Zwischen den Identitäten

Israel Sayed Kashua ist ein palästinensischer Israeli – der Umgang mit einer doppelten Identität ist auch das Thema seines jüngsten Romans „Zweite Person Singular“

Marginal man ist ein Begriff aus der amerikanischen Soziologie. Er bezeichnet Menschen, die sich nicht mit der breiten Masse identifizieren, sondern an den Rändern ihrer Gesellschaften zu finden sind – und somit häufig auch Bezug zu benachbarten sozialen Gruppen haben. Diese Außenseiterposition kann insbesondere in Konfliktsituationen vermittelnd wirken, denn der marginal man kennt die Eigenarten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Seiten, ist aber zu keiner wirklich zugehörig.

Der Schriftsteller Sayed Kashua ist ein solcher marginal man, denn er ist sowohl Palästinenser als auch Israeli. 20 Prozent aller Israelis stammen aus palästinensischen Familien, die bei der Gründung Israels 1948 in dem Gebiet blieben oder dorthin flohen, wo dann der jüdische Staat entstand – und nolens volens seine Bürger wurden. Israels Araber haben als nicht-jüdische Minderheit nicht dieselben Privilegien wie die jüdische Mehrheit. Laut US State Department sind sie institutionell, rechtlich und sozial benachteiligt. Sie fühlen sich als Israelis, identifizieren sich aber auch mit ihren palästinensischen Nachbarn unter der israelischen Besatzung. Schon deshalb sind sie der jüdischen Bevölkerung suspekt, man nennt sie oft die „fünfte Kolonne“ und empfindet sie als demografisches Problem. Für einen Staat, der sich als jüdisch definiert, sind seine nicht-jüdischen Bürger störend. Linke Kritiker fragen, wie Israel sich als demokratisch bezeichnen könne, wenn seine geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze jeden fünften Bürger direkt oder indirekt diskriminierten.

Der Araber als Jude

Sayed Kashua hat das Dilemma der doppelten Identität zu seinem Thema gemacht. Obwohl er dem marginal man entspricht, steht er in Israel keineswegs am Rande: Er schreibt auf Hebräisch und zählt mittlerweile zu den größten Schriftstellern seines Landes, seine Romane wurden in zehn verschiedene Sprachen übersetzt. Nach Tanzende Araber und Da ward es Morgen legt der 35-Jährige nun seinen dritten Roman vor – Zweite Person Singular, was im Hebräischen zugleich „zweiter Körper“ bedeutet. Die Hauptperson ist der Sozialarbeiter Amir. Er erzählt in der Ich-Form, wie er zum Krankenpfleger Jonathans wird. Der jüdische Jugendliche hat versucht, sich zu erhängen, und vegetiert seither im Haus seiner Mutter, einer israelischen Linken. Amir beginnt, Jonathans Bücher zu lesen, seine CDs zu hören und vor allem seine Kamera zu benutzen, sich ganz und gar mit dem bewegungslosen Kranken zu identifizieren. Die Mutter duldet das, ja fördert Amir gar bald wie einen eigenen Sohn und lässt ihn bei sich wohnen. „Tu mir und vor allem dir selbst den Gefallen und sprich nicht in diesem unterwürfigen Ton mit mir, als wärest du ein Sklave bei einer weißen Frau.“

Schließlich verwendet Amir des anderen Personalausweis und schreibt sich unter dessen Namen in der renommierten Kunsthochschule Bezalel für das Fach Fotografie ein. Die Ironie ist: Er wird angenommen, obwohl er sich als Jude ausgibt, dabei, so lästern seine Mitstudenten, hätten „Quotenaraber“ viel bessere Chancen. „Ein Kibbuznik aus Galiläa sagte, er habe gehört, ein Jahrgang ohne Araber sei ein verdammter Jahrgang, der in der israelischen Kunstwelt nie Erfolg haben würde... Schade, dass ich nicht als Araber geboren wurde, sagte der Kibbuznik und brachte damit alle, die mit ihm am Tisch in der Cafeteria saßen, zum Lachen.“

Während Amir mit der Identität eines anderen Karriere macht, droht ein Rechtsanwalt die seine zu zerstören: Diese Figur in Kashuas Roman hat keinen Namen und wird in der dritten Person beschrieben. Der Advokat hat sich der jüdischen Gesellschaft angepasst und sich hochgearbeitet. „Er musste alles tun, um im Bewusstsein der Leute als der arabische Jurist Nummer eins in der Stadt zu gelten. Und ein schicker schwarzer Mercedes gehörte einfach dazu.“ Wider seinen arabischen Komplex isst dieser Mann Sushi vom teuersten Japaner, trinkt Whiskey und liest klassische europäische Literatur, um sein vermeintliches Bildungsdefizit wettzumachen.

Spannung wie im Film

Eines Tages entdeckt er in einem antiquarisch erstandenen Buch eine Notiz an einen Jonathan, die er für einen Liebesbrief seiner Frau hält. Er steigert sich in Fantasien von Ehebruch. Die eigentlich völlig belanglose Nachricht hatte seine Frau tatsächlich verfasst – lange vor ihrer Hochzeit, und zwar nicht an Jonathan, sondern an Amir. Der Zettel war in das Buch geraten, weil Amir Jonathans Lektüre nach dessen Tod an ein Antiquariat verkauft hatte. Es beginnt die Jagd des Rechtsanwalts nach dem angeblichen Geliebten seiner Frau. Dabei verliert er sich in rasender Eifersucht, wirft alle aufgeklärten Gedanken über die Rolle der Frau in der Gesellschaft regressiv über Bord und setzt sein gutbürgerliches Leben aufs Spiel.

