Zurück zur Gemeinschaft?

Erhard Crome und die nationale Frage Kann Deutschland anders werden, als es geworden ist?

So weit ist Gabi Zimmer, die PDS-Vorsitzende, denn doch nicht gegangen, wie es der Vorspann zum Beitrag Erhard Cromes im vorigen Freitag behauptet: Sie habe "festgestellt", dass man als Linke Deutschland lieben darf. Das konnte sie nicht feststellen, da viele Linke, besonders in Westdeutschland, es bestreiten. Das war aber auch nicht ihre Intention. Sie wollte einen Streit eröffnen. Selbst das wird ihr von vielen verübelt. Mit einer Debatte über die Nation gießen Linke Wasser auf rechte Mühlen, lautet da noch das harmloseste Argument. Aber so abwegig ist es nicht, das Thema Nation aufzugreifen. Soll man das Wasser, das die Rechten selbst auf ihre Mühlen leiten, einfach beliebig fließen lassen? Auch die SPD nimmt neuerdings mit dem Slogan "Die Mitte ist rot" auf das Symbol der deutschen Nationalflagge Bezug. Das fordert zweifellos linke Stellungnahmen heraus. An der Art freilich, wie Erhard Crome die Sache aufrollt, wird im folgenden Text Kritik geübt. Die Debatte soll in den nächsten Ausgaben des Freitag weitergeführt werden. In ihr geht es um "Globalisierung - Nation - Internationalismus" in der Auseinandersetzung zwischen ostdeutschen und westdeutschen Linken.

In Einem stimme ich mit Crome überein: Es ist nach 1990 auch für Linke unvermeidlich geworden, auf die nationale Frage zu antworten. Deshalb nämlich, weil es zur Wiedervereinigung gekommen ist. Die Frage, welchen Sinn dieses Ereignis hat, ist schon selber die nationale Frage, wie sie sich heute stellt. Crome dürfte aber nicht sagen, sie sei für westdeutsche Linke "kein Thema" gewesen, nur weil die Antwort nicht so ausgefallen ist, wie er es gern hätte, nämlich bejahend; nur weil diese Linke die Frage auf eine Weise stellt, wie Crome sie nicht gestellt haben möchte, nämlich eben als Frage der "Wiedervereinigung" - das heißt der Wiederaufnahme des deutschen nationalen Geschichtsfadens. Crome meint, ein solcher Faden sei gar nicht mehr vorhanden gewesen, weil 1990 die letzte Benutzung schon fast ein halbes Jahrhundert zurückgelegen habe. Das ist mir nicht nachvollziehbar. Eine Sache, die aus bekannten Gründen - fehlende staatliche Souveränität - eine Zeitlang nicht benutzt werden kann, ist deshalb noch nicht verschwunden.
Kaum jemand hat die nationale Frage so intensiv durchdacht wie der Westdeutsche Jürgen Habermas, mit dem Ergebnis eben, sie abschlägig zu bescheiden. Der Frankfurter Sozialphilosoph urteilte 1990, nach dem historischen Kontinuitätsbruch, den Auschwitz für Deutschland bedeute, könne eine deutsche Nationalgeschichte nicht mehr fortgesponnen werden. Aufgabe der Deutschen sei es nunmehr, sich als Weltbürger für Menschenrechte zu engagieren. Die Wiedervereinigung sei aber der gespenstische Versuch, die Nation fortzuspinnen. Das "Wir sind ein Volk" der DDR-Bürger wertete Habermas als "DM-Nationalismus" - gar nicht viel anders als Crome, der im "Einfordern nationaler Solidarität" auch nur den Ausweg aus einer ökonomisch "prekären Lage" sieht. Dass Crome trotzdem die Position von Habermas keiner näheren Diskussion würdigt, ist befremdend. Er stellt nur fest, hier werde eine Identität jenseits der Nation für möglich gehalten, während für ihn, Crome, auch weltbürgerliche Werte wie Freiheit und Demokratie an einen Ort und somit an die Nation gebunden seien. Der Hinweis auf NS-Verbrechen kann ihm nur erklären, weshalb es Leute gibt, die "dem Ganzen nichts Positives abgewinnen" können: weil Schein für Wirklichkeit gelte. Der "Gebrauch oder Missbrauch des Wortes Nation" durch die Nationalsozialisten habe den Unwert des Nationalen "anscheinend bekräftigt".
Die Nationalsozialisten haben aber nicht nur das Wort Nation, sondern die Nation selber gebraucht. Wenn eine Sache gebraucht wurde, stellt sich die Frage, ob sie hinterher verbraucht ist. Sie kann auch für immer verdorben sein. Das sind die Bedingungen des Problems. Warum weicht Crome ihnen aus?

