Zwischen Gans & Gurke

Medientagebuch Frauen kichern, Männer werden ernst genommen: Ein Blick in die Untiefen der Ratgebersendungen

Wie war das eigentlich damals, als das Fernsehen laufen lernte? Als PISA noch lange nicht in Sicht war und Herr Müller oder Frau Meier, des Lesens mächtig, sich in Nachschlagewerken und aus Erfahrung schlau machten? Ach, sagen wir´s so: Die Welt war damals einfacher zu handhaben, die Menschen hatten noch Ansprüche, und das öffentlich-rechtliche Fernsehen sollte informieren, bilden, unterhalten und - erziehen.

Und heute? Tagsüber besteht das Fernsehangebot fast ausschließlich aus Trash-Serien, Talkshow-Klatsch und endlosen Verbraucher-Ratgeber-Service-Magazinen. Doch von wegen Service - Verkaufen! Anpreisen! Vollquatschen! scheint eher das Motto. Oder auch: Ablenken. Womit haben die Zuschauerinnen das verdient? Denn Frauen - wir stellen uns immer die aus der Fernsehwerbung vor, proper angezogen, staubfreie Wohnung, blütenweiße Wäsche, also eigentlich schon perfekt und dennoch immer auf der Suche nach dem I-Tüpfelchen der Kosmetik, des Outfits, der supertollen Haushaltsmaschine - sind offensichtlich die Zielgruppe für Schick schön (ZDF), Gesund Schön (n-tv), Gesund mit Wellness (ARD), Hallo Buffet (ARD), Einsatz in 4 Wänden (RTL), Schöner leben! (Pro Sieben), Besser leben (RTL), Mein Baby (RTL), Meine Hochzeit (RTL)und weitere.

Die Zielgruppenfrau muss schon toppfit ausgeschlafen und gut drauf sein, um die erste dieser zum "Service" deklarierten Sendungen, Volle Kanne (ZDF), täglich eineinhalb Stunden von neun bis halb elf Uhr, durchhalten zu können. Im Studio sitzt Kichererbse Andrea Ballschuh, wie alle in diesem Genre blond und stimmlich-sprachlich ungeübt, mit dem ergrauten Zappel-Jürgen Drews, dem das viele Obst und die frischen Brötchen mit ordentlich-was-drauf sicher gut tun würden. Aber die beiden sitzen nicht am üppig gedeckten Küchentisch, um zu frühstücken, sondern um der Tageszeit und der bunten Kulisse gemäße Dialoge auszuspucken: "Ich hab als Kind deutsche Schlager gehasst! - Nee, komm! - Verstehst du? Ja? O - ooo - oh - hast du schon mal gehört? - Ja, hab ich schon mal gehört(kicher). - Wo denn? - Hab ich schon mal gehört(kicher). - Du musst doch wissen, wo! - Weiß ich nicht mehr, hab ich aber schon mal gehört (kicherkicher)." Und es gibt noch nicht mal was zu gewinnen.

Stattdessen "news", ein Werbe-Filmchen über eine Modenschau von "Anja Gockels neuem Trend ›Waiting on a taxi‹, fantasievoll, ein bisschen ausgeflippt und dennoch tragbar, Anja Gockels Kleider haben in der Modewelt eine ganz eigene Note, Trends spielen keine Rolle bei Anja Gockel und sind kein Maßstab, auch keine Farben, die Kleider haben Wiedererkennungswert, das ist ein echter Gockel!" Von dort zur Ankündigung von Schick schön am nächsten Tag im ZDF, in der Andrea weiter kichern darf, ist es nur ein Schnitt: "Das Beauty-Team begleitet die alleinerziehende Elke auf dem Weg zu einem komplett neuen Outfit". In der Zeitschrift Brigitte hieß die Rubrik "Vorher - nachher", im ZDF geraten naturgemäß Stylist Uwe, Friseuse Anja und die immerkesse Begleiterin Andrea mit ins Bild: "Wir kümmern uns jetzt um die Haare, und dann bekommt Elke noch ein wunderschönes Make-up!"

Gottlob haben wir am selben Samstag schon Gesund mit Wellness hinter uns, in der die hinlänglich vom Kommerzsender bekannte Bärbel Schäfer, die "liebe Frau Assia" als gelungene 80er-Ausgabe zur Rechten und den netten Onkel Doktor mit seinem Kampf gegen "Radikale" zur Linken, deutlich macht, was unter "Anti-Aging" zu verstehen ist: Gedächtnistraining mit Bärbel auf rotem Teppich vor einer Foto-See-Kulisse. Dazu greift sie in einen großen Sack und holt nacheinander Teddy, Wanduhr, Plastikbanane, Plastikfisch, Warmhaltekanne (schon wieder Kanne!) und Plastiktrauben heraus, die Frau Assia am Ende der Sendung noch alle - alle Achtung! - aus dem Kopf aufzählen kann. Es gibt ja Probleme, von denen die Zuschauerinnen ohne diese Sendungen gar nicht wüssten, dass sie sie haben. Kurz: Wenn Olivenöl, Früchte, Bewegung, frische Luft nicht ausreichen, "hilft" der Schönheitschirurg Dr.Herberger von der "exklusiven Deidesheimer Schönheitsklinik", "auch den jungen Frauen, ihre Lebensqualität zu steigern." Wenn auch das nicht klappt, dann allen Ernstes, wobei auf Nachfrage von Bärbel auch One-night-stands zählen: "Sex, mindestens dreimal die Woche."

Klar, dass diese Sendungen gesponsert werden ("Soy Joy, der leckere Soja-Drink, wünscht Ihnen mit Gesund mit Wellness einen guten Tag!"), dass sie ihren Telekoch, den "Teledoktor", das Wohlfühl-Programm ("Aloe Vera, die Wunderwaffe der Natur"), die Einkaufstipps und die Promi-Liste aus Uralt-Schlagersängern und Frühchen-Showbits dabei haben und alle, alle immerzu wahnsinnig aufgekratzt, irrsinnig glatt geschminkt und fasertief fusselfrei sind.

Bis man das alles verdaut hat, ist die Fernsehwoche rum. Aber worüber sollen wir uns auch aufregen? Es gibt schließlich nicht nur "volle Kanne", sondern gleich ganze Kanäle, die aufs Verkaufen aus sind und in denen die Kundschaft selbst Marktschreierin spielen darf. Interaktives Fernsehen heißt das. Kein Unterschied zu den Öffentlich-Rechtlichen, in denen die Rolle der Verkäuferinnen von so genannten Moderatorinnen übernommen wird. Wozu also noch Fernsehen? Weil man sonst nichts hat?

Der Vollständigkeit halber haben wir noch geschaut, was unter dem altbackenen Titel ARD-Ratgeber gesendet wird. Bauen und (nicht "") Wohnen und Technik zum Beispiel. Es lag sicher nicht daran, dass dunkelhaarige Männer moderierten. Es fiel aber die professionelle Souveränität auf, mit der diese Moderatoren grammatikalisch, inhaltlich und stimmlich wohlklingende Zwischentexte formulierten. Und es irritierte nachhaltig die journalistisch-informative Aufbereitung, die tatsächlich das leistete, was man sich gemeinhin unter "Service" und "Ratgeber-Sendung" vorstellen möchte. Liegt es daran, dass die Themen und die Sendezeit (17.05 Uhr, vor der Sportschau) auf die männlichen Zuschauer zielen? Frauen in die Balla-balla-Ecke, Männer werden ernst genommen? Sind wir wirklich wieder soweit?


00:00 17.09.2004
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