Zwischen zwei Backöfen

Porträt Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung versucht sich nach dem Wahlpatt in Italien als Staatsmann
Zwischen zwei Backöfen
Luigi Di Maio hält von einem Austritt aus der EU oder der Eurozone gar nichts mehr

Foto: Carlo Hermann/AFP/Getty Images

Wenn das Giulio Andreotti noch erlebt hätte! Fünf Jahre nach dem Tod des christdemokratischen Machiavellisten schickt sich ein 31-jähriges Nachwuchstalent an, die Lehren des Meisters auf die verworrene politische Lage anzuwenden: Luigi Di Maio, Spitzenkandidat der Movimento Cinque Stelle (M5S). „Wenn dir das Brot des Bäckers gegenüber nicht schmeckt und du einen zweiten Bäcker in deiner Straße hast, dann gehst du eben zu ihm“, hatte Andreotti seinerzeit geraunt. Die Botschaft dieser „teoria dei due forni“ (Theorie der zwei Backöfen) war klar: Wer die Mehrheit hat, kann sich seine Alliierten aussuchen.

Genau da liegt Di Maios Problem: Seine Partei holte bei den Parlamentswahlen am 4. März zwar sensationelle 32,7 Prozent, doch kam der Rechtsblock aus Lega Nord (Matteo Salvini), Forza Italia (Silvio Berlusconi) und Fratelli d’Italia (Giorgia Meloni) auf 37 Prozent. Was Di Maio freilich nicht daran hindert, sich als rechtmäßiger Anwärter auf das Amt des Regierungschefs zu sehen. Größenwahn eines Egomanen? Eher nicht. Di Maio ist das freundliche Gegenbild zu seinem Förderer Beppe Grillo, dem Komiker, lauten Gründer und starken Mann der Fünf Sterne.

Aus einem stramm rechten Elternhaus stammend – der Vater war Mitglied der neofaschistischen Parteien MSI und Alleanza Nazionale –, ging Di Maio früh eigene politische Wege. Als sein Vorbild bezeichnet er den einstigen sozialistischen Staatspräsidenten Sandro Pertini. Kommentatoren sehen in ihm jedoch eher einen Christdemokraten. Mitglied der Fünf Sterne ist er seit deren Gründung 2009. Vier Jahre später wurde er mit 26 Jahren ins Abgeordnetenhaus gewählt und dort sogleich stellvertretender Parlamentspräsident. Beim parteiinternen Votum vor der jüngsten Parlamentswahl schließlich wurde er mit 82 Prozent zum Spitzenkandidaten gekürt.

Die Selbstbeschreibung der Fünf Sterne, „nicht links, nicht rechts“ zu sein, verkörpert Di Maio fast perfekt. Wichtigster Adressat seines Wahlkampfs waren die Wählerinnen und Wähler der bürgerlichen Mitte, die sich von Beppe Grillos oft vulgärem Gebrüll abgeschreckt fühlten. Immer lächelnd, immer gut gekleidet (dunkler Anzug, weißes Hemd, Krawatte) – Di Maio gilt als der perfekte Schwiegersohn. Auch inhaltlich rückt er an die Positionen der Mitte heran, achtet auf Abstand zu Russland und bekennt sich zur NATO – zum Missfallen des linken Flügels in der eigenen Partei. Auch vom Austritt Italiens aus der EU oder der Eurozone will er nichts mehr wissen. Das beruhigte ausländische Investoren und einheimische Unternehmer. Fiat-Chef Sergio Marchionne und der Präsident des Unternehmerverbandes Confindustria, Vincenzo Boccia, erklären öffentlich, man müsse vor einer Fünf-Sterne-Regierung keine Angst haben – „wir haben schon Schlimmeres erlebt“.

Im Sinne des Pragmatismus rückte Di Maio nach der Wahl unverzüglich vom Dogma ab, M5S werde nur allein, niemals aber in einer Koalition regieren. Wunschpartner ist Matteo Salvinis Lega, die mit 17,4 Prozent stärkste Gruppierung innerhalb des Mitte-Rechts-Blocks wurde. Die würde zwar gern mit M5S regieren, aber nur mit Salvini als Premier und Forza Italia und den Fratelli d’Italia als weiteren Partnern. Silvio Berlusconi wiederum lehnt ein Bündnis mit den Fünf Sternen strikt ab. Diese seien eine „Gefahr für die Demokratie“, eine „Partei der Arbeitslosen“ – Versager, die er in seinem Mediaset-Konzern höchstens „zum Kloputzen“ einsetzen würde. Seine Tiraden gipfelten jüngst in einer Beschimpfung der Wähler, die „schlecht abgestimmt hätten“. Der Ex-Premierminister würde sich am liebsten mit Matteo Renzis Partito Democratico arrangieren. Der PD aber hat sich – mit nur 18,7 Prozent klarer Verlierer der Wahl – ähnlich festgelegt wie deutsche Sozialdemokraten nach dem 24. September 2017: Das Wahlvolk habe der Partei die Oppositionsrolle zugewiesen, die man auch auszufüllen gedenke. Dahinter steckt die Hoffnung, eine „Regierung der Populisten“ aus M5S und Lega dürfte sich schnell selbst zerlegen und die vielen am 4. März zu den Fünf Sternen übergelaufenen demokratischen Wähler würden dann reumütig zu „ihrer“ Partei zurückkehren.

Ob es so weit kommt, ist offen. Sondierungen der Senatspräsidentin Elisabetta Alberti Casellati, einer engen Vertrauten Berlusconis, im Auftrag von Staatspräsident Sergio Mattarella haben ergeben: Eine regierungsfähige Mehrheit aus M5S und Rechtsblock existiert nicht. Nun hat Mattarella Roberto Fico (M5S) als Präsidenten der Abgeordnetenkammer mit weiteren Sondierungen beauftragt. Deren Ergebnis ist ungewiss. Mehrere Szenarien sind vorstellbar: doch noch eine „Mitte-Links-Koalition“ aus M5S, PD und den linken Freien und Gleichen (Liberio e Uguali/LeU) – oder die „Koalition der Populisten“ aus M5S und Lega. Die wäre jedoch nur möglich, würde Salvini den Bruch mit seinem langjährigen Partner Berlusconi wagen. Dass Di Maio dann Regierungschef würde, ist freilich keineswegs ausgemacht. Die kraftstrotzende Lega fühlt sich stark genug, um vom Wunschpartner weitere Zugeständnisse zu verlangen, darunter auch den Verzicht Di Maios auf das Amt des Premierministers.

In der Mitgliedschaft und mehr noch unter den Wählern der Fünf Sterne dürfte das zu einigem Protest führen. Auch die wochenlangen, teils öffentlichen, teils hinter verschlossenen Türen stattfindenden Taktierereien irritieren diejenigen, die am 4. März mit ihrer Stimme gegen die „Kaste“ der etablierten Berufspolitiker protestieren wollten. Giulio Andreotti hingegen hätte die schnelle Abfolge von Finten und Intrigen gefallen. Allerdings war er am Ende auch stets der Gewinner. Sein Musterschüler Luigi Di Maio dagegen muss sich erst noch bewähren.

06:00 27.04.2018

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