Ohne Netz und doppelten Boden

KOMMENTAR Bodewig contra Mehdorn

Vor einigen Wochen hat die Deutsche Bahn quasi über Nacht die Strecke von Brandenburg nach Belzig stillgelegt, wegen einer einzigen kaputten Weiche. Monopolismus in Reinkultur. Jetzt hat das brandenburgische Verkehrsministerium der Bahn unmissverständlich die Auflage erteilt, den Verkehr zwischen beiden Städten bis spätestens Juni 2001 wieder aufzunehmen. Schließlich hatte die Landesregierung mit Geld den Erhalt der Strecke bis auf weiteres öffentlich garantiert.

Wenn Hartmut Mehdorn nicht mehr Herr der Schienen ist, wie es Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) an diesem Wochenende vorgeschlagen hat, wird es einen derartigen Konflikt vielleicht nicht mehr geben. Die Bahn ist dann nur noch Nutzer der Gleise wie andere auch. Es scheint, dass sie ihr "Anlagenkapital" verspielt hat. Denn das Brandenburg-Belzig-Projekt ist beileibe nicht das einzige, das klammheimlich den Betrieb eingestellt hat. Oft sind die Gründe fadenscheinig, wie oben genannt.

Die Bahn investiert lieber in die dicken Goldschlagadern der ICE-Verbindungen. Das gesamte südthüringische Netz um Sonneberg und Saalfeld liegt dagegen wegen maroder Gleise und Tunnel seit Jahren still. Auch das Land Thüringen hat den Betreiber aufgefordert, nötige Reparaturen endlich, wie zugesagt, in Angriff zu nehmen und die Züge wieder rollen zu lassen in der beliebten touristischen Landschaft. Die Deutsche Bahn hat zwar die Zuschüsse eingesteckt, aber nichts bewegt.

Vielleicht ist Minister Bodewig deshalb der Geduldsfaden gerissen. Er versucht jetzt, den jahrelangen Streit um die Trennung von Schienennetz und Zugbetrieb zu beenden. Der Minister möchte damit den Wettbewerb fördern. Ob das gelingt, bleibt offen. Denn mit der getrennten Verwaltung beider Bereiche können betriebliche Pannen auftreten wie in Großbritannien, weil sich das Unternehmen weiter in unübersichtliche Bereiche aufteilt. Seit der Reform von 1994, als die Bahn privatisiert wurde, ist die Situation für die Fahrgäste fast überall schlechter geworden. Durch die vermeintliche Gesundschrumpfung sind ganze Regionen vom Netz gegangen, ohne dass einer der vielen Verkehrsminister der vergangenen Jahre diese Trennungen vorschlug. Es war vor allem eine Trennung von Bahn und Kunden. Der ewige Schrei nach Staatsferne ist auch bei der Behördenbahn nicht zum Dernier Cri geworden. Die über 150 Jahre alte Kultur eines Unternehmens wird seit etlichen Jahren durch forsche Sanierer Zug um Zug kaputtgespart. Versorgungsleistungen zählen auch dort nichts mehr, da kann ein Verkehrsminister wenig ändern.

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