Auf der Autobahn

Ein feuchtkalter Tag auf der Autobahn, ein Sonntag im Winter. Nebel legt sich auf Windschutzscheibe und Gemüt, Depressionen schießen auf wie ...

Ein feuchtkalter Tag auf der Autobahn, ein Sonntag im Winter. Nebel legt sich auf Windschutzscheibe und Gemüt, Depressionen schießen auf wie Schimmelpilze: Ich bin allein.

Dort, wo alltags der Individualverkehr vibriert, wo ein Lastwagen nach dem anderen über die Steigung schleicht, bin ich allein. Rechts und links nichts als graues Leitplankenmetall, in der Mitte weiße Fahrbahnstreifen, Berlin 476 km.

Ich passiere Abzweigungen, Dreiecke, Kreuze, ich durchquere geisterhafte Betontunnel, im Radio keine Staumeldung, keine Warnung vor Falschfahrern, vor Tieren auf der Fahrbahn. An den ungezählten Baustellen niemand, der sich vor mir in zähem Schritttempo an den irritierenden Lichtsignalen der gelbmarkierten Absperrung vorbeiquälte. Der Wind weht feine Schneeflocken ins Scheinwerferlicht, ich schalte die Heizung ein, die Seele friert.

Ich bin einsam.

Ich sehne mich nach den anderen, ja, nach denen, die ich gestern überholt und verflucht habe. Ich vermisse die wankelmütigen Früh-vergreisten, die unberechenbaren Osttransfers, die schwankenden Mobilheime. Vergeblich suche ich die tröstlichen Nebelschlussleuchten, die blendenden Halogenstrahler im trauerfarbenen Wintertag.

Da sendet der Himmel Hilfe, ein Silberglanzschirm wölbt sich über dem Horizont! Ich nähere mich dem Licht, hoffe, es möge die Öde in meinem Herzen ausblenden. Schon zeigt der Bildercode der Automobilsten die Zapfsäule, die Kaffeetasse, das Besteckkreuz, die Wippe und das Bett. Tankstelle, Snackbar, Restaurant, Kinderspielplatz, Motel. Extras sind Behinderten-WC, Shop, Internet-Station, Kartentelefon. Ich setze den Blinker, fahre ab.

Ob in Köckern, Strocken, Teufelstal, Korntal-Münchingen, Dimmerschachen, Neubuckow: Die deutsche Tank- und Rastanlage heißt mich bei Tag und bei Nacht herzlich willkommen! Im Serpentinenlabyrinth entdecke ich Abstellflächen für Lastkraftwagen, Parktaschen für Männer/Paare/Kleingruppen, dann die Frauen- Behindertenparkplätze am Eingang des spiegelnden Glaspalasts, der mit dem Multifunktionsmenü wirbt: Tankstelle, Snackbar, Restaurant, Kinderspielplatz, Motel. Extras sind Behinderten-WC, Shop, Internet-Station, Kartentelefon. Für jeden etwas.

The greatest happiness of the greatest number... Der englische Utilitarismus des vorvorigen Jahrhunderts scheint sich in der Leitphilosophie des Autobahn-Centers zu erfüllen. Glastüren gleiten lautlos auseinander, der Blick fällt aufs Tagesangebot: Gans mit Rotkraut, Wild mit Klößen, Cappuccino Strudel. Und: Reibkuchen, Kässpätzle, Pommes frites, Insalata Tonno, div. Sandwiches, Obst, etc. Toiletten, Duschen, Wickelräume links, Zeitschriften, Zeitungen, Bücher, Videogames, DVDs rechts, daneben Parfüms, Seifen, Geschenkartikel, Spielzeug, geradeaus die Kassen, davor das Komplettangebot der Firmen Haribo, Ferrero Ritter Sport sowie diverse Kühlfächer mit Cola, Gouda am Stiel, Minipizza.

Und zwischen allem: Menschen! Rotwangig, erlebnissüchtig. Gerade noch schmerzlich vermisst, zwängen sie sich hinter und neben mir durch den musikdurchfluteten Raststättenkosmos, schieben mich zu den Wühltischen mit Wetterjacken, Kuschelgetier, Wein im Geschenkkarton mit Traubenimitat, vorbei am Toilettentrakt, in dem Wandgemälde (Kornfelder) und Objektinstallationen (Hacke Spaten) über die wirtschaftliche Nutzung der Region informieren. Auch das Interieur der Restaurantmeile, in das mich die Menge drängt, gibt sich lokalspezifisch, wird aber - selbst in diesem sogenannten Neuen Bundesland - vom alpinen Bauernhausfries in knusperbraunem Plastik dominiert.

In langen Reihen stehen wir mit unseren Resopaltabletts an. Jeder will der Erste sein, jeder überholt und verflucht seinen Nächsten. Keine Euphorie der Einsamkeit der Betonwüste entkommen zu sein, kein ekstatisches Gruppenerlebnis, kein kollektiver Rausch der Sinne.

In meinem Hirn formuliert sich ein dringender Wunsch: Ich will allein sein!

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