Bauer sucht Pop-Kultur

Eventkritik Die "Grüne Woche" zeigt: Das Landleben ist im Mainstream angekommen und Inka Bause ist die neue Pop-Ikone der Agrarkultur. Aber verkauft wird nur ein Image

Im "Land der Frühaufsteher" ist so früh noch keiner da. Um zehn Uhr morgens sollte hier Inka Bause auf der Bühne stehen, in Halle 23b, doch sie lässt auf sich warten. Dabei ist sie doch der Stargast Sachsen-Anhalts bei der "Grünen Woche." Aber Stars lassen eben warten. Vor fünf Jahren hätte es noch absurd gewirkt: Eine Schlagersängerin und TV-Moderatorin auf einer Landwirtschaftsmesse. Doch Bause ist mittlerweile so etwas wie die Popikone der Agrarkultur. Bis zu acht Millionen Menschen schalten regelmäßig ein, wenn sie bei Bauer sucht Frau Landwirte verkuppelt – der Bauernhof als Bühne für die Massen.

An diesem Samstag in Halle 23b sind nur gut hundert Zuschauer gekommen, doch als Bause um halb elf die Bühne betritt, herrscht: Stimmung. Applaus, an den Ständen legen die Fleischer die Wurst aus der Hand, eine Jugendliche mit Kamera kreischt: "Papa, ich krieg den Blitz nicht an!" Bause sieht aus, wie man sie kennt und liebt: Dauerlächeln, lila Samt-Sacko, die kurzen blonden Haare neckisch abstehend – ein wandelndes Super-Illu-Cover. Doch sie ist heute nicht gekommen, um über ihre Sendung zu sprechen, sondern über ihren Sponsor, einen Kaffeehersteller aus der Elbe-Börde-Heide. "Ick bin ohne Schmu mit Röstkaffee großjeworden", sagt die gebürtige Leipzigerin, die in Ost-Berlin aufgewachsen ist. "Ich krieg’ viele Werbeangebote, aber als ich hörte: Magdeburg, Ossis, dachte ich: Das passt!"

Kernkompetenz Bodenständigkeit

Sie lehnt auf einer überdimensionalen Kaffeepackung, als der Moderator sie fragt, ob es denn schwer sei, nicht abzuheben. "Nee, die Leute klopfen mir immer auf die Schulter und fragen: Na, wie jeht’s, Kleene? Ick hab mich nüscht verändert." Der Moderator ruft entzückt: "Na, das ist doch einen Applaus wert!" Das Publikum auf den Bierbänken klatscht. Inka Bauses Kernkompetenz ist Bodenständigkeit. Dank ihr kann sie alles verkaufen, von der Kuppelshow bis zur Kaffeewerbung – die Leute lieben das.

Eine Frau, Mitte Fünfzig, applaudiert. "Ich schaue gerne Bauer sucht Frau, da wird so viel Natur gezeigt und die Leute geben sich so, wie sie sind", sagt sie. Dabei wohnt sie selbst auf dem Land. In der Lausitz vermietet sie Zimmer an Radtouristen aus der Stadt. Die Geschäfte gehen gut, seit neuestem hat sie Schafe im Garten, "die Leute finden so was toll."

Das Landleben hat derzeit Hochkonjunktur, gerade bei Städtern. Ein Magazin wie Landlust verkauft über eine halbe Million Hefte pro Ausgabe. Mehr als doppelt so viele wie der andere Senkrechtstarter der letzten Jahre, das Jugendkultur-Magazin Neon. Auf ihre Art tun beide das Gleiche: Sie verkaufen ein Lebensgefühl, das Traumbild von einem besseren Leben ­­– bei Neon ist es cooler, bei Landlust naturbelassener als das eigene. Auch der Erfolg von Bauer sucht Frau basiert nicht nur auf grotesken Protagonisten, über die man lachen kann, sondern auch auf eingestreuten Bildern vom idyllischen Landleben, die zum Träumen einladen.