Deutschland als Arbeits-Gemeinschaft

Er selbst ist derjenige, für den die deutsche nationale Frage "kein Thema" ist. Sein Thema ist ein anderes: die Nation an und für sich. England ist eine Nation, Frankreich auch, Belgien auch, was soll daran schlimm sein? Ist Deutschland etwa keine Nation? Von daher die Frage, die seine Studie beherrscht: Was wir unter einer Nation zu verstehen haben. Eine Nation, erfahren wir, ist der gemäße Überbau für einigermaßen entwickelte Produktions- und Verkehrsverhältnisse. So kommt Deutschland doch gar nicht umhin, eine Nation zu sein. Man muss die Nation von links besetzen. Das ist alles. Crome untersucht die Nation vorwiegend als "sozialtheoretische" Abstraktion, historisch dann nur unter der Frage, wie es den Völker gelingt, sich auf die Höhe dieser Abstraktion zu bringen. Bei Habermas war es umgekehrt, er hat zuerst einen deutschen "Historikerstreit" angestoßen, vor diesem Hintergrund 1990 in die Debatte um die Wiedervereinigung eingegriffen und erst in den Jahren danach, was Crome nicht zur Kenntnis nimmt, Nation auch als abstrakte Entität analysiert.
Eine solche Analyse kann anders als bei Crome verlaufen. Der begreift die Nation mit Peter Ruben als Fall von "Gemeinschaft", die Schutz vor "Gesellschaft", hier vor der Drohung der globalisierten Weltgesellschaft biete. Die Entgegensetzung "Gemeinschaft - Gesellschaft" nehmen Ruben und Crome von Ferdinand Tönnies auf. Der Handel, meinen sie, stelle anonyme Gesellschaft her, die Produktionsbeziehung dagegen solidarische, kameradschaftliche Gemeinschaft, und zwar eben "nationale" Gemeinschaft. Was ist dieser Rückgriff auf Tönnies, wenn nicht eine theoretische Regression? In den ersten Jahren nach 1990 ärgerten sich westdeutsche Marxisten wie ich noch darüber, dass Intellektuelle, die der PDS nahe standen, und deren eigene reformerische Führung über Habermas nicht hinauszudenken schienen. Mit Habermas wollten sie dem "Systemischen" von der "Lebenswelt" aus die Unerträglichkeit nehmen. Man konnte diesem Herangehen einiges vorwerfen. Aber Tönnies war in der Habermasschen Konstellation doch schon mitgedacht. Habermas hatte den Begriff der Gemeinschaft mit analogen Konzepten von Talcott Parsons gekreuzt und so gewissermaßen amerikanisiert. Aus der "Gemeinschaft" war die "Lebenswelt" geworden. Das war eine neue Spur. Auf ihr kann die Frage nach "Ressourcen der Gemeinschaftsbildung" zum Beispiel mit dem Stichwort Kommunitarismus beantwortet werden (Robert Bellah). Jetzt aber geht Erhard Crome von der "Lebenswelt" wieder zur "Gemeinschaft" zurück und erkennt sie in der Nation wieder.

Deutschland und Auschwitz

Habermas´ Aufsätze zur Nation sind in Die Einbeziehung des Anderen, 1996, publiziert. Der Titel des Buches ist programmatisch. Das Problem mit der Nation, jedenfalls wenn sie - wie bei Tönnies - "naturalistisch als eine vorpolitische Größe" interpretiert werde, sei gerade, dass sie dem Anderen nicht zugewandt sei, schreibt der Frankfurter Sozialphilosoph. Vielmehr verfolgten national gesinnte Völker "ihre je eigenen Interessen in der freien Wildbahn der internationalen Machtpolitik", ganz "wie die Privatleute auf dem Markt". Will sagen, sie sind selber Akteure der kalten Globalisierung und bieten Schutz nur dann, wenn sie stärker sind als andere Nationen - wenn man zum Beispiel das Glück hat, Deutscher zu sein. Von dieser Ebene geistigen Tierreichs hebt Habermas solche Patrioten ab, "die die eigene Verfassung im Kontext der Geschichte ihres Landes als Errungenschaft verstehen und verteidigen": Sie "begreifen die Freiheit der Nation - ganz im Sinne Kants - kosmopolitisch", nämlich als Pflicht zur Völkerverständigung.
Crome ist es aber nur ein Kopfschütteln wert, dass für Habermas "höchstens Verfassungspatriotismus angesagt war".
Kein Zweifel, Deutschland ist eine Nation. Aber das ist ein Problem. Für dieses Problem wird man blind, wenn man von der Nation einen so abstrakten Begriff hat wie Crome. Bei Habermas lesen wir, der Nationalstaat habe "einen Zusammenhang politischer Kommunikation gestiftet". Die Nation mag Überbau über Produktionsverhältnissen sein, aber als solcher ist sie ihrer eigenen Logik nach ein Sprachphänomen. Nationes wurden zuerst die Studenten gleicher Sprache in den mittelalterlichen Universitäten genannt. Sprache bleibt nie abstrakt: Es kommt zu einer Diskursgeschichte. Geht man hiervon aus, wird man darauf aufmerksam, dass jede konkrete Nation sich von historisch bestimmten Kommunikations-Ereignissen her definiert. So die französische Nation von 1789: demokratische Einberufung des Nationalkonvents. Die englische Nation von der Erfindung des Parlaments. Die amerikanische von der Verteidigung eines auf autonome Kommunen gegründeten Verfassungssystems gegen die englische Monarchie. Nun versteht man, weshalb Habermas von "Verfassungspatriotismus" spricht: Das ist nicht, wie Crome meint, eine Schwundstufe der Nation, sondern es ist die westliche Nation im Unterschied zur deutschen, die sich durch ganz andere, in der Tat viel weniger demokratische Ereignisse konstituiert. Die deutsche Nation ist auf Auschwitz hinausgelaufen.
Die dann eingerichtete Bundesrepublik wurde zwar demokratisch konstituiert, kann sich aber nicht auf ein Gründungsereignis nationaler Kommunikation berufen. Sie ist ein Geschenk der Alliierten. Es ist deshalb bis auf den heutigen Tag unklar, ob die deutsche Demokratie eine Form der deutschen Nation ist oder ob sie nur unter der Bedingung existiert, dass die deutsche Nation geistig verdrängt bleibt. Auch ich würde dafür eintreten, die deutsche Nation demokratisch zu konstituieren. Das ist besser, als "antideutsch" zu sein, weil die Existenz einer deutschen antideutschen Minderheit an der Existenz der deutschen Nation ja auch nichts ändert. Darum geht es jedenfalls: Deutschland zu ändern. Wer das will, muss das Wort "Nation" gar nicht in den Mund nehmen. Er muss nur wissen, dass er es mit der deutschen Nation tatsächlich zu tun hat. Deshalb muss er sich aber, wenn andere von der deutschen Nation reden, darauf einlassen, dies ebenfalls zu tun. Er sollte dann über genügend kommunikative Zweitschlagskapazität verfügen, um dem Nationalisten das Wort im Mund verdrehen zu können: Die deutsche Nation, das ist entweder Auschwitzland oder eine Nation, die noch nicht fertig ist. Wir kämpfen noch um sie.