Kashua versteht es, Spannung zu erzeugen. Er ist der Drehbuchautor der erfolgreichen israelischen Sitcom Avoda Aravit (Arabische Arbeit) und Kolumnist für die israelischen Zeitungen Ha’aretz und Ha’ir. Mit schwarzem Humor und kräftigen politischen Seitenhieben hat er die packende Geschichte zweier Männer aufgeschrieben, die ihren Platz in einer Gesellschaft suchen, die für sie eigentlich nicht vorgesehen ist. Es mangelt nicht an Sarkasmus und hagelt geradezu Klischees und Tabubrüche. Doch Kashua weckt auch Verständnis, denn seine Figuren, ob palästinensisch oder jüdisch, sind bei all ihren Unzulänglichkeiten sympathisch.

Wie in seinen vorherigen Romanen hat der Autor seine eigenen Erfahrungen als palästinensischer Bürger Israels verarbeitet. Kashua ist ein Bestsellerautor geworden, der Juden und Arabern gleichermaßen den Spiegel vorhält. Er ist jedoch Realist genug, um zu wissen, dass die Mehrheit der jüdischen Israelis sich für seine Botschaften nicht interessiert – er wird an ihren tiefsitzenden Vorurteilen und ihrem Misstrauen gegenüber Arabern nur wenig ändern. Viele lesen seine Bücher im Übrigen gewiss nur deshalb, weil sie es für „politisch korrekt“ halten: Bereichert Kashua nicht wie sein Protagonist Amir die israelische Kunstwelt?

Den Palästinensern hält Kashua ihre tagtägliche Ohnmacht vor Augen. Oft bekommt er den Vorwurf zu hören, seiner Kultur den Rücken gekehrt zu haben, schreibe er doch auf Hebräisch, in der Sprache der herrschenden Mehrheit. „Es gibt Leute, die meinen, Kashua schäme sich, Araber zu sein“, sagt eine palästinensisch-israelische Doktorandin. Sie selbst lese seine Bücher gerne, denn er sei sehr aufgeschlossen und entwickle eine ungewöhnliche Perspektive auf die Dinge. Für den 32-jährigen Akademiker Jamal Alkirnawi, Beduine aus dem Negev, ist es von großer Bedeutung, dass Kashua „das Bild von uns Arabern verändert, weil er den Sprung in die Mitte der israelischen Gesellschaft geschafft hat.“

Risiken eingehen

Die Schauspielerin Rawda Sliman erklärt, in erster Linie lehnten ihn die älteren und weniger gebildeten Leute ab, die kaum läsen und viel Zeit vor dem Fernseher verbrächten. Ihr Urteil über Kashua gehe deshalb in erster Linie auf seine bewusst provokative Sitcom Avoda Aravit zurück. „Die arabischen Intellektuellen sind von ihm jedoch meist beeindruckt“, so Sliman. „Kashua ist mutig. Er wagt es, unsere Gesellschaft zu kritisieren, was insbesondere angesichts der schwierigen sozialen Lage, in der wir stecken, nicht einfach ist.“

Gerade wegen dieser Schwierigkeiten haben viele Araber das Gefühl, der Autor mache sich über die Opfer lustig und demütige sie noch weiter. Das ist jedoch nicht Kashuas Absicht, ganz im Gegenteil. Vielmehr ist der Humor für ihn ein Vehikel, um sensible politische Themen und Tabus aufzugreifen. „Die Tatsache, dass Kashuas Stimme meist sehr ironisch, oft satirisch und sarkastisch ist, zeigt, dass er sich der Ambiguität seiner Stellung als arabisch-israelischer Schriftsteller, der zudem noch in Hebräisch schreibt, sehr wohl bewusst ist. Das ist natürlich ein Risiko, aber wir Schriftsteller müssen eben Risiken eingehen!“, sagt Kashuas Londoner Kollege, der palästinensisch-libanesische Schriftsteller Samir el-Youssef.

Kashua, der mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern mittlerweile von einem arabischen in einen jüdischen Stadtteil Jerusalems gezogen ist, sagt, für ihn sei es letztendlich am wichtigsten, gut zu schreiben. Das ist ihm auch mit Zweite Person Singular wieder gelungen. Vor allem hat er aufs Neue gezeigt, dass Palästinenser und Israelis sich zwar nicht geheuer, in Wirklichkeit aber weitaus weniger fremd sind, als sie sich und andere glauben machen wollen.


Alexandra Senfft war in den Neunzigern UN-Beobachterin in der West Bank und ist heute freie Autorin. 2009 ist von ihr erschienen: Fremder Feind, so nah: Begegnungen mit Palästinensern und Israelis

Sayed KashuaZweite Person Singular. Aus dem Hebräischen von Miriam Pressler, Berlin 2011, 395 S., 22

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10:00 12.06.2011

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