Zum Tod von Oscar Niemeyer

Legenden An die Veränderung der Welt durch Architektur glaubte der Visionär nie – aber er war überzeugt, dass Bauen Politik ist

Über Architektur redete er höchst ungern. „Das Leben ist zu kurz, ein Atemzug nur. Es gibt Wichtigeres als Häuser.“ Dass man in aller Welt über ihn und seine Arbeit spricht, dafür sorgte der Brasilianer mit deutschen Wurzeln spätestens seit 1947 mit seinem von Le Corbusier realisierten Entwurf des UNO-Hauptquartiers in New York. Doch erst mit 50 Jahren startete der einmetersechzig große Liebhaber scharfer Kurven und geschwungener Linien durch und schuf mit Lucio Costa die neue Hauptstadt Brasiliens im Dschungel von Minhas Gerais.

Es war das wahnwitzigste Stadtprojekt der Moderne und zugleich ihr Autodafé. Costa plante eine autogerechte Stadt mit hermetischen Wohnquartieren, in der unmotorisierte Menschen wie Ameisen herumirren.

Oscar Niemeyer, der sich nie für Urbanität oder Zweckmäßigkeit interessierte und die Bauhaus-Idee form follows function als Idiotie geißelte, entwarf sämtliche Regierungs- und Repräsentationsbauten, zuletzt ein gigantisches Mausoleum für seinen Freund, den brasilianischen Präsidenten Kubitschek, der sich mit Brasilia ein Denkmal setzte, ohne die sozialen Probleme des Landes zu lösen. Als visionärer Architekt war Niemeyer immer nah an der Politik.

1945 lernte er General Prestes kennen, der nach einer kläglich gescheiterten linken Revolution zehn Jahre im Gefängnis verbrachte, und trat in die Kommunistische Partei ein. Nach dem Militärputsch 1964 emigrierte er nach Paris, freundete sich mit Sartre und Malraux an und erhielt den Auftrag, eine repräsentative Zentrale der Kommunistischen Partei Frankreichs zu entwerfen.

Ein Salonkommunist?

Was ihn nicht hinderte, im Exil das Verteidigungsministerium samt Kaserne für Brasilia zu bauen, den neuen Firmensitz von Renault oder eine Villa für Edmond de Rothschild in Israel. Dem Vorwurf eines Salonkommunisten widersprach der Lenin-Preisträger mit der Begründung, dass er trotz einiger Versuche nie ein Projekt in Osteuropa realisierte und 1990 aus der KPB austrat. Der babylonische Zuckerbäckerstil wie die armselige Plattenbauweise des Sozialismus waren ihm ein Greuel, obwohl er 1956 bei einem Besuch Ostberlins die Stalinallee seines Freundes Henselmann als gelungenes Beispiel europäischer Avenuen lobte.

Mit der Realisierung seines Beitrags für die IBA im Tiergarten war er unzufrieden, weil das Baudezernat seine kühnen Raumideen den bürokratischen Vorgaben eines Berliner Wohnhauses unterordnete. Vielleicht deshalb überzeugt das Gebäude noch heute wegen seiner soliden Ausführung und schlichten Form, der Angeberische fehlt. Was sich nicht immer bei Niemeyers gebauten Visionen sagen lässt. Manche seiner rund 200 realisierten Bauten wirken wie Pavillons einer egomanischen Weltausstellung, obwohl sie schnöden Zwecken dienen; z.B. das Arbeitsamt von Bobigny, das Kulturhaus in Le Havre, das Rathaus in Vitória. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde in Brasilien kein größeres Bauvorhaben vergeben, ohne vorher beim Büro Niemeyer anzufragen.