Nationale Kommunikation

Warum hat Crome für diese Dimension keinen Blick? Warum kommt er kein einziges Mal auf die Judenvernichtung in Deutschland zu sprechen? Weil für ihn die Nation, dem abstrakten Begriff zufolge, den er von ihr hat, erst mit dem 19. Jahrhundert beginnt. Dass Goethe und so viele andere deutsche Intellektuelle und Politiker ans mittelalterliche Reich zurückdachten, um sich einen Begriff von der Eigenart ihrer Nation zu machen, kommt ihm nur abwegig vor. Aber auch 1789 hat eine lange Vorgeschichte in einer seit dem Mittelalter national akzentuierten Kommunikation. So gab es im mittelalterlichen Frankreich den von manchen Päpsten unterstützen Anspruch, die Kaiserkrone und damit die politische Hegemonie über Europas Christenheit den Deutschen abspenstig zu machen. In der französischen Revolution wurde das Christentum durch eine am "Altar des Vaterlands" zelebrierte Religion ersetzt. Die Frage der Hegemonie über Europa wurde deshalb aber nicht obsolet. Napoleon trat auf den Plan. So kann nationale Kommunikation verlaufen und so kann auch Judenvernichtung in ihr Ereignis werden. Auch die Art, wie Hitler sich über die Juden äußert, verrät noch die Vorgeschichte einer nationalen Kommunikation, die bis ins christliche Mittelalter zurückverfolgt werden muss. Hitler wirft den Juden zum Beispiel vor, sie hätten Arbeit zur Strafe für den Sündenfall gemacht, während Deutsche in ihr Erfüllung fänden. Für Crome gehört das nicht zum Thema deutsche Nation - so wenig, wie es für andere zum Thema amerikanische Nation gehört, wenn George Bush vom "Kreuzzug" gegen das "Böse" spricht.
Auch Crome kennt zwar nationale Kommunikation, die historisch untersucht werden kann, er findet sie aber nur beachtlich, wenn sie sich um seinen abstrakt "sozialtheoretischen" Begriff der Nation dreht. Deshalb stellt er die Debatten der Paulskirche um Deutschlands äußere Grenzen ausführlich dar und führt noch die nationalsozialistischen Verbrechen auf eine deutsche "Ortlosigkeit" zurück, die 1848 nicht überwunden worden sei. Denn, wie gesagt: Die Arbeits-Gemeinschaft brauche eine "Identität" und einen "Ort"; das soll, in festen Ortsgrenzen, die Nation sein. Ich würde stattdessen fragen: Welche Wendung können Deutsche der Geschichte der Arbeit noch geben - in kosmopolitischer Absicht -, nachdem Deutsche über das Tor von Auschwitz "Arbeit macht frei" geschrieben haben? Sie müssen sich eine Identität, mit der man es aushalten kann, erst noch erwerben. Das ist die deutsche nationale Frage, wenn es überhaupt eine gibt. Sollte einmal ein Deutscher eine Antwort finden, wird er deshalb doch nicht vom deutschen "Ort" vertrieben werden. Eine nationale Debatte über "den Ort, den die Freiheit braucht", verhindert nur die Debatten, die geführt werden müssten.

Die Frage, ob Deutschland anders werden kann, als es geworden ist, ist das Thema von Michael Jäger, Probleme und Perspektiven der Berliner Republik, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 1999.

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00:00 22.02.2002

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