Eizelle symbolisiert Frauen - passiv, aufnehmend, empfangend; Spermien stehen für Männer - vielzählig, aktiv, agil, invasiv. Und sie behaupten, mit solchen Biologie-Bildern würden alle feministischen Theorien über Geschlechterkonstruktionen über Bord geworfen. Mal wieder ein Zeichen dafür, dass Emanzen keinen Sinn für Differenzierung, feine Ironie und Subversion haben, oder? Und müssen grüne Feministinnen, nur weil auch sie dieses Plakat missverstanden haben, gleich so weit gehen zu erklären: Diese Plakate kleben wir nicht?

Allerdings: was, wenn andere WählerInnen die subversive Botschaft auch missverstehen und finden, dass schönfarbige Bilder aus dem Biologiebuch nicht mit der Geschlechterfrage zusammen gehören? Was, wenn sie sich vorsichtshalber lieber nicht für solche Chancengleichheit entscheiden wollen? Vielleicht sollten die grünen Männer angesichts der Gefahr eines solch grundlegenden Missverständnisses die Idee mit der Überklebeaktion doch aufgreifen. Neuer Text, mit dem sie sogar bei den Sozis punkten könnten: "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit."


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00:00 30.04.2004

Ausgabe 39/2020

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