Obwohl er 95 Prozent davon ablehnte, arbeitete er noch im hohen Alter an vier bis fünf Projekten pro Jahr. Vieles blieb nur Idee, wie das futuristische Freizeitbad am Brauhausberg in Potsdam, weil Bund und Land die Kosten für das 30 Millionen Euro teure Bauprojekt verweigerten, nachdem die Stadt 700.000 Euro für den Entwurf bezahlt hatte. Der Ruf als einer der sechs bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts machte sich für Niemeyer noch 2007 bezahlt, während die anderen fünf (Aalto, Le Corbusier, Gropius, Mies van der Rohe, Lloyd Wright) längst in der Erde schimmeln.

Lineal und Tusche

Als ich ihn das letzte Mal 2002 morgens in seinem Büro im Dachgeschoss eines grünen Art-déco-Hauses an der Copacabana besuchte, zog er, während wir uns unterhielten, mit Lineal und Tusche am Stehpult Linien auf Papier und rauchte ein kubanisches Zigarillo der Marke Romeo & Julia, die ihm Fidel Castro zu Weihnachten schickte. Am Nachmittag engagierte er sich für den Wahlkampf der Frente trabalhista (Arbeiterpartei). Zur selben Zeit wurde Niemeyer als einziger Südamerikaner zum Wettbewerb um das neue World Trade Center nach New York eingeladen. Er lehnte dankend ab und warnte in ‘Tele Globo’ vor Bushs Kreuzzug gegen die Dritte Welt, dessen Folgen auch das reiche Brasilien tragen werde.

An die Veränderung der Welt durch Architektur glaubte der Visionär nie, aber an die Prämisse, dass Bauen Politik ist. Beton, der Baustoff der Diktatoren, war auch Niemeyers bevorzugtes Material. In seinen Entwürfen verlieh er ihm die erotisch-fließenden Formen des weiblichen Körpers. Der fertige Bau war dann bei näherer Betrachtung oft so ernüchternd wie ein one-night-stand am nächsten Morgen. Das Kunstmuseum in Niteroi gegenüber der Bucht von Rio symbolisiert ein auf einer Landzuge im Bassin gelandetes UFO, hat indes von Nahem den Charme eines Getreidesilos.

Die Fugen des getünchten Spannbetons sind krumm und schief, die stufenlose Freitreppe schlägt drei endlose Pirouetten, die runden Innenräume taugen als Ausstellungsflächen so gut wie das Restaurant im Fernsehturm am Alex. Wenigstens der Blick von innen auf Rio ist atemberaubend. Das Theatralische von Niemeyers Kulissenarchitektur war stets ein dankbares Objekt für Photographen und Filmemacher.

Eliott Erwitts berühmtes Foto ‚Brasilia’ zeigt einen streunenden Hund auf einem Schlammweg mit Betonblöcken am Horizont. In Philipp de Brocas ‚Abenteuer in Rio’ ist Brasilia der surreale Höhepunkt einer völlig überdrehten Verfolgungsjagd nach einem Inka-Schatz.

Flugangst

Manche der Fantasiebauten Ken Adams für die frühen James-Bond-Filme sehen aus wie von Oscar Niemeyer entworfen. Doch angesichts der Hightech-Scheußlichkeiten von Helmut Jahn oder Zaha Hadid wirken die Luftschlösser des kleinen Mannes von der Copacabana wie ‚Nanas’ von Nikki de Saint-Phalle neben den Stahlgerüsten von Chillida – feminin-sinnlich.

Zwei hochfliegende Niemeyer-Projekte sind trotz vieler Probleme noch fertig geworden: ‚die Stadt der Musik’ im Rosario, Argentinien, und ein Kulturzentrum im spanischen Avilés für die Stiftung ‚Prinz von Asturien’. Zur Einweihung wäre Niemeyer auch zu Lebzeiten nicht gereist. Der Chef-Architekt der ältesten Nation von Flugpionieren litt unter Flugangst. Im Alter von 104 Jahren ist Oscar Niemeyer gestern in Rio de Janerio gestorben.

Hier entlang zu Bildern der berühmten Bauwerke Oscar Niemeyers in Brasilia und weiteren seiner Bauikonen

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