Zum Fressen gern

Biodiversität II Viele Nutzpflanzen und Haustierrassen sterben aus - Schrebergärten und Wochenmärkte helfen bei ihrer Erhaltung

Tief im Permafrostboden, in einer Berghöhle nahe Spitzbergens nördlichster Stadt Longyearbyen liegen seit Februar diesen Jahres die ersten Saatgutproben auf Eis. 4,5 Millionen Duplikate von Nutzpflanzensamen aus aller Welt will die neu eröffnete Datenbank von den national bereits existierenden Archiven übernehmen und in einem großen Tresor vor Naturkatastrophen, Klimawandel und Kriegen bewahren. Etwa 10.000 Proben aus dem Leibniz Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben sind bereits in Norwegen eingetroffen. Eine Kopie des eigenen Bestandes mit nahezu 150.000 vakuumverpackten Genbank-Mustern von über 3.000 Arten wird das IPK langfristig dort unterbringen und regelmäßig erneuern, denn auch tiefgekühlt behalten Pflanzensamen nicht ewig ihre Keimfähigkeit.

Lebendig bleiben die Kultursorten nur durch Anbau und Vermehrung. Doch da liegt das Problem: Außerhalb von Samenbanken und Erhaltungszuchtprogrammen dünnt das Artenspektrum stetig weiter aus. Die Agrobiodiversität, die Vielfalt der zu Nahrungszwecken angebauten und vermehrten Arten, nimmt ab. Viele Gemüsesorten und Rassetiere sind nicht nur von der Speisekarte verschwunden, sie geraten gänzlich in Vergessenheit und sterben wie auch wilde Tier- und Pflanzenarten aus.

Die Gesellschaft für die Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. führt eigens eine eigene Rote Liste für Nutztiere. Dort sind zum Beispiel die Diepholzer Gans und die Bronzepute gelistet sowie eine Hühnerrasse, die aufgrund des Aussehens ihrer Küken den Namen Ostfriesische Möwe trägt. Diese Tiere finden sich nicht in Mastställen, ihr Leben liegt in den Händen von Hobbyhaltern und Kleinbetrieben. In der Biobranche und bei Liebhabern finden sie eine Nische: Biodiversität als Hobby.

Doch wie und wo sich die Hüter alter Gemüsesorten, die Züchter seltenen Geflügels, verwegen aussehender Rinder und Schafe und außergewöhnlicher Schweine verbergen, ist weitgehend unbekannt. "Niemand konnte mir sagen, wer diese Leute sind", begründet Agrarökonom Josef Efken vom Johann Heinrich von Thünen-Institut (vTI) in Braunschweig sein Forschungsprojekt. 500 Hobbyzüchter legten ihm in einer Umfrage ihre Motive dar, sich mit seltenen Arten zu befassen. Das Forschungsobjekt Mensch erwies sich dabei keinesfalls als von Altruismus durchdrungen, das am häufigsten genannte Argument für den Artenschutz in Stall und Gemüsegarten ist der Spaß an der Sache. Mehr als die Hälfte der Hobbyzüchter hat einen persönlichen oder beruflichen Bezug zur Landwirtschaft, viele vermarkten einen Teil ihrer Erzeugnisse.

Doch "Direktvermarktung ist etwas, das nie große Nachfragen abdecken kann", erläutert Efken. "Ein großes öffentlichkeitswirksames Auftreten der Anbieter besteht nicht, und so kann die Agrobiodiversität nicht auf breiter Basis erhalten bleiben." Was der Kunde nicht kennt, fragt er nicht nach - die Hauptwarenströme, die über die Supermärkte laufen, enthalten deshalb in erster Linie eine ganzjährig gleiche Standardauswahl. "Es ist toll, wie es beim Apfel läuft", sagt Efken. "Wie ein Apfel schmecken soll, dazu hat jeder eine Meinung, bei Möhren dagegen kann der Kunde überhaupt nicht nach Sorten unterscheiden, bei Kartoffeln gibt es jetzt langsam eine Renaissance."

Auch die Vielfalt der Tomaten haben die Kunden gerade entdeckt: "In diesem Jahr wollen die Leute nur noch bunte Tomaten", fasst Biologin Ursula Reinhard vom Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e.V. zusammen. 260 Sorten hat sie gesammelt und trotz der großen Preisunterschiede zur normalen Supermarkttomate brummt seit einigen Jahren das Tomatengeschäft. So sehr, dass die wenigen Gärtnereien, die in Deutschland alte und farbenfrohe Sorten anbauen, den Bedarf an Pflanzen und reifen Früchten gar nicht decken können. Die Nische kann auch eine Falle sein - doch die Tomaten haben Chancen, groß herauszukommen.

Tomate, Kartoffel und Apfel eignen sich aufgrund ihrer Formen und Farben und weil die Verbraucher sie sowieso auf dem Einkaufszettel haben gut als Botschafter für die geschmackliche Vielfalt. Auch Kürbisse sind optische Hingucker und selbst mit geringer Küchenfertigkeit - manche allerdings nur mit einer Axt - leicht zu verarbeiten. Doch mit Quitten, Schwarzwurzeln und Garten-Sauerampfer wissen viele Verbraucher nichts mehr anzufangen. Gleichauf mit der Sortenvielfalt geht die kulinarische Kompetenz sowie die zu den Gemüsen gehörenden Verarbeitungsweisen verloren.

Manches wird schon seit Jahren nicht mehr angebaut, über den Handel sind die Sorten nicht mehr erhältlich, das letzte Saatgut schlummert in Samenbanken. Beispielsweise sind die Winter-Kopfsalat-Sorten gänzlich in Vergessenheit geraten, seitdem ganzjährig günstiger Kopfsalat aus Gewächshauskulturen angeboten wird. Wie mag ein Gelber Winterkönig aussehen und wie schmeckt ein Winter-Eisenkopf? Auch Ursula Reinhard vom Verein für den Erhalt der Nutzpflanzenvielfalt ist sich da nicht sicher. Aber sie sorgt dafür, dass der Salat wieder auf die Teller kommt. Es ist ein Feldversuch: Paten sollen diese Sorten bundesweit wiederbeleben. Die Patenschaft für einen Kopfsalat zu übernehmen bedeutet, ihn einfach auszuprobieren, sich über mehrere Jahre an diese Salatsorte zu binden, sie anzubauen, zu hegen und zu pflegen, sie zu vermehren und zu beobachten, das Wachstum zu dokumentieren und das Produkt dann zu verspeisen. Letzteres ist das Wesentliche, denn aufessen hilft. Sie "zum Fressen gern" zu haben, ist entscheidend, damit alte Sorten weiter angebaut werden. "Ich schau Dir in die Augen Kleines" reicht als Liebeserklärung an ein Gemüse eben nicht - nicht einmal bei einer Kartoffel.

www.nutzpflanzenvielfalt.de

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