Zum Teufel mit Frieden

Philippinen Nach dem Attentat auf den Flughafen von Davao City hat erneut die Schlacht um den Süden des Landes begonnen

Die gute Nachricht zuerst: Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo hat angekündigt, bei der philippinischen Präsidentenwahl 2004 nicht mehr zu kandidieren. Die schlechte: Noch anderthalb Jahre müssen die Filipinos Arroyos Politik erdulden, deren Partitur zunehmend von Hardlinern in der Armee geschrieben wird. Die Folgen sind fatal: Friedensperspektiven weichen wieder einmal »Befriedungsaktionen«, die Außenpolitik der einstigen und einzigen US-Kolonie in Südostasien (1898-1946) wird zum Appendix der nordamerikanischen Innenpolitik.

»Lasst Gloria, aber keine Bomben fallen«, heißt es auf den Transparenten von Antikriegsdemonstranten, die in diesen Tagen in Manila zu Protestmärschen für den Frieden am Golf und auf den Philippinen unterwegs sind. Arroyos Vizepräsident Teofisto Guingona ist dabei ein geschätzter Redner, der bei solchen Anlässen die Präsidentin gern abfahren lässt. Bis Anfang Juli 2002 war Guingona zugleich Außenminister, doch dann verließ er aus Ärger über Arroyos willfährigen Kurs gegenüber den USA dieses Ressort, das zwischenzeitlich Blas Ople, früher Redenschreiber und Arbeitsminister unter Ferdinand Marcos, übernommen hat. So zerrissen die Regierung in Manila bei der existenziellen Frage von Krieg und Frieden ist, so prekär ist der Alltag auf der südlichen Hauptinsel Mindanao und in der Sulu See.

Rodrigo Duterte ist außer sich. »Ich nenne euch nicht länger Rebellen«, schreit er, »das klingt zu würdevoll. Wenn ihr Bomben hochgehen lasst, junge Männer und Frauen, ja Kinder, in den Tod reißt, wie soll ich euch da anders als Terroristen bezeichnen?« - Duterte ist Bürgermeister der Millionenstadt Davao City, der Wirtschafts- und Handelsmetropole Mindanaos, ein knallharter Law Order-Mann und offiziell zuständig für das Krisenmanagement in Süd- und Zentralmindanao. Am Nachmittag des 4. März explodierte auf dem belebten Flughafengelände von Davao eine Bombe. 21 Tote forderte das heimtückische Attentat, etwa 150 Personen wurden teils schwer verletzt.

Bevor überhaupt die Untersuchungen anliefen, hatten Duterte und regionale Militärkommandeure bereits die Schuldigen ausgemacht - die gesamte Führungsriege der heute größten und einflussreichsten Organisation des muslimischen Widerstands, der Moro Islamischen Befreiungsfront (MILF). Vor allem der Vorsitzende Hashim Salamat sowie Al Haj Murad Ebrahim, Unterhändler bei dem vor zwei Jahren mit Manila zustande gekommenen Waffenstillstand, sind nach Meinung des Bürgermeisters die Drahtzieher des Terroranschlags. Duterte erklärt sie für vogelfrei und verfällt in die Rhetorik der hysterischen Brandreden des Arroyo-Vorgängers Joseph Estrada. Der drohte dem Moro-Widerstand im Sommer 2000 mit dem »totalen Krieg« und ließ das MILF-Hauptquartier Camp Abubakar in Zentralmindanao bombardieren. »Zum Teufel mit Frieden«, poltert nun auch Duterte, »ich bin strikt gegen die Wiederaufnahme eines Dialogs mit solchen Leuten. Immer wieder dieselbe Prozedur - Gespräche, body counts, Krieg. Wir halten uns nur selbst zum Narren.«

Zeitgleich mit diesen martialischen Erklärungen bekennt sich die notorische Kidnapping-Gang der Abu Sayyaf durch einen Sprecher namens Hamsiraji Sali öffentlich zum Anschlag auf dem Flughafen, während die MILF entschieden jede (Mit-)Täterschaft ablehnt und das Attentat ihrerseits als »verbrecherisch und feige« brandmarkt.

Der in Ägypten ausgebildete MILF-Chef Hashim Salamat war davon ausgegangen, dass unmittelbar nach Eid-ul Adha - dem Höhepunkt der Pilgersaison - die Chefunterhändler von MILF und Regierung in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur bereits begonnene Friedensverhandlungen weiter führen. Doch dazu sollte es nicht kommen. Schon Mitte Februar ordnete Verteidigungsminister Angelo T. Reyes eine Offensive der Streitkräfte (AFP) gegen MILF-Camps an - jener Reyes, der auf dem Höhepunkt des »totalen Krieges« gegen die Guerilla Generalstabschef der AFP war. Daraufhin rief Hashim Salamat seine Gefolgsleute zum bewaffneten Widerstand und erinnerte an Osttimor vor drei Jahren: »Auch wir können unser Leben opfern, um die Unabhängigkeit zu erlangen.« Was immer nun die Untersuchungen in Davao ans Licht bringen, der entscheidende Nutznießer des Anschlags steht fest - es ist eindeutig die AFP, die Armee.

