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Wäre die prekäre Position des lyrischen "Götterlieblings" nicht fürs erste vergeben, so müsste wohl der junge Schweizer Lyriker Raphael Urweider jene Genius-Legende vom sehnsüchtig erwarteten Dichtertalent repräsentieren, das die Lyrik aus ihrem Schlaf der Mediokrität weckt. Denn seit den denkwürdigen Märztagen des Jahres 1999, da er als völlig Unbekannter aus seinem helvetischen Winkel ins hessische Darmstadt kam und dort beim Leonce-und Lena-Wettbewerb gleich obsiegte, durcheilte Urweider in rasantem Erfolgstempo den Weg zum lyrischen Jungstar.

Es hat wohl mit der naturwissenschaftlichen Intelligenz und dem unterkühlten Witz Urweiders zu tun, dass seine lyrischen Welterkundungen so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Urweider handhabt sein lyrisches Instrumentarium so kühl-diagnostisch wie Durs Grünbein, so naturwissenschaftlich-versiert wie Raoul Schrott und so ironisch-distanziert wie der alte Gottfried Benn. Dieser Habitus des abgeklärten Bewusstseinspoeten entspricht an der Jahrtausendwende offenbar mehr den jüngsten Anforderungen auf Zeitgenossenschaft als jene altehrwürdige Lyrik der Gefühlsunmittelbarkeit, der es, wie noch Hegel definierte, ganz "auf das innere Empfinden, nicht auf den äußeren Gegenstand ankommt". In Urweiders Gedichtband Lichter in Menlo Park geht es fast ausschließlich um "äußere Gegenstände": um Kontinente, Windgeschwindigkeiten, Wolkenbildung, Teilchenbeschleunigung, physikalische Zustände des Wassers, Veränderungen des Lichts. Urweider ist ein Autor, für den der einst von Günter Grass abschätzig eingeführte Begriff "Labordichter" wohl keine rufschädigende Nebenbedeutung mehr hat. Denn er interessiert sich nicht nur für die klassischen wissenschaftlichen Laboratorien wie das von Thomas Alva Edison in Menlo Park/New Jersey, das einst zur Geburtsstätte der künstlichen Helligkeit wurde; er streift gleich durch die ganze Technikgeschichte, um deren tragikomischen Aspekte auszuleuchten.

Dagegen taucht nur an einer einzigen Stelle, im ersten Text des Kapitels "armaturen", ein lyrisches Ich auf, das dort aber nur auf die Künstlichkeit und Konstruiertheit seiner Welt verweist. Die einzig erkennbare Eigenschaft dieses nahezu eigenschaftslosen Ich ist sein Interesse an "Basteleien": es will sich mit seinen "täglichen wozus" nicht mehr aufhalten und löst sich auf in experimentelle Übungen. Das Wissen über die Welt und die Möglichkeiten einer Fundierung dieses Wissens bilden also die Materie dieser Gedichte. Es geht um die Grundlagen der Erkenntnis, um die Fundamente unserer Wahrnehmung und um die Mythen der Aufklärung.

Wenn im vorliegenden Gedicht Natur und Mythos, Traum und Technik aufeinandertreffen, dann bleibt am Ende des Gedichts nur noch ein starker sinnlicher Eindruck von einem rätselhaften Tier übrig, dessen Existenz womöglich imaginär ist, ein bloßer visueller Reiz, der sich als Konstante im Gedicht behauptet. Alles steht hier im Zeichen des "braunen staubkäfers", dem alle natürlichen Käfer-Eigenschaften fehlen. Denn dieser imaginierte Käfer ist fluguntauglich und flügellos; aber er zieht alle Wahrnehmungen auf sich, "zu jeder tageszeit", auch "im traum". Der Traum als der direkte Nachbar der Poesie ist hier selbst jenen Gesetzen der Konstruktion unterworfen, die Urweider in seinen Gedichten immer wieder aufruft. Wenn im Gedichtband Kapitelüberschriften wie "Manufakturen", "Quanten", "Tagwerk" oder "Armaturen" auftauchen, dann findet dieser technische Aspekt seine Entsprechung im Gedicht in der Rede vom "armaturenbrett jedes traums" oder der "hydraulik im traum". Auch die fluiden, offenen Erfahrungsbezirke des Traums funktionieren, so will es die Gedicht-Logik, nach mechanischen Verfahren, hier nach den Gesetzen der "hydraulik". In seinen zweizeiligen Strophen montiert Urweider in dem ihm eigenen Lakonismus sein "staubkäfer"-Traumtier in technische Kontexte, wobei die Bilder und Motive in einer rätselhaften Schwebe bleiben. Das unterscheidet diesen Text doch erheblich von den bisweilen allzu humoristisch, fast kabarettistisch gestrickten Erfinder-Anekdoten, mit denen der Autor berühmt geworden ist.


Raphael Urweider

braune staubkäfer überall braune

staubkäfer auch in unserem lac de cygne

und ohne flügel und in jedem

armaturenbrett jedes traums und

zu jeder tageszeit braune staubkäfer

auch dienstags auch in den arabian nights

fluguntauglich klassiert und braun

zwischen den gebrauchsanweisungen im

traum an arabischen dienstagen an beiden

ufern im windschatten ungeflügelt

im staub braune staubkäfer überall

in jeder hydraulik im traum



Raphael Urweider, geboren 1974 in Bern, studiert an der Universität Freiburg/CH Germanistik und Philosophie. Das vorliegende Gedicht ist seinem im Frühjahr 2000 erschienenen Debütband Lichter in Menlo Park", Dumont Verlag, Köln, entnommen.

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00:00 24.08.2001

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