So ist denn die Landwirtschaft längst in der Popkultur angekommen. Auf der "Grünen Woche" bieten Frauen in tiefausgeschnittenen Trachten Milch an – der Mechanismus "Sex sells" zieht auch hier. Eine Halle heißt "LebensTraum Dorf", dort hadert eine junge Frau: "Ich würde so gerne in Brandenburg wohnen. Aber jeden Tag eine Stunde zur Arbeit, das ist zu weit." Dennoch: Der Wunsch sitzt tief.

Ein Studentenpärchen schlendert über die Messe. Stadtkinder, aus Magdeburg gekommen. "Wir fänden es schon reizvoll, für eine Zeit auf dem Land zu leben", sagt er. "In der Stadt kann man machen, was man will und wann man will, auf dem Land hat man einen ganz anderen Rhythmus, mehr Bezug zu den Tieren, zum wirklichen Leben." Seine Freundin ist skeptischer: "Ich weiß aber nicht, ob man hier wirklich einen Eindruck vom Landleben erhält", sagt sie.

Sie ziehen weiter durch den sogenannten "Erlebnis-Bauernhof" in Halle 3.2. Doch der Name täuscht. Man kann hier weder Kühe melken noch Heu wenden. Stattdessen kann man einem Bauer in Gummistiefeln zuschauen, wie er mit Laptop in der Hand eine Kuh untersucht. Das Ultraschall-Bild wird auf einen Flachbildschirm geworfen. Und eine "I-Kuh" aus Plastik erklärt mit Tonbandstimme, wie man aus Kuhfürzen Biogas gewinnt. Das Bauernleben von heute hat nur wenig zu tun mit den romantischen Vorstellungen, die sich Landlust-Leser vom Dorfleben machen.

"Schlag den Bauer!"

In Halle 23a wird trotzdem genau dieser Traum verkauft. Hier wird "Schlag den Bauer" gespielt: "Der ultimative Berufstest". Landjugend und Landwirtschaftsministerium suchen Nachwuchs. Auf Bannern steht: "Landwirt aus Leidenschaft", dazu Fotos von jungen Menschen, die Kühe umarmen und an einer Blume riechen. Der Moderator, der aussieht wie Frank-Walter Steinmeier und gröhlt wie Gerhard Schröder, sucht Mitspieler. Ein Angetrunkener aus einer Reisegruppe kommt auf die Bühne. Peter heißt der Schlacks. Im Duell mit einem Jungbauern muss er Körner sortieren, Erntefahrzeuge in Spielzeugröße richtig anordnen, an einer Tafel Schweine- und Rinderorgane erkennen und mit einem Plastiktrecker Tennisbälle schaufeln. Die Reisegruppe johlt, der angeheiterte Peter wankt durch die Spiele und gewinnt. Besser: Man lässt ihn gewinnen. Es geht ja um die Botschaft: Landwirtschaft macht Spaß.

Vier junge Bayern stehen in Lederhosen vor dem Halleneingang und rauchen. "Eine Riesen-Verarsche ist des, eine Hausfrauenschau", schimpft einer. "Hier wird nicht die ganze Arbeit gezeigt, die dahinter steckt." Die vier gehen in Bad Tölz auf eine Meisterschule für Landwirte, bald werden sie die Höfe ihrer Eltern übernehmen. Ein Landwirt, sagt einer aus der Gruppe, sei in erster Linie Unternehmer: Rechnen müsse man können, ob sich das alles lohne. "Die Menschen haben ein falsches Bild: So Deppen wie in Bauer sucht Frau würden im echten Leben nie eine Frau finden." Inka Bause findet er aber sympathisch, sein Kollege johlt: „Geile Sau!“ Und beweist damit: Im Agrar-Pop ist Bodenständigkeit der neue Sex-Appeal.

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15:00 18.01.2010
Geschrieben von

Dominik Bardow

Autor des Freitag
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Ausgabe 42/2021

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