Nonoy (*) ist zuversichtlich, dass der verabredete Termin zustande kommt. Zwei volle Tage verbringt er damit, für unsere Sicherheit zu sorgen und Taxirouten einzufädeln. Mein Ziel ist der Ort Lamitan auf der Insel Basilan, mein Gesprächspartner dort Father Cirilo Nacorda, ein katholischer Kirchenmann, der seine Gäste nur noch in kugelsicherer Weste begrüßt. Nichts Ungewöhnliches in dieser Region, in der Fremde nicht immer willkommen sind.

Mit dem Schnellboot dauert die Überfahrt von Zamboanga City nach Isabela City gerade einmal 30 Minuten. Knapp 40 Kilometer trennen das schmuddelige Hafengelände von Isabela, der Hauptstadt Basilans, von Lamitan. Eine überwiegend asphaltierte Allwetterstraße verbindet beide Orte, führt streckenweise durch dichten Dschungel und vorbei an Kautschukpflanzungen. Waffen sind hier das große Geschäft: egal, ob man sie gewinnbringend verschiebt, sich damit eine ergebene Privatarmee rekrutiert oder Kidnapping mit lukrativen Lösegelderpressungen bevorzugt.

Father Nacorda - von der Gemeinde auch »Father Loi« genannt - erwartet mich bereits. Der etwas untersetzte Mittvierziger heißt im »lädierten Sankt Peter«, wie er spöttisch seine zerschossene Kirche nennt, willkommen. Soldaten und Polizisten kauern gelangweilt auf dem Boden oder säubern mit Gusto Waffen und Kampfstiefel. An die Sankt Peter-Gemeinde grenzen das Dr. José Torres Memorial-Hospital und ein kleines Schwesternheim. Im unteren Stockwerk, das zu einer kleinen Kapelle ausgebaut ist, finden wir ungestört Ruhe zum Gespräch.

»Bevor ich 1992 in Lamitan zum Priester geweiht wurde«, erzählt Father Nacorda, »studierte ich Kriminologie.« Ihm sei damals nicht klar gewesen, was er mit seinem Leben anfangen sollte. »Ich entschied mich dann für mein Volk, ich war auf Basilan groß geworden und wollte an Ort und Stelle für das Gemeinwohl arbeiten.« - Mit hohem Berufsrisiko: 1994 kidnappt ihn ein Kommando der Abu Sayyaf und hält ihn zwei Monate lang als Geisel gefangen. Dank des Lösegelds, das die Regierung zahlt, kommt er frei. Während seines Arrests bei der Abu Sayyaf macht Father Nacorda eine verblüffende Entdeckung. Seine Wächter propagieren nicht nur den Islam als heilsbringende Ideologie. Sie beziehen im Abu Sayyaf-Camp auch nagelneue Holzkisten, die mit der Aufschrift Armed Forces of the Philippines versehen und mit Waffen gefüllt sind - zugestellt von Offizieren der Regierungsarmee. »Ich traute meinen Augen nicht, denn ich sah moderne rückstoßfreie Gewehre. Ich selbst konnte mit anhören, wie Mitglieder der Abu Sayyaf über Mobiltelefon mit Personal der Armee verhandelten. Damals sprach ich in der Öffentlichkeit nicht darüber, weil ich glaubte, dass sei ein Einzelfall.«

Sieben Jahre später muss der Geistliche umlernen. Erneut haben Mitglieder der Abu Sayyaf - diesmal aus einem Feriendomizil der westphilippinischen Insel Palawan - Geiseln genommen und sie, von der Küstenwache unbemerkt, nach Basilan verschifft. Um die Mittagszeit des 2. Juni 2001 verschanzen sie sich mit den Gefangenen auf Father Nacordas Kirchengelände, beschaffen sich im nahe gelegenen Hospital gewaltsam Medikamente und verwüsten danach das Gebäude. Ein martialisches Großaufgebot von Regierungssoldaten riegelt den gesamten Komplex ab. Kampfhubschrauber feuern auf die Eingeschlossenen, die Sankt Peter-Kirche wird schwer getroffen. Dann geschieht am späten Nachmittag ein Wunder: Den Abu Sayyaf glückt es, mit neuen Geiseln zu entkommen - ein vom Kommandeur ad hoc einberufenes Sicherheitstreffen, erzählt Father Nacorda, habe bei einem Teil der Soldaten dazu geführt, ihre Posten zu verlassen, was die Eingeschlossenen umgehend zur Flucht nutzen.

