Andreas Förster
19.05.2012 | 13:00 3

Zwei Zahnbürsten für drei Terroristen?

NSU Bücher, Turnschuhe und Kosmetik – Gegenstände aus dem Alltag des Trios deuten darauf hin, dass die Neonazis längst getrennte Wege gingen

Zahnbürsten. Wenn man wissen will, wie viel Menschen in einer Wohnung leben, schaut man am besten im Bad nach. Stehen dort zwei Bürsten, dann spricht viel dafür, dass auch nur zwei Personen unter dieser Anschrift anzutreffen sind.

Das Badezimmer der Wohnung Frühlingsstraße 26 in Zwickau heißt im Asservatenprotokoll der Ermittler im Fall „Nationalsozialistischer Untergrund“ schlicht „Bereich C“. Drei Menschen sollen sich die Fünf-Zimmer-Wohnung geteilt haben – die Neonazis Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Doch erzählt der Schutt, der blieb, nachdem Zschäpe die Bleibe kurz nach dem Tod ihrer beiden Gefährten am 4. November vergangenen Jahres in Brand gesteckt hatte, eine andere, undurchsichtigere Geschichte. Als Asservatennummern 2.3.1 und 2.3.2 aus dem „Bereich C“ findet sich nämlich jeweils „Ein Stück Zahnbürste, elektrisch, brandgeschädigt“. Zwei Zahnbürsten. Eine dritte gab es nicht.

Während im Bundestag und drei Landtagen Untersuchungsausschüsse das Behördenversagen bei der Aufklärung im Fall NSU durchleuchten (siehe Kasten), versuchen Ermittler nach wie vor, die letzten Wochen und Tage des Neonazitrios irgendwie zusammenzupuzzeln und der Wahrheit näherzukommen über die zehn Morde des NSU an Migranten und einer Polizistin. Hinweise aus den Akten sprechen dafür, dass die Gemeinschaft in der Frühlingsstraße schon vor dem Ende des NSU in Auflösung begriffen war.

Das zweite Domizil

Erst seit letzter Woche sucht die Bundesanwaltschaft verstärkt nach einem möglichen zweiten Domizil der mutmaßlichen rechten Terrorgruppe. Neue Fotos von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, die erst in den letzten Jahren entstanden sind, werden jetzt auf der Internetseite des Bundeskriminalamtes gezeigt, um Nachbarn einer möglichen Zweitwohnung des Trios zu finden. In Glauchau, einer Kleinstadt nahe Zwickau, wurden zudem Handzettel mit Fotos der drei Neonazis verteilt. Dorthin sollen die drei in den letzten Jahren häufig geradelt sein. Haben aufmerksame Bürger sie vielleicht an einer bislang unbekannten Adresse beobachtet?

Dass sich die Ermittler erst jetzt auf die Suche nach einem weiteren Versteck der „Zwickauer Zelle“ machen, verwundert schon sehr. Das Asservatenprotokoll der Frühlingsstraße, angefertigt von fünf Beamten der Sonderermittlungseinheit BAO „Trio“ des Bundeskriminalamtes, ist schließlich fast ein halbes Jahr alt – es stammt vom 22. November 2011. Wenn man das 134 Seiten lange Papier aufmerksam studiert, fallen einem neben der fehlenden Zahnbürste noch eine ganze Reihe weiterer Merkwürdigkeiten auf. Sie nähren den Verdacht, dass Beate Zschäpe – zumindest in der letzten Zeit – überwiegend allein in der bereits teilweise geräumten Wohnung lebte und das Trio mit dem Umzug an einen neuen Zufluchtsort begonnen hatte.

Die CSU und Michael Moore

Rückblick: Am 4. November kurz vor 15 Uhr schüttet Beate Zschäpe Benzin in ihrer Wohnung in der Frühlingsstraße aus und setzt die Flüssigkeit in Brand. Kurz zuvor muss sie auf einem bis heute ungeklärten Weg erfahren haben, dass ihre beiden Freunde tot sind. Das Feuer brennt erst wenige Minuten, da kommt es zu einer Verpuffung, die Haus und Wohnung erheblich zerstört. Dennoch können die Beamten bei der Durchsuchung in und vor dem Haus diverse Gegenstände und Schriftstücke sicherstellen, insbesondere aus den weniger in Mitleidenschaft gezogenen Räumen wie Bad, Flur, Küche und Schlafzimmer.

