Bedachtsam, aber kein Stiller

DER MALER WERNER WITTIG WURDE 70 JAHRE ALT Die Stadt tritt leise herein«, heißt es in einem Gedicht von Annerose Kirchner für den Maler Werner Wittig. Dort, wo der kürzlich siebzig Gewordene ...

Die Stadt tritt leise herein«, heißt es in einem Gedicht von Annerose Kirchner für den Maler Werner Wittig. Dort, wo der kürzlich siebzig Gewordene lebt, in Radebeul bei Dresden, ist das noch so. Ein »Gehöft« wird von Bäumen, Gesträuch und Wiese dicht umschlossen. Wer seine »Wege zur Siedlung« entlanggeht, trifft keinen Menschen. Ein »Großer Apfel« wird als Organismus verstanden, der seine Daseinsberechtigung trotzig gegen alle Ummauerung behauptet. In beträchtlichem Ausmaß bringt das Gewächs sich zwischen zwei Häuserwänden zur Geltung und weist auf seine Würde hin. Die Häuser sind noch Ziegelbauten mit Satteldach. Von Verkabelung und Vernetzung keine Spur.

Werner Wittig verleiht Dingen und Verhältnissen Dauer, deren Verderben programmiert scheint. Dabei geht er mit Besonnenheit und Zutrauen zu Werke; man merkt überhaupt nicht, dass er selbst im Leben Behinderungen und Verletzungen schlimmster Art erfahren hat. Kurz nach Kriegsende traf den Chemnitzer Bäckergesellen ein Unglücksfall, der ihn mit knapper Not am Tod vorbeiführte. Er verlor die linke Hand, und die Rechte kam schwer zu Schaden. Ein handwerklicher Beruf schien nicht mehr in Frage zu kommen.

Wittig übte sich in der Kunst des Überlebens, indem er sich das Schwerste vornahm, was denkbar war: Er lernte graphisch zu arbeiten, mit feinen Stiften, Nadeln und Sticheln; er lithographierte, radierte, riss in Holz. Ihm wurden Gnaden zuteil und seien es nur die, dass er auf verständige Menschen traf. Der Leiter der Chemnitzer Kunsthütte, Friedrich Schreiber-Weigand, und die Maler Max Schwimmer und Hans Theo Richter standen am Beginn seines Künstlerweges. Bald sprach man über Dresden und Chemnitz hinaus von seiner Meisterschaft. Mit vierzig hatte er seine erste Einzelausstellung im Berliner Kupferstichkabinett, damals noch im Alten Museum. In den nächsten 20 Jahren hat er in über 30 ost- wie westdeutschen Städten sein Werk vorgestellt. Langsam wuchs ihm ein Freundeskreis zu. Begeisterte Sammler im Rheinland erarbeiteten für ihn 1993 einen Werkkatalog der Druckgraphik. Mit Recht heißt es dort, Wittig zähle jenseits der intellektualistischen Konstrukteure und Großflächenfüller zu den bedeutendsten deutschen Graphikern der Gegenwart. Nun verlieh ihm die Akademie der Künste seines Heimatlandes Sachsen den mit dem Namen seines Lehrers Hans Theo Richter verbundenen Preis.

Als ich davon hörte, hatte ich gerade Besuch aus dem Westen, aufgeschlossene Leute, die freundlich auf Wittigs Blätter schauten, sie aber doch nur zum Teil verstanden. Einige entdeckten die Entstehungsjahre und sagten: »Das war doch tiefste DDR, davon redet man noch?« »Ja sicher«, antwortete ich sinngemäß, »mehr denn je sollte man es tun, denn hier hat man es mit den lautersten ›gesamtdeutschen‹ Quellen zu tun. Manchmal glaube ich, ›drüben‹ will man seit der Vereinigung davon weniger wissen als früher.« Dort fasst man die dahingegangenen Parolen und Kunstprogramme ins Auge, identifiziert sie mit dem Leben und bemüht dann meist das Interpretationsmuster von den Nischen als den Randerscheinungen des Regimes. Gewiss, Wittig haust versteckt in einem verwunschenen Steinbruchhaus an den Lößnitzhängen. Aber es ist einfach fade, diesen lebenszugewandten Menschen zu den sogenannten Stillen im Lande zu rechnen.

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