Zweifel von Anfang an

suche ohne Ende Vor 30 Jahren begann im ehemaligen Zonenrandgebiet bei Gorleben die Erkundung eines Endlagers für Atommüll

Verdrängung total: Wer als Ausweg aus der Klimakatastrophe die Laufzeitverlängerung der Reaktoren oder gar Reaktorneubauten fordert, muss sagen können, wohin mit den strahlenden Abfällen, die für eine Million Jahre sicher von der Biosphäre abgeschirmt werden müssen.

1957 ging in Deutschland der erste Forschungsreaktor in Betrieb, 1961 das erste Atomkraftwerk, aber der hochaktive Müll wird bis heute oberirdisch verwahrt, von Ort zu Ort verschoben (Castortransporte). Peter Struck, SPD-Fraktionschef, will ihn loswerden mit einer "europäischen Lösung". Wie weit reicht Europa? Bis an den Ural? Sein Parteifreund Sigmar Gabriel, auch Niedersachse und Bundesumweltminister, will einen neuen Anlauf bei der festgefahrenen Endlagersuche, doch er beißt auf Granit bei der CDU. Kein Ministerpräsident möchte in seinem Land einen vergleichbaren Zoff wie um Gorleben ...

Vor 30 Jahren wurde das Elbdorf im nord-östlichsten Zipfel Niedersachsens schlagartig bekannt. Der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) hatte das Schifferdorf als "Nukleares Entsorgungszentrum" (NEZ) ausgeguckt. Die Gründe, die für Gorleben sprachen, waren und sind so hanebüchen, dass sie nicht oft genug wiederholt werden können. Professor Gerd Lüttig, damals Vizepräsident des niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung, outete sich kurz nach seiner Pensionierung 1993. Gorleben war für ihn, der in den siebziger Jahren mit der Vorauswahl befasst war, nur "dritte Wahl". Albrecht habe ihm gegenüber schließlich darauf hingewiesen, dass die DDR dicht an der Grenze in Morsleben eine Atommülldeponie eingerichtet habe. Mit den Worten "jetzt werden wir´s denen mal zeigen" und "da wird sich die Ostzone schön ärgern" habe der Ministerpräsident sich über das Geologenurteil hinweggesetzt, um sich ebenfalls für einen Ort an der Grenze, nämlich Gorleben zu entscheiden. Morsleben ist übrigens auch eine Salzgrube und wurde nach dem Einigungsvertrag mit schwach- und mittelaktiven Abfällen beliefert. Alles sicher, befand in den neunziger Jahren die damalige Umweltministerin Merkel. Heute ist die Deponie geschlossen, eine einsturzgefährdete Grube.

Weniger entlarvend klingt dagegen die gängige Formulierung, der Standort Gorleben sei aus geopolitischen Gründen gewählt worden - wohlgemerkt: nicht aus geologischen Gründen, auch wenn es ähnlich klingt: Das geplante Zentrum umfasste mehr als das nukleare Endlager im Salzgestein: oberirdisch sollten auf einem Terrain von 16 Quadratkilometern eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA), eine Brennelementefabrik sowie diverse Lager und Becken für feste und flüssige radioaktive Abfälle errichtet werden. Das Wendland ragte wie eine Halbinsel in das DDR-Staatsgebiet hinein und bei vorherrschenden Westwinden wäre in einem Radius von 50 Kilometern 70 Prozent der radioaktiven Abluft im Osten niedergegangen. Dazu wäre das Gebiet bei Demonstrationen und im Katastrophenfall leicht abzusperren.