Vieles an der Asservatenliste aber ist merkwürdig. So gab es der Übersicht zufolge kaum Bücher in der Wohnung, gerade mal sieben Stück: Drei über Waffen, eins über den Verfassungsschutz, eins über Altöl aus einem DDR-Verlag in Karl-Marx-Stadt. Um Politik im engeren Sinne ging es nur in zwei der aufgefundenen Werke: Eines davon ist „Volle Deckung, Mr. Bush“, das 2003 in Deutschland veröffentlichte Buch des US-Publizisten Michael Moore; das andere ist das Grundsatzprogramm der CSU in der Auflage von 2002.

13 Paar Damenschuhe

Seltsam auch, dass sich in der Wohnung nur Männersportschuhe für Jogging und Radfahren fanden – davon sieben Paar in einer kleineren Größe, die zu Böhnhardt passt, und zwei Paar in Mundlos’ Schuhgröße. „Normale“ Männerschuhe tauchen auf der Liste nicht auf – dafür aber gleich 13 Paar Damenschuhe in Zschäpes Größe. Im Badezimmer stand auch nur ein Paar Badelatschen – es gehörte offensichtlich Zschäpe. Was völlig fehlt in der Liste, sind Kosmetika und Medikamente. Kühlschrank und Küchenschränke waren weitgehend leer, im Müll lagen einige wenige leere Verpackungen von Fertiggerichten.

Auch die Zahl der Kleidungsstücke auf der Asservatenliste ist nicht gerade üppig. Zwar war ein Teil der Bekleidung durch den Brand kaum mehr zu identifizieren. Unter den übrigen sichergestellten Kleidungsstücken befinden sich aber kaum Männersachen: Zwei Regenhosen, eine Trainingshose, ein Pullover, ein Hemd, drei Herrenslips, ein Paar Socken, ein T-Shirt. Dafür fanden sich im Schutt jedoch 15 Jacken und Blousons. Damenbekleidung weist das Protokoll kaum aus. Hatte Zschäpe viele ihrer Sachen bereits ausgeräumt?

Tränen zum Abschied

Tatsache ist, dass Uwe Böhnhardt das Wohnmobil, das bei ihrem letzten Bankraub am 4. November als Fluchtfahrzeug dienen sollte, bereits am 25. Oktober beim Caravanverleih abgeholt hatte. Wollten er und Mundlos die zehn Tage dafür nutzen, um mit dem Fahrzeug mögliche Überfallziele auszuspähen und gleichzeitig unauffällig Sachen aus der Frühlingsstraße in eine neue Wohnung zu schaffen?

Dafür spricht nicht zuletzt, dass die beiden Männer in dem Wohnmobil neun Waffen und rund 40.000 Euro Bargeld verstaut hatten, als sie sich am 3. November, einen Tag vor dem Überfall, auf den Weg nach Eisenach machten. Mit an Bord waren auch die verräterischen Dienstwaffen, die beim Polizistenmord in Heilbronn den Opfern entwendet wurden. Warum aber sind die beiden mit einer solch brisanten Ladung von Sachsen nach Thüringen zu einem Bankraub gefahren, wenn das Risiko einer Festnahme alles andere als klein war? Vielleicht weil sie nach dem Überfall weiterfahren wollten in die neue Wohnung, um dort die Waffen und das Geld zu verstecken?

Noch fehlt die Antwort

Noch eine weitere Beobachtung passt zu dieser Version. Zschäpe hatte nach dem Umzug der drei in die Frühlingsstraße im April 2008 weiter engen Kontakt zu den ehemaligen Nachbarinnen in der Zwickauer Polenzstraße 2 gehalten. Regelmäßig kreuzte sie dort auf, trank mit den Frauen Wein oder Kaffee. Ihre beste Freundin in der Polenzstraße war Heike K., die sie auch am 1. November 2011 besuchte. Sie hätten zusammen Abendbrot gegessen und ferngesehen, erinnerte sich K. später bei der Befragung durch das BKA. Ihr sei aber aufgefallen, dass die sonst so lustige Zschäpe an diesem Abend auffällig ruhig und in sich gekehrt dagesessen habe. Der Abschied sei dann wie eine Trennung gewesen. ­Zschäpe habe sie „eine ganze Minute“ an sich gedrückt und Tränen in den Augen gehabt, erinnerte sich K. Als schließlich das Taxi kam, sei Zschäpe „fast weggerannt“.

