Endstation Börse

KOMMENTAR Schrumpfprogramm für Deutsche Bahn

Auf ihrer Fahrt an die Börse in zwei drei Jahren scheint die Deutsche Bahn nichts von jenen Verspätungen in Kauf zu nehmen, die sie ihren Fahrgästen ansonsten so reichlich spendiert. Seit der Bahnreform, sprich Privatisierung, vor sechs Jahren ist es dagegen mit dem Unternehmen stetig bergab gegangen. Zuvor hatte man die Mitarbeiter einer sogenannten Beamtenbahn schlecht geredet, ehe sich die Bundesrepublik zunehmend aus ihrem öffentlichen Beförderungsauftrag zurückzog, nachdem sie das Ganze noch weitgehend auf eigene Rechnung entschuldet hatte. Genutzt hat es wenig. Die Beamtenbahn ist inzwischen zur Schrumpfbahn mutiert. Man konzentrierte sich auf wenige »Wunderkerzenprojekte« wie den Ausbau von Schnellstrecken und den Kauf teurer ICE-Fahrzeuge. Herausgekommen ist eine Kostenexplosion, die außer Pleiten, Pech und Pannen im Betrieb nichts bringt. Ein besonderer Flop sind die technisch anfälligen Neigezüge der Baureihen 411 und 415, die seit Beginn des Sommerfahrplans zwischen Berlin und München sowie Dresden und Frankfurt verkehren. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung will Bahnchef Hartmut Mehdorn jetzt die Notbremse ziehen und im Jahre 2003 mehr als 40 Millionen der gegenwärtig knapp 180 Millionen Zugkilometer pro Jahr im Fernverkehr streichen. Das würde bedeuten, jeden vierten bis fünften Schnellzug auszurangieren. Nach Meinung des DB-Vorstands rechneten sich vor allem Interregios nicht. Weshalb der Bahnchef einfach beispielsweise viele Ferienregionen vom Bodensee bis zur Ostsee vom Direktverkehr abkoppeln und die Länder für ihre jeweiligen Strecken finanziell in die Pflicht nehmen will. Das bringt für die Reisenden neben den üblichen Verspätungen auch kreatives Umsteigen in regelmäßigen Abständen. Man wird bei dieser Gelegenheit daran erinnert, dass im Wort Privatisierung das lateinische Verb privare steckt. Das heißt rauben, und eine Bahnfahrt wird zukünftig nicht nur teuer, sondern auch zeitraubender sein. Streckensanierung ist ein Gnadenakt, wenn man an die Zusage des Bundeskanzlers denkt, Mecklenburg-Vorpommern zur Belohnung seiner Zustimmung zur Steuerreform die runtergewirtschaftete Verbindung Berlin-Rostock zu reparieren. Kostenpunkt 300 Millionen Mark. Da tun sich demnächst viele Möglichkeiten auf. Zunächst aber sollten zügig Bundeswehr, hoffentlich zur Schrumpfwehr, und Polizei privatisiert werden, mit deren Existenz keiner zufrieden ist, danach der Bundestag und die Länderparlamente.

So kann das weiter gehen. Ich aber werde demnächst einen Gebrauchtwagenmarkt aufsuchen und mir nach über 20jähriger Abstinenz ein Auto kaufen. Danke, Rezzo Schlauch. Danke, Deutsche Bahn.

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