Auf dem Dritten Weg

Systemwettstreit Ein Buch aus dem Ch.-Links-Verlag beleuchtet Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Nicaragua-Solidarität in Ost- und West-Deutschland

Als die Sandinistische Befreiungsfront Nicaraguas (FSLN) am 19. Juli 1979 Anastasio Somoza gestürzt und eine Regierungsjunta aus drei Sandinisten und zwei Vertretern des bürgerlichen Lagers die Macht übernommen hatte, trauerte zunächst kaum jemand dem rechten Diktator nach. Doch nachdem die Verlegerin Violeta Chamorro und der Unternehmer Alfonso Robelo im Jahr darauf die Regierung verließen, weil ihnen der Linkskurs der Sandinisten zu weit ging, und dann US-Präsident Ronald Reagan 1981 begann, die Opposition zu bewaffnen, schieden sich hierzulande die Geister am revolutionären Nicaragua.

Während die Anhänger von Daniel Ortega Co. in den Medien von Alphabetisierungskampagne und Landreform schwärmten und meist Kritik vermieden, ließen die Gegner kaum ein gutes Haar am sandinistischen Experiment. Das kleine Land in Zentralamerika war zwischen die Fronten des Kalten Krieges geraten. Die Bundesregierung unter Helmut Schmidt versuchte noch eine Gratwanderung zwischen US-Loyalität und vorsichtiger Unterstützung, doch Helmut Kohl fror die offizielle Hilfe fast gänzlich ein. Lediglich der DED und einige politische Stiftungen waren weiterhin in Nicaragua tätig.

Ganz anders die DDR: Sehr bald wurde Ost-Berlin zu einer großen Stütze der Sandinisten – das zeigt der von Erika Harzer und Willi Volks herausgegebene Band Aufbruch nach Nicaragua. Deