Zusammenhänge

JÜDISCHE FRIEDHÖFE Kein Guter Ort für Gerda W.

Der erste Tote, der am 22. September 1880, 13 Tage nach der feierlichen Einweihung des neuen Friedhofs, in Weißensee beigesetzt wurde, hieß Louis Grünbaum. Er hatte zuletzt in der Großen Hamburger Straße 26 gelebt, in dem jüdischen Altenheim direkt am alten Friedhof, wo zwischen 1672 und 1827 12.000 Menschen begraben wurden. Louis Grünbaum hatte aus den Fenstern des Altenheims auf die Gräber unter den alten Bäumen blicken können und gewusst: Das da ist ein Guter Ort, der wird immer bestehen. Er konnte nicht wissen, was im Jahr 1942 geschehen würde: Dass die Große Hamburger Straße 23 zu einer grauenvollen Adresse geworden war. Dass die Grabsteine zum Schutz gegen Bombensplitter für die Unterstände von Wachleuten benutzt werden würden. Dass die Gestapo seine Nachkommen und die von seinesgleichen in dem ehemaligen Altenheim gefangenhalten würde. Dass sie sie von da in die Gaskammern transportieren würde. Dass das Haus nach 1945 abgerissen werden würde. Dass man eine Gedenktafel errichten würde. Dass die immer wieder "von Unbekannten" besudelt und beschädigt werden würde. Dass das Stadtgartenamt um 1970 den Friedhof zu einer Grünanlage umwandeln würde. Dass man dann davor einen Gedenkstein für die ermordeten Juden errichten würde, der immer wieder umgestürzt werden würde. Dass die Polizei keine politische Motivation der Täter erkennen würde. Und so weiter. Louis Grünbaum konnte das alles glücklicherweise nicht wissen.

Sein Grab ist erhalten. Jüdische Gräber werden nicht aufgehoben, die Erde, die man den Toten gab, soll ihnen für immer gehören, der Stein soll bleiben, bis er von selbst wieder in die Erde eingeht. Und doch ist es seltsam, dass dieses Grab besteht, angesichts dessen, was in den 119 Jahren seit Louis Grünbaums Tod in Weißensee und in der Schönhauser Allee und in der Großen Hamburger Straße und anderswo mit jüdischen Lebenden und jüdischen Gräbern geschah.

Als Tucholsky 1925 sein Gedicht "In Weißensee" schrieb, war er noch überzeugt: "Da komm ich hin." Wie wir wissen, starb er in Schweden. Nicht so freiwillig, wie der Begriff Freitod nahelegt. Jüdische Bürger nannten sein schönes Gedicht damals zynisch, vielleicht wird mancher es zynisch finden, wenn man angesichts der Tatsachen sagen muss: Wenigstens ist sein Grab in Sicherheit.

Wenn man in Weißensee über den größten jüdischen Friedhof Europas geht, geht man wie durch ein Geschichtsbuch. Und man spürt etwas, was man in keinem Geschichtsbuch lesen kann. Wenn man fähig ist, zu spüren.

Man sieht auch, dass hier, wie zuletzt schon auf dem Guten Ort in der Schönhauser Allee, der von 1827 bis 1880 mit 23.000 Gräbern belegt wurde, die Tradition jüdischer Friedhöfe, eine Tradition der Gleichwertigkeit allmählich von deutsch-christlicher Grabkultur abgelöst wurde, wie repräsentative Erbbegräbnisse und Mausoleen vom Assimilationswillen und vom sozialen Aufstieg jüdischer Familien in Berlin künden. Aber im selben Jahr, in dem der Friedhof eingeweiht wurde, hatte Hofrat Stoecker gegen die Juden gepredigt. Das Wort Antisemitismus kam auf. Es bezeichnete zwar etwas, was alt war, uralt und jedem Juden allzu bekannt, aber der Begriff selbst war ganz neu, ein Modewort sozusagen, erst ein Jahr zuvor von Wilhelm Mann erfunden, der sich einig wusste mit dem Historiker Treitschke, der an der Berliner Universität den Satz geprägt hatte: "Die Juden sind unser Unglück."

Wenn man das weiß, sieht man die protzigen Grabmäler auch als einen Versuch der Selbstbestätigung, eine Art Abwehr von Bedrohung. Die diese aufwendigen Grabmäler errichteten, konnten nicht wissen, dass einige tatsächlich, im wörtlichen Sinn, zur Zuflucht wurden. 1903 baute der Architekt des Völkerschlachtdenkmals ein monumentales Mausoleum aus rotem poliertem Stein mit Bronzegittern und einer vergoldeten Kuppel für die Bankiersfamilie Aschrott. Im Inneren dieser Kuppel hockten in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 Lothar Salinger und Siegbert Rotholz, die später als Mitglieder der Gruppe um Herbert Baum hingerichtet wurden. Fred A. Manela, der auch dabei war und überlebt hat, berichtete es. Sie telefonierten vom Friedhof aus und warnten Berliner Juden: Schlaft nicht zu Hause.

In der Mitte des Dachs vom Erbbegräbnis des 1926 gestorbenen Kammersängers Joseph Schwarz war eine Glasplatte, die man anheben konnte, um ins Innere zu klettern. Hier schliefen seit 1942 immer wieder untergetauchte Juden, die auf der Flucht vor den Häschern ein paar Stunden Ruhe suchten. Auf der Inschriftenplatte dieses kleinen Tempels steht ein Spruch aus dem 90. Psalm: Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für.

Einige Überlebende haben über das Versteck berichtet. Auch Martin Riesenburger, der durch seine als Christin geborene Frau nicht deportiert wurde und als Rabbiner auf diesem Friedhof wirkte. Er sorgte dafür, dass auch in diesen Jahren jeder Jude nach der Tradition begraben wurde, denn wer die Würde der Toten verletzt, gibt seine eigene auf. Riesenburger hielt auf dem Friedhof heimlich Gottesdienste ab. Noch zu Sukkoth 1944 stand hinter der großen Trauerhalle eine getarnte Laubhütte, in der illegale Juden und die verbliebenen Friedhofsmitarbeiter zusammenkamen.

Die Tradition war der letzte Halt, die Hoffnung auf ein Weiterleben, auch über den allgegenwärtigen persönlichen Tod hinaus, und dieser Friedhof war zu einem Symbol des jüdischen Überlebens geworden. Unter einem Gerüst in der Blumenhalle waren Thorarollen versteckt, die Riesenburger und seine Mitarbeiter 1943 mit Hilfe des christlichen Spediteurs Erich Scheffler aus einem Beutelager der Nazis gerettet hatten. Im Mai 1945 legten sie fünf der Thorarollen in einen provisorischen Schrein, der in der Wartehalle aufgestellt wurde, die damit zur Synagoge geworden war. Unter den sowjetischen und polnischen Soldaten, die Weißensee einnahmen, waren auch Juden. Als sie, die Befreier, in der kleinen Synagoge standen, weinten sie zusammen mit den geretteten Juden.

Das Licht verlöschte nicht, nannte Martin Riesenburger sein ergreifendes, bescheidenes Erinnerungsbuch, in Anlehnung an die Chanukka-Legende.

1950 gab es die erste vorsätzliche Schändung auf diesem Friedhof, sogar die Nazis hatten die Gräber in Ruhe gelassen. Nun warfen drei Jungen, 16 bis 18 Jahre alt, Grabsteine um und zerstörten sie. Die 3. Strafkammer des Landgerichts Berlin verurteilte sie zu einigen Monaten Gefängnis. "Alle drei Angeklagten schienen sich über den verbrecherischen Charakter ihrer Handlungsweise nicht vollends im klaren zu sein. Jedenfalls machten sie einen recht unbekümmerten, um nicht zu sagen abgebrühten Eindruck. Gelegentliche Reuebekenntnisse klangen wenig überzeugend." Auch in späteren Jahren wurde der Friedhof immer wieder geschändet, meist waren es Täter wie diese drei Jungen. 1971 beispielsweise warfen Jugendliche aus dem Prenzlauer Berg 80 Grabsteine um. Und 1987 und 1994 und immer wieder.

Ich besuche manchmal eine jüdische Frau, die 1947 aus der englischen Emigration zurückkam und für Jahrzehnte verstummte, als sie Gewissheit bekam, was mit ihren Angehörigen, ihrer Mutter, ihrem Bruder, ihrem Freund geschehen war. Sie kam in die Psychiatrie, ins Griesinger-Krankenhaus. Blieb dort unter schweren Medikamenten bis nach der Wende. Nazis, sagte sie mir, hätten sie dort festgehalten. Tatsächlich war der ärztliche Direktor des Griesinger-Krankenhauses in den frühen fünfziger Jahren, Dr. Wilhelm Bender, einer der eifrigsten Erfüllungsgehilfen des Euthanasieprogramms gewesen. Gerda W. hat erst nach der "Wende" die Psychiatrie verlassen können und lebt - als Jüdin - in einem christlichen Pflegeheim. Sie verlangte nach ihrer späten Befreiung, das Grab ihres Vaters in Weißensee aufzusuchen, ihres einzigen Angehörigen, der einen Grabstein besitzt, weil er schon im Januar 1938 starb. Sie ließ seinen Grabstein reinigen, wieder aufstellen und sich davor fotografieren. Auch sie wolle dort begraben sein, sagte sie mir.

Jetzt will sie es nicht mehr. Jemand hat ihr von den neuen Grabschändungen erzählt, vielleicht spürte sie es auch, wie sie vieles spürt, was ihr keiner gesagt hat. Es ist ihr gleichgültig, wo sie begraben liegt, sagt sie nun, denn es gibt keinen Ort für eine wie sie.

Vielleicht wird man die Täter finden. Vielleicht wird man sie vor Gericht stellen. Vielleicht werden es solche unbedarften, seelisch verkümmerten Burschen sein wie die, die 1987 über den Friedhof in der Schönhauser Allee herfielen, vielleicht solche verwahrlosten, beschränkten Jugendlichen wie die, die 1950 in Weißensee wüteten. Damals erklärte die Vertreterin des Jugendamtes, die "hinter ihnen liegende Zeit" habe "der Jugend jegliches ethisches Gefühl genommen". Wahrscheinlich wird man, wenn die Täter aus der DDR kommen, auch die hinter ihnen liegende Zeit bemühen, um die Tat zu erklären.

Das alles ist nicht neu, leider. Aber neu und auf andere Weise gefährlich erscheint mir ein Innensenator, der sofort von "blindwütigem" Vandalismus spricht, ein Polizeipräsident, der eine politische Tat für "fast ausgeschlossen" hält. Als hätten Grabschändungen in Berlin auf diesem Friedhsof, selbst wenn es sich "nur" um Verrohung und Vandalismus handelt, keine politische Dimension. Offenbar spüren diese Herren gar nichts. Die Partei des Innensenators hat mit der Bibel Wahlwerbung gemacht. Im Alten Testament wird ein König erwähnt, der ein "herrlich Mahl machte mit seinen tausend Gewaltigen und soff sich voll mit ihnen". Und als die Schrift erschien an der Wand, das Menetekel, konnten sie sie nicht lesen.

00:00 15.10.1999

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