Abendschule des Volkes

Medientagebuch Programmtipps: Im Monat der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika zeigt der Fernsehsender Arte sehenswerte afrikanische Kinofilme

Mit dem Sturz der Apartheid ist ein Land auf die Weltkarte des Kinos gerückt, das in den zehner und zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts über eine der pro­duktivsten Kinematografien der Welt verfügte: Südafrika. Bis in die neunziger Jahre herrschte auch im Kino Rassentrennung, das Gros der Filme bestand aus schlichten Machwerken, die die Kultur der Buren glorifizierten. Heute unterstützt der Staat die Anstrengungen weißer wie schwarzer Filmschaffender, um der jungen Demokratie ein neues visuelles Gepräge zu verleihen – und seine Kulturindustrie anzukurbeln.

Arte zeigt anlässlich der Fußball-WM eine Reihe von afrikanischen Spiel­filmen. Den Anfang macht das Oscar- prämierten Gangstermelodram Tsotsi (10.6.). In farbenfrohen Bildern wird die Geschichte eines jugendlichen Klein­kriminellen in Johannesburg erzählt, der bei einem Carnapping aus Versehen ein Neugeborenes mitgehen lässt. Über die ungeplante Verantwortung erwacht sein Gefühl für Anstand und zum rührseligen Finale kann er das unversehrte Baby den Eltern zurückgeben.

Der Film behauptet, dass es nicht mehr Rassengrenzen sind, die die Gesellschaft zerklüften, sondern dass die neue Konfliktlinie zwischen Arm und Reich verläuft. Dabei sind die Nachwirkungen der Apartheid allgegenwärtig: Der Gerichtsfilm Red Dust (28.6.), eine Produktion der BBC, stellt das Wirken der Wahrheitskommission nach. Mögen nicht alle Details der Wahrheit entsprechen, so führt der Film doch eindrücklich vor, wie schwierig es ist, das Prinzip der Vergebung zur Anwendung zu bringen – selbst wenn es als Voraussetzung für ein friedfertiges Zusammenleben der vormals segregierten Bevölkerungsgruppen akzeptiert wird.

Das afrikanische Kino ist auch andernorts von der Reflexion postkolonialer Bedingungen geprägt, die sich oft als Generationenkonflikte artikulieren. Das galt schon für den 2007 verstorbenen senegalesischen Altmeister Sembene Ousmane, dessen letzter Film Mooladé – Bann der Hoffnung gezeigt wird (23.6.). Anhand der Genitalverstümmelung von jungen Mädchen kritisiert er die Unmenschlichkeit gewisser Traditionen und regt so zum Nachdenken über die Aktualität moralischer und ethischer Grundsätze afrikanischer Gesellschaften an. Sembene setzte enorme Hoffnung in das Kino, das für ihn die Abendschule des Volkes war.

Klassiker von 1987

Als legitimer Erbe erweist sich der aus Guinea stammende Cheick Fantamady Camara, dessen Sozialsatire Wolken über Conakry (16.6.) einen Vater-Sohn-Konflikt inszeniert. Der Vater, ein Imam, verlangt von seinem völlig areligiösen Sohn, dass er in seine Fußstapfen trete. Doch der Sohn ist als politischer Cartoonist tätig und möchte die Tochter des Verlegers heiraten. Hier kommt es zum Happy End erst nach der Katastrophe, wenn sich das junge Paar zum Abspann vor einem Kino namens Liberté trifft.

Die spirituelle Welt der Bambara führt Yeelen (17.6.) vor, ein Klassiker von Souleymane Cissé aus dem Jahre 1987. Hier steht die Emanzipation des Sohnes stellvertretend für den Kampf der jungen Generation gegen die anhaltende Unterdrückung in den afrikanischen Staaten durch machtbesessene Potentaten. Von den noch immer allgegenwärtigen Bürgerkriegen erzählt der aktuell erfolgreichste Regisseur des afrikanischen Kontinents, der aus dem Tschad stammende Mahamet-Saleh Haroun. Arte zeigt Daratt (30.6.), eine durchkomponierte Parabel über einen Jungen, der angetrieben von einem über Generationen tradierten Rachedenken auszieht, den Mörder seines Vaters umzubringen. Wenn er zum Schluss davon ablässt, dann weil er erkannt hat, dass nur jeder für sich selbst die Spirale der Gewalt durchbrechen kann.


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