Zukünftige Vergangenheit

Retrospektive Ernst Ludwig Kirchner malte Berliner Straßenszenen kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Seine Bilder sind zentral für die Wiederentdeckung der Moderne nach 1945

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut.“ So charakterisierte der expressionistische Dichter Jakob van Hoddis im Jahre 1912 in Weltende die Stimmung am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Und Ernst Ludwig Kirchner – 1880 im kunstträchtigen Aschaffenburg geboren, an dem, vielmehr an dem dort äußerst präsenten Lukas Cranach er sich noch Jahrzehnte später abarbeiten sollte –, Ernst Ludwig Kirchner malte diese Berliner Straßenszenen mit ihren Kokotten just zu dem Zeitpunkt, als dem Bürger der Hut noch nicht vom Kopf geflogen war. Oder wie das in dem Ausstellungskatalog wohl unfreiwillig komisch formuliert wird: „Ihre Freier sind nicht etwa Arbeiter, sondern bürgerliche Herren in Anzug und Hut.“

Es sind vor allem diese Bilder aus Kirchners Berliner Zeit, seiner produktivsten Periode, die – in der Frankfurter Retrospektive im Städel Museum gezeigt – eine Erklärung liefern könnten, weshalb man sich in dieser Ausstellung nicht fühlt wie auf einem Jahresausflug eines Seniorenstifts: Manche der Besucher sind unter 50 und einige sogar unter 20.

Seine Großstadtfiguren sind in ihrem demonstrativen Anti-Akademismus von manchmal geradezu beschwingter Dynamik und können doch wie geschnitzte Holzfiguren wirken. Diese sich widersprechenden Eigenschaften verdanken sich auch dem beinahe nervösen Malstil, der besonders die Gemälde von Kirchners Berliner Schaffensphase kennzeichnet, während die Bilder seiner Dresdener Jahre davor bisweilen von einer etwas schwülen Kleinmädchen-Erotik geprägt sind. Diese mitreißende Bewegtheit charakterisieren auch die in dieser Ausstellung ausführlich dokumentierten Arbeiten auf Papier und – noch stärker – die von ihm geschnitzten Skulpturen; für mich die eigentliche Überraschung dieser Ausstellung. Neben dem Glücksfall, das sonst in alle Welt verstreute Triptychon Badende Frauen aus den Jahren 1915 und 1925 im Zusammenhang sehen zu können.

Wie bei den Badenden Frauen ist es bei vielen anderen Gemälden Kirchners nicht ganz einfach, die Entstehungszeit der Werke eindeutig zu bestimmen. Viele seiner Bilder hat er zu einem späteren Zeitpunkt überarbeitet. Aber doch ist nicht zu übersehen, dass die Malerei, die nach seinem physischen und seelischen Zusammenbruch während der Ausbildung als Kriegsfreiwilliger entstand, fast ein orphistischer Zug kennzeichnet, die – bei aller Vorsicht – eher Assoziationen an die Gemälde der Delaunays erweckt. Die in der Berliner Zeit entstandenen Werke haben dagegen selbst heute nichts von ihrer Kraft verloren, auch wenn Kirchner im Unterschied zu seinen Zeitgenossen den Weg zur reinen Abstraktion nicht zu Ende gegangen ist.

Die Begeisterung des erfundenen Kritikers

Kirchner war in der Zeit der Weimarer Republik der meist ausgestellte Maler der deutschen klassischen Moderne, und das obwohl er nach dem Krieg die meiste Zeit auf einer Alphütte in der Nähe von Davos gelebt hat. Waren die bildmächtigen Konkurrenten seiner Generation wie etwa Franz Marc oder August Macke im Krieg umgekommen, geriet der Krieg dem etwa gleichaltrigen Ludwig Meidner zum das Œuvre beherrschenden Lebenserlebnis, so findet der Krieg bei Kirchner seinen direkten Niederschlag nur in einem Selbstportrait, in dem er sich mit amputierter Hand zeigt. Ansonsten, führt die Ausstellung vor, kümmerte er sich von den Bergen herab um das Gedeihen seines Werkes. Das ging so weit, dass Kirchner sogar einen in der Regel begeisterten Kritiker erfand, in dessen Namen der Maler selber schrieb, was man von seinen Bildern halten sollte.

Aber Ernst Ludwig Kirchner war nicht nur vielgekaufter und -gezeigter klassischer Moderner der Weimarer Zeit; seine Malerei war zentrales Moment bei der Wiederentdeckung eben dieser Moderne nach der Nazizeit. Er hatte sich 1938 – als entartet denunziert (600 Werke Kirchners „verschwanden“ damals aus deutschen Museen) – das Leben genommen. Zehn Jahre später zeigte die erste große Retrospektive einer offenbar konsternierten Öffentlichkeit, dass moderne Malerei keineswegs französische oder russische Spezialität war, dass es sehr wohl eine, wenn auch gewaltsam unterbrochene Traditionslinie im, wenn man so will, eigenen Land gab.

„Die Brücke“ hatte Kirchner seinen 1905 in Dresden gegründeten avantgardistischen Künstlerbund genannt. Noch vor dem Ersten Weltkrieg sollte er diesen Bund auflösen, den im Katalog abgedruckten Quellen gemäß ziemlich unritterlich. Doch der Name dieses Künstlerbundes könnte überleben als Bezeichnung einer Malerei, die neben ihrer Qualität auch zeigt, wie trotz des Zivilisationsbruchs ein Brückenschlag in eine zukunftsträchtige Vergangenheit möglich war und möglich bleibt.

Ernst Ludwig Kirchner. Die Retrospektive, Städel Museum Frankfurt am Main, bis 25. Juli. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, 304 S., 380 Abb., 39,90

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

11:45 25.05.2010

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2