Gläubige

KOHL Hat der Streit um den Ex-Kanzler auch eine religiöse Farbe?

Lothar de Maizières vor zehn Jahren getroffene Prophezeiung, das vereinte Deutschland werde östlicher und protestantischer sein, scheint sich in diesen Tagen auf merkwürdige Weise zu bestätigen. Die sogenannten Aufklärer in der CDU-Affäre, Schäuble, Merkel, von Weizsäcker und Wulff, gehören sämtlich zum evangelischen Teil der Christdemokraten, während der Beelzebub der Partei, ihr einstiger Ehrenvorsitzender Helmut Kohl, die katholische Seite repräsentiert. Seinen stärksten Rückhalt hat er noch immer in den rheinischen und süddeutschen Gebieten, traditionellen Zentrumshochburgen, wo Politik nach dem Zweiten Weltkrieg von Konrad Adenauer gegen die "Preußen" in der Union, Jakob Kaiser und Ernst Lemmer, verkörpert wurde.

Es wäre interessant zu erfahren, ob Kohl die Namen der ominösen Spender, die er den Parteifreunden nicht offenbaren will, seinem Beichtvater anvertrauen würde. Basilius Streithofen vielleicht? Jenem Jesuitenpater, der den Ex-Kanzler noch in jeder Talkshow und in jedem Interview vollen Herzens in Schutz nahm? Aber Kohl befindet sich ja nach eigener Aussage bezüglich der Spender, seien es nun Leo Kirch, Elisabeth Noelle-Neumann oder was sonst noch so auf dem Gerüchtemarkt gehandelt wird, in keiner Gewissensnot. Weshalb er offensichtlich keinen geistlichen Beistand benötigt. Eher nutzt er seine moralische Omnipräsenz zu ebenso spontanen wie polternden Fernsehauftritten. Er, der sich früher für ein Interview lange bitten ließ und sich kaprizierte, ehe ARD, ZDF, Sat 1 und RTL der Reihe nach im Urlaubsquartier am Wolfgangsee antanzen durften, richtet sich jetzt seine Sendetermine beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen selbst ein. Eine Mediendiktatur der besonderen Art, die ihm die Teilnahme an Präsidiumssitzungen der CDU erspart. Seine beiden atemlosen Stakkati vom vergangenen Wochenende waren Sternstunden der öffentlichen Wahrnehmung. Die beiden Interviewpartner Thomas Bellut (ZDF) und Ulrich Deppendorf (ARD) wurden zu Stichwort gebenden Statisten degradiert, die dem prominenten Studiogast jenes Wasser reichen durften, das er reichlich anstelle relevanter Informationen vergoss. Kohls Floskelparlando reichte von "Jetzt bitt ich Sie aber" über "Entschuldigung, Herr ..." bis zu jenem metaphysischen "Meine Damen und Herren", mit dem er die Antwort auf eine Frage des glücklosen Deppendorfs einleitete. In ihrer Weltenferne erinnerte die Anrede an jene merkwürdige Ansprache des frisch gewählten SED-Parteichefs Egon Krenz, der im Oktober 1989 via Fernsehen seine Bevölkerung mit den Worten "Liebe Genossinnen und Genossen" begrüßte. Beide rhetorischen Pannen sind Produkte einer individuellen Endzeitstimmung, die kein Gefühl mehr für den aktuellen Moment kennt.

Wenn Kohl die Interviewer mit "Entschuldigung" anblafft, weil ihm eine Frage oder eine Vermutung nicht gefällt, macht er sich gleichzeitig angreifbar, weil er seine autoritäre Natur ohne Verstellung auf dem Bildschirm zeigt. Soll man Mitleid mit ihm haben? Eine Glaubensfrage. Kohl versteht die Welt nicht mehr, weshalb er laut und ungebremst spricht. Er offenbart einen Mangel an Einfühlung für die Lage seiner Partei, die er vom Glauben abweichen sieht. Wie es Konrad Adam 1927 in seinem Buch Wesen des Katholizismus beschrieb:" So sehr der gläubige Katholik die Innigkeit würdigt, mit der im Mittelalter das politische Staatswesen mit dem katholischen Kirchenleben verflochten war, so sehr schmerzt es ihn, dass damals der eifernde Blick auf die objektiven Werte in Religion und Gemeinschaft zuweilen das Verständnis für die menschliche Innenwelt, insbesondere für das Recht und die Würde des Gewissens, auch des irrigen Gewissens schwächte: daß die Kraft des logischen Denkens die Kraft der psychologischen Einfühlung hemmte."

Es wäre skurril, wenn die Aufarbeitung des Spendenskandals die CDU in einen insistent protestantischen und einen lässlich katholischen Flügel spalten würde. Das Schisma als Revival deutschen Kirchenkampfes im Medienzeitalter? Zur Sache, Ex-Kanzler!

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