Zwischen Nase und Brillenbogen

Kehrseite III Ein Mann sagte in einem Sexshop in Amsterdam zu einem mit ihm sehr befreundeten Mann, dass man eine Geschichte über einen Mann schreiben solle, der ...

Ein Mann sagte in einem Sexshop in Amsterdam zu einem mit ihm sehr befreundeten Mann, dass man eine Geschichte über einen Mann schreiben solle, der sein Leben damit zubrächte, die ideale Kartoffel zu züchten, am Ende seines Lebens aber nicht weiter gekommen wäre als dahin, die erste Kartoffel in das Versuchsbeet zu stecken, um durch besondere Pflege ihre Eigenschaften zum Besseren hin zu manipulieren. Der Freund sagte: Ja, ich habe auch eben an Kartoffeln gedacht. Daraufhin lobten sie beide das Wesen ihrer Freundschaft und verließen diesen Sexshop, um den nächsten aufzusuchen.

Als ein Mann, der von einem anderen Mann sehr bewundert wurde, diesem erzählte, dass er sich beim Autofahren die Vorstellung, dass ihn ein Auto überholte, in dem niemand säße, erlaube und dann, damit ihn möglichst viele Autos überholen und er durch kurze Seitenblicke das Nicht-Real-Werden seiner Vorstellung sicherstellen könne, bewusst langsam fahre, war der Bewunderer durch die Tatsache, dass die Person, der seine ganze Bewunderung galt, das Wort an ihn gerichtet hatte, so hocherfreut, dass er vorerst dem Inhalt der Rede überhaupt keine Aufmerksamkeit schenkte. Erst ein paar Tage später, als der Bewunderer selbst mit dem Auto fuhr, fiel ihm die Rede des Bewunderten wieder ein, worauf er das Wagnis einging, sich nun auch die Vorstellung, dass ihn ein Auto ohne Insassen überholte, zu erlauben, was auch ihn dazu veranlasste, seine Geschwindigkeit zu drosseln und durch kurze Seitenblicke das Nicht-Real-Werden seiner Vorstellung sicherzustellen. Der Bewunderer kam bei dieser Fahrt durch einen schweren Verkehrsunfall ums Leben. Als der vormals Bewunderte davon erfuhr, erlaubte er sich von da an die Vorstellung, dass ihn ein Auto überholte, in dem der vormalige, nunmehr tote Bewunderer säße.

Zwei Freunde gerieten während einer gemeinsamen Reise in einer Kleinstadt in den Alpen, kurz nachdem sie beschlossen hatten, sich für zwei Stunden zu trennen, damit jeder während dieser Zeit seiner eigenen Wege gehen könne, über die Aussage des einen, dass er schon nach einer halben Stunde bei dem vereinbarten Treffpunkt sein werde, weil er den anderen so sehr liebe, woraufhin der andere erwiderte, dass er nicht deswegen früher komme, weil er ihn liebe, sondern weil er ihn brauche, in einen heftigen Disput. Die beiden Freunde einigten sich nach heftigen gegenseitigen Vorwürfen dergestalt, dass sie einander bräuchten, weil sie einander liebten, worüber ein Außenstehender, der den Streit beobachtet hatte, lächeln musste, aber klug genug war, die Sache der beiden nicht zu kommentieren.

Als eine Gruppe alter Männer, von denen heute keiner mehr lebt, einen Mann, nachdem sie ihn an mehreren hintereinander liegenden Tagen beobachtet hatte, wie er immer wieder eine Steinstatue streichelte, nach dem Grund für seine seltsame Handlung fragte, antwortete dieser, dass er sich nach einer Gefährtin wie dieser oder einer ähnlichen Oberflächenstruktur sehne. Einige von den alten Männern betrachteten die Statue daraufhin genauer, die mutigsten unter ihnen berührten sie sogar.

Andreas Jungwirth wurde 1967 in Linz geboren. Er arbeitete zunächst als Schauspieler an verschiedenen Theatern, seit 1996 lebt und arbeitet er vor allem als Autor für Theater und Hörfunk in Berlin.


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00:00 09.03.2007

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