Politische Prämissen führten zur Standortwahl - die geologischen Daten, die in der Folge gewonnen wurden, konterkarierten die jeweils vorgegebenen Sicherheitskriterien: Das niedersächsische Landesamt warnte 1978 davor, dass "Ablaugungsvorgänge" die Standfestigkeit des Salzstockes gefährden könnten, man müsse klären, ob er gegen wasserführende Schichten ausreichend abgeschirmt sei. Die ersten Tiefbohrungen brachten ans Licht, dass der Salzstock Wasserkontakt hat. Untersucht wurde zu jener Zeit nur im Westen, obwohl der Salzstock die Elbe unterquert und der Rudower See auf Ostseite als Austrittspunkt für radioaktive Wässer galt. 1984 plädierten fünf von neun Gutachtern vor dem Innenausschuss des Bundestages für den Abbruch der "Erkundung". 1985 regte die damals zuständige Bundesbehörde, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) an, als Alternative zu Gorleben auch andere Endlagerstätten für Atommüll zu erkunden - und bekam dafür einen Maulkorb verpasst.

Heute liegt Gorleben mitten in Deutschland. Im Salzstock ruht die Arbeit seit 2000 unter Rot-Grün das Moratorium für mindestens drei, höchstens zehn Jahre verkündet wurde - als Teil des sogenannten Atomkonsenses, der zwischen Energiewirtschaft und Bundesregierung ausgehandelt wurde. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat den Stillstand geerbt und sucht jetzt Auswege. Als ehemaliger niedersächsischer Ministerpräsident ist er mit der Materie wohl vertraut, weiß sowohl um die Untauglichkeit des Salzstocks und als auch um den anhaltenden Protest im Wendland. Der Handlungsspielraum ist gering, die Konzerne diktierten unter Gerhard Schröder ihre Formel in den Vertragstext hinein, der Salzstock Gorleben sei "eignungshöffig". Im heutigen Regierungsdeutsch liest es sich so: "Die bisher gewonnen geologischen Befunde stehen zwar einer Eignung nicht entgegen. Für eine Eignungsaussage ist allerdings eine standortspezifische Sicherheitsanalyse notwendig, die erst im Laufe des Planfeststellungsverfahrens erstellt werden kann..." Der Umweltminister schließt in seinem Positionspapier Verantwortung übernehmen: Den Endlagerkonsens realisieren aus der Vorgeschichte immerhin: "Dass die damalige Entscheidung für Gorleben heute in gleicher Weise getroffen werden würde, ist fraglich."

Gabriel will einen Standortvergleich. "Im Rahmen des Auswahlverfahrens ist daher zu prüfen, ob sich gegenüber diesem Standort Vorhabensalternativen aufdrängen (sic!), die ein höheres Sicherheitspotenzial erwarten lassen bzw. aufweisen." Bis Ende 2007 sollen Standortalternativen in Ton,- Granit- und Salzgestein benannt werden ("geologische Suchräume"), findet sich etwas, wird gebohrt. Wenn nicht, bleibt es bei Gorleben. Das Zeitfenster reicht bis zum Jahr 2020. Ein Feststellungsbeschluss für Gorleben sei ohnehin erst im Jahr 2022 zu erwarten.

Gleich zwei Beruhigungspillen verabreicht der Erfinder des "Endlagerkonsenses" den Energiekonzernen, die bereits zur Kasse gebeten wurden. Mehr als 90 Prozent des Abfallvolumens könnte in der ehemaligen Erzgrube Schacht Konrad bei Salzgitter gelagert werden. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hatte Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss abgewiesen, Beschwerden der Konrad-Gegner sind beim Bundesverwaltungsgericht anhängig. In dem Schacht Konrad wurden bisher 850 Millionen Euro investiert. Das Lager ist überdimensioniert. Und in Gorleben, wo bisher 1,4 Milliarden Euro verbaut wurden, sollen heiße, hochradioaktive Abfälle verbuddelt werden. Man würde das Moratorium beenden und unter Tage ein Versuchslabor einrichten.

Für die Menschen im Wendland, die mit ihren anhaltenden Protesten bei jedem Castortransport auf das Atommüllfiasko aufmerksam machen, ist das keine annehmbare Lösung, so viel ist klar. Zweifel von Anfang an gab und gibt es auch an der Redlichkeit der Politik.


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00:00 23.02.2007

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