Stand da schon fest, dass sich die zwei nicht wiedersehen würden? Weil Zschäpe mit ihren beiden Freunden aus Zwickau fortgehen wollte? Oder vielleicht auch, weil sie plante, sich von Mundlos und Böhnhardt zu trennen und in die Legalität zurückzukehren? Die Antwort wird Beate Zschäpe vielleicht selbst irgendwann geben. Auch wenn sie bisher beharrlich schweigt und die Ermittler vorerst im Dunkeln lässt, so hat sie doch schon angedeutet, dass das nicht so bleibt. Als sie sich am 8. November der Polizei stellte, gab sie jedenfalls laut einem BKA-Bericht zu Protokoll: „Ich habe mich nicht gestellt, um nicht auszusagen.“

Andreas Förster ist Journalist und hat sich auf Themen der inneren Sicherheit spezialisiert

Kommentare (3)

Sinan A. 19.05.2012 | 16:14

Hilft alles nichts, lieber Andreas Förster,

Beate ist fällig. Die war dabei, zumindest ideologisch. Klar, irgendwann wird man/frau ruhiger und hätte es gern wieder bürgerlich. Aber so läuft das nicht. Mord verjährt nicht.

1998 wurde in Beate Zschäpes Garage folgendes Gedicht gefunden:

ALIDRECKSAU WIR HASSEN DICH

Ein Türke der in Deutschland lebt und sagt er ist auch hier geboren,
den sehen wir schon als verloren.
Er darf jetzt rennen oder flehen, er kann auch zu den Bullen gehen,
doch Helfen wird ihm alles nicht - denn wir zertreten sein Gesicht.
Wer sagt das wäre zu gemein - der soll es sehen das Türkenschwein !
Er plündert, raubt und wird dann frech, doch heut noch stirbt er
- "so ein Pech"
Nur leider ist der Ali schlau, er sucht sich eine deutsche Frau,
mit der er dann 10 Kinder macht und über diesen Staat nur lacht.
Der linke Spinner meint dazu: "Laßt unsern Ali doch in ruh,
Er will nur leben so wie ihr - und deshalb bleibt der Ali hier".
Der Ali freut sich, denn er weiß, erzähl den Linken etwas scheiß,
wie schlecht's Dir geht geht und wirst gehetzt - schon gibt's für Ali ein Gesetz,
Was sagt das jeder der ihn Hasst, ein recht hat auf 10 Jahre Knast.
Drum Ali schlage wir dich breit
und schon kommt es hier nicht soweit.

Flori 21.05.2012 | 09:56

Lieber Andreas Förster,
danke für die Infos. Aber was sagt das? Sie wollten umziehen, nach Glauchau vielleicht? Oder sich trennen? Oder hatten sich schon getrennt? Zwei elektrische Zahnbürsten sind jedenfalls ein Hinweis für gar nix, die Dinger sind nämlich teuer und man kann die Draufsteckbürste wechseln, mein Freund und ich haben zusammen auch nur ein so'n Ding, und wer sich die Zähnchen säubern will, steckt den Bürstenkopf auf. Das nur mal als kurze Nachricht aus der realen Welt. - Die Befragung der Bürger in Glauchau übrigens lief sehr putzig. Ungeschulte Beamte standen auf Bürgersteigen rum und befragten ältere Damen (die dort vor allem zu Hause sind), ob sie sich an irgendwas erinnern. Da der Vietnamese in Glauchau immer noch Fitschi heißt, trafen sie auf entsprechend reservierte ältere Damen. Die Beamten zeigten genau die Fotos, die schon alle aus dem Fernsehen kannten. Im übrigen ging es vor allem um ein Fahrrad besonderer Bauart.
viele Grüße, Flori