Zwei Kleider oder drei Singvögel ...

Berliner Abende Es gibt Zivilisationsmacken, die kann man nur in der Stadt entwickeln. Frustkäufe gehören dazu. Nie käme auf dem Land jemand auf die Idee, nach einer ...

Es gibt Zivilisationsmacken, die kann man nur in der Stadt entwickeln. Frustkäufe gehören dazu. Nie käme auf dem Land jemand auf die Idee, nach einer verhagelten Ernte in den Dorfladen zu rennen und den gesamten Vorrat an Erdnussflips aufzukaufen, um sich wieder auf die Reihe zu kriegen. Das ist rein städtisches Gehabe und die Landbevölkerung schaut zu Recht auf uns schwache Geschöpfe herab, die wir nicht in der Lage sind, uns nach einem deprimierenden Tag in den Stadtwald zu begeben, um Singvögel mit Steinschleudern zu erledigen. Stattdessen pflegen viele von uns in die Katakomben des Konsums hinabzusteigen, die wahlweise Quartier oder Arkaden heißen, und in denen das Tragen von Steinschleudern verboten ist.
Viele meinen ja, nur Frauen seien so disponiert, sich selbst etwas Gutes zu tun, wenn niemand anderes es macht und dabei gehörig viel Geld auszugeben. Das ist Quatsch. Ich erkenne Frustkäufer und Frustkäuferinnen, seit ich dieser menschlichen Spezies Aufmerksamkeit schenke, und ich kann nur sagen: Daran macht sich der kleine Unterschied nicht fest.
Der jüngste Besuch bei meiner Steuerberaterin endete nicht wie sonst in einer Kneipe, sondern ließ mich allein in meinem Unglück. Die Steuerberaterin erwartete noch weitere Kundschaft. Also war ich an diesem frühen Abend völlig auf mich gestellt und konnte mir überlegen, ob ich zum zuständigen Finanzamt schlendere und 23 Thesen ans Portal schlage, von denen die erste hieße: "Ich hasse Umsatzsteuervoranmeldungen." Und die letzte: "Wenn ich auf mein Einkommen so viel Steuern zahlen muss, komme ich mit dem Rest nicht aus."
Klar war an diesem Abend und nach jenem erhellenden Gespräch im Büro der Steuerberaterin, dass ich über weniger Geld verfüge, als ich mir am Morgen noch weiszumachen versucht hatte. Die Tatsache, damit zum Überleben des Gemeinwesens beizutragen, tröstete mich nur geringfügig. Noch weniger Trost spendete die Erkenntnis, dass ich das Geld, welches ich nun einer staatlichen Behörde schuldete, schon längst ausgegeben hatte. Der subversive Inhalt dieser Botschaft wurde von Angst überschattet.
Vernünftige Menschen träten an diesem Punkt wahrscheinlich den Rückzug an, gingen nach Hause und überprüften die Zahngoldbestände. Ich fuhr in die Alleearkaden am Potsdamer Platz.
Ich muss dazu sagen, dass ich bislang immer nur in derartig schlechten Situationen am Potsdamer Platz war. Meine Beziehung zu diesem Ort ist also recht ambivalent, um nicht zu sagen: absolut gestört. Wenn ich rauskomme aus den Wandelgängen der Unvernunft bin ich nicht mehr dieselbe. So in etwa stelle ich mir Leute vor, die ins Spielcasino gehen. Sie betreten es als Inhaber eines schlecht laufenden mittelständischen Unternehmens und verlassen es mit der Gewissheit, dass jeder weitere Tag nur den Konkurs verschleppt.
An diesem Abend also und geplagt von schrecklichen Selbstvorwürfen landete ich zuerst bei Benetton, also im mittleren Preissegment. Ich bestückte eine Umkleidekabine mit Klamotten, für die nur ein mittlerer Samsonitekoffer gereicht hätte, und probierte mich durch. Am Ende blieb ein rotes Kleid übrig, eher sportlich als frivol, allerdings mit Druckknöpfen vorn, bei denen die Fantasie wenigstens einen kleinen Purzelbaum schlagen konnte. Als ich in diesem Kleid die Kabine verließ, nahm die Verkäuferin mich erstmalig wahr, beäugte mich von allen Seiten und bestätigte, dass dieses Kleid "klasse aussieht". Ich fragte, ob es das klasse Stück noch in anderen Farben gäbe und bekam zur Antwort, blau und schwarz seien auch noch zu haben. "Dann nehme ich das Blaue und das Rote", flötete ich und aus der professionellen Aufmerksamkeit der Verkäuferin wurde leichte Neugier. "Keine Fragen", sagte ich, die Verkäuferin nickte, packte die Kleider ein und nahm mir mein letztes Hemd in Form einer EC-Karte.
Meine Restvernunft begann sich mit Klopfzeichen im Fronthirn bemerkbar zu machen, ich verließ Benetton und ging zu Charlotte, dem Schmuckladen nebenan. Dort kaufte ich mehrere Teile für meinen zusammensteckbaren Ring, alle aus gutem Material. Fast vermutete ich, die EC-Karte würde sich in Luft auflösen, wenn sie ins Lesegerät gesteckt wird. Aber sie kam unbeschadet wieder raus. Im Gegensatz zu mir. Ich verließ die Arkaden mit der Gewissheit, mir echt was angetan zu haben.
Auf dem Land hätte es in diesem Augenblick einfach nur drei Singvögel weniger gegeben. Dafür kommt man zwar auch in die Hölle, aber es schien mir die bessere Variante. Ich neige halt zu späten Erkenntnissen.

00:00 14.06.2002

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