Für Nacorda, aber auch andere Augenzeugen steht außer Frage: Was an diesem Tag geschieht, wird von mindestens drei hochrangigen Offizieren geduldet. Für ein Lösegeld lassen sie die Abu Sayyaf-Leute bewusst entkommen. Ein Vorwurf, den der Geistliche gemeinsam mit über 20 Zeugen im Herbst 2001 vor Untersuchungsausschüssen des philippinischen Senats und Abgeordnetenhauses eidesstattlich bekräftigt.

Wie ist es angesichts dieser Haltung möglich, will ich wissen, dass jetzt ausgerechnet Soldaten und Polizisten für sein Leben bürgen? »Die Soldaten hier«, meint Cirilo Nacorda, »kommen aus Mannschaftsbeständen oder sie haben Unteroffiziersränge. Einige schätzen mich persönlich, andere können meine Kritik nachvollziehen. Sie haben zwei Aufgaben: Einerseits sollen sie für meine Unversehrtheit sorgen, weil es sonst wirkliche Probleme gibt. Zum anderen überwachen sie mich. Solange ich im Umfeld der Kirche bleibe, ist wenig zu befürchten.« Was geschieht, wenn er diesen Bezirk verlässt? Nacorda lächelt: »Wissen Sie, kürzlich rief mich ein FBI-Mann aus der amerikanischen Botschaft in Manila an. Er sagte: ›Father, passen Sie auf, gewisse Leute trachten Ihnen nach dem Leben.‹ Wer es denn auf mich abgesehen habe, wollte ich wissen. Antwort: ›Die Abu Sayyaf und Leute von der MILF.‹ Die Person am anderen Ende der Leitung legte den Hörer auf, als ich zurückfragte: ›Warum haben Sie die Armee vergessen?‹ «

Bis zum 10. September 2001 schien die Zeit für Father Nacorda zu arbeiten. Teile der Militärspitze in Manila hatten erwogen, wegen der Geschehnisse in Lamitan und der Aussagen des Geistlichen zurückzutreten. Das änderte sich schlagartig nach dem 11. September 2001. Seitdem fühlt sich das Militär wieder unumstritten und von der Regierung hofiert. Das weiß mittlerweile auch Cirilo Nacorda. Er bangt um sein Leben, rückt seine kugelsichere Weste zurecht und wundert sich nicht mehr, dass die Einsetzung eines vom Senat empfohlenen Militärtribunals zur Aufklärung der Ereignisse am 2. Juni 2001 bislang ohne Konsequenzen blieb.

(*) Name von der Red. geändert


Die Zweite Front

Jolo - Idealer Brückenkopf in Südostasien

Die Bevölkerung im vorwiegend muslimischen Süden der Philippinen - auf der rohstoffreichen Insel Mindanao und in der Sulu See - hatte sich seit 1571 hartnäckig gegen die spanische Kolonialmacht zur Wehr gesetzt und deren Plan vereitelt, auch diesen Teil des Archipels zu unterwerfen. So folgte dem spanisch-amerikanischen Krieg (1898) bereits im Februar 1899 der philippinisch-amerikanische Krieg. Präsident Theodore Roosevelt erklärte diese »Insurrektion« als neuer Kolonialherr zwar am 4. Juli 1902 für beendet, doch auf Jolo dauerten die Kämpfe bis 1916 an.

Diese erste US-Intervention in Asien - beschönigend »pacification« genannt - dezimierte die gut sechs Millionen Einwohner zählende Bevölkerung. In seinem Jahresbericht 1903 vermerkte US-Generalmajor George W. Davis: »Es wird nötig sein, nahezu sämtliche Bräuche auszumerzen, die bislang das Leben der Moros auszeichneten. Sie sind ein grundlegend verschiedenes Volk; von uns unterscheiden sie sich in Gedanken, Worten und Taten, und ihre Religion wird eine ernste Hürde bei unseren Bestrebungen darstellen, sie im Sinne des Christentums zu zivilisieren ...«

Mindanao blieb stets eine hoch militarisierte Region. Nach dem 11. September 2001 eskalierten »Counterinsurgency« (Aufstandsbekämpfung) und »Counterterrorism« - wiederum mit Hilfe amerikanischer Spezialverbände (SOF). Unter dem Vorwand, die »radikalfundamentalistische Abu Sayyaf-Guerilla« aufzureiben, der Verbindungen zum Netzwerk al Qaida unterstellt werden, eröffnete Washington im Januar 2002 auf Basilan offiziell »die zweite Front gegen den weltweiten Terror«.

Seit die innere Panamakanal-Zone 1999 nach 96-jähriger US-Oberhoheit der Souveränität Panamas unterstellt wurde, entfiel ein ideales Terrain für »jungle warfare« - »Counterinsurgency« in tropischem Dschungelgelände. Die südphilippinische Insel Jolo ist im Pentagon als Ersatz-Terrain im Gespräch. Da einst Teil der einzigen US-Kolonie in Südostasien, wird von einem freundlichen Umfeld ausgegangen. Außerdem ließe sich von Jolo aus die Lage im krisengeschüttelten Indonesien zielgenauer verfolgen.

00:00 21.03.2003

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