Zum Abschied von Christa Wolf

Deutschland In der Akademie der Künste würdigten Kollegen und Weggefährten die kürzlich verstorbene Jahrhundertschriftstellerin. Dabei wurde auch die Hexenjagd gegen sie beklagt

Die Steilvorlage für den Abschied hat sie selbst geliefert: „Gut, dass ich hier gewesen bin“, heißt es im letzten Satz des Romans „Sommerstück“. Und „was bleibt?“, hinterließ sie programmatisch mit einem ihrer Bücher.

An diesen beiden Leitplanken hielten sich am gestrigen Abend in der überfüllten Akademie der Künste in Berlin die Würdigungen für die vergangene Woche verstorbene Christa Wolf fest. Am Vormittag war die Schriftstellerin unter weinendem Himmel auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, eingerahmt von den Gräbern Stephan Hermlins, Günter Gaus’ und Thomas Braschs, beigesetzt worden. Am Abend ließ es sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit dann nicht nehmen, an seine gymnasialen Lektüreerfahrungen zu erinnern, während der eigens aus Gorzów, dem ehemaligen Landsberg an der Warthe, wo Christa Wolf am 18. März 1929 geboren und aufgewachsen ist, angereiste Bürgermeister Tadeusz Jedrzejczak ganz staatsmännisch und etwas steif die Schicksalsverbundenheit zwischen Deutschen und Polen beschwor.

„Ich hab’ allmählich meine Waffen abgelegt, das war’s, was an Veränderung mir möglich war“, spricht anschließend die tote Dichterin in den Raum, die Worte, die sie vor über 25 Jahren einmal ihrer Kassandra, der Seherin, in den Mund gelegt hatte, und die so einfach auf die Erfinderin umzumünzen sind. Denn diese „Waffenlosigkeit“ war es wohl, die sie so aussetzte, als die „Staatsdichterin“ nicht mehr als Mediatorin zwischen beiden Deutschländern benötigt und hofiert, sondern in geradezu antiker Manier verfolgt wurde von den Erynnien des westdeutschen Feuilletons, die so „ohn’ Ermatten jagten“, wie Schiller dichtete, „bis sie zu Boden fallen muss“.

Was deshalb auch bleibt, so Günter Grass, der seine Kollegin als einer der wenigen aus der Zone privater Anverwandlung ins Kraftzentrum der Politik rückte, ist die „Schäbigkeit“, mit der es 1990, im Jahr der Einheit, zuging, als die Begriffe „Gesinnungsästhetik“ und „Gutmenschen“ in das Vokabular der Gebildeten aufgenommen wurde, um ihresgleichen zu lynchen. Die „Hexenjagd, die auf Christa Wolf gemacht wurde“, so Daniela Dahn als Vertreterin der Wolfschen „Weiberrunde“, zielte auf ihre „störende Gegenwart“, darauf, dass sie hinter die scheinbar alternativlos erscheinende Einheit ein Fragezeichen setzte, den Zweifel, den die einst „gläubige“ Christa Wolf sich im Leben erarbeitet hatte.

Gabe zur Freundschaft

Ansonsten wurden die Erinnerungsredner und -rednerinnen nicht müde, die privaten Vorzüge der Verstorbenen zu würdigen, insbesondere ihre Gabe zur Freundschaft, die der Fähigkeit zur Anteilnahme entsprang. Ulla Unseld-Berkéwicz, die Verlegerin, erklomm poetische Höhen, Christoph Hein rühmte ihre Zuneigung im Alltäglichen, während Ingo Schulze aus der Distanz des viel Jüngeren immer noch verblüfft ist über das umständelose „Kollegen-Du“, das Christa Wolf denen, die sie für ihresgleichen hielt, anbot.

Ansonsten „bleiben“ Wolfs Bücher, der „neue Ton“ (Hein), der mit ihnen in die DDR-Literatur einzog. Der Gang zum „Wolf-Regal“, den nun so mancher Kollege, manche Kollegin unternahm, hat sich bei Katja Lange-Müller am ehesten gelohnt: Sie las die wirklich komische Marienkäfer-Szene aus ihrem Lieblingsroman Kindheitsmuster, die bescheinigt, dass auch das Bestgewollte manchmal Unheil zeitigt. Volker Braun, der in seiner Trauerrede am Vormittag prophezeite, Christa Wolf würde nach ihrem Tod nun selbst in den Mythos eingehen, der sie einst so umtrieb, beließ es bei einer kurzen lyrisch-verschlüsselten Signatur.

Wahrscheinlich hat er Recht, wenn er die Wiedereinverleibung Christa Wolfs in den gesamtdeutschen Literaturkörper voraussagt. Dass das gedenkende und trauernde Publikum gestern meist ergraute oder hübsch gefärbte Häupter wiegte und manch eine Träne über gelebte Gesichter floss, lässt ahnen, dass die Jüngeren sich Christa Wolf erst wieder und sicher ganz neu werden aneignen müssen. „Sie schleppte die ganze DDR auf dem Buckel mit“, erinnerte sich der Übersetzer Alain Lance an seine Begegnungen mit der Autorin in Frankreich. Sie hat getan, was getan werden musste, sekundierte die alte Dame und Weggefährtin Maria Sommer, die es sich nicht nehmen ließ, das verabredete Zeitkontingent weit zu überschreiten.

Was bleibt, ist, was du geschrieben hast, zitiert, sichtlich mitgenommen, Gerhard Wolf seine Frau, mit der er 60 Jahre lang verbunden war. Was sie im Kopf hatte, hat sie mitgenommen, hinterlassen hat sie ein Archiv über ein Land, an dem, wie sie glaubte, die Welt am Ende zu wenig Anteil nahm. Eben dies groß geschriebene A war ihr Verpflichtung.

11:00 14.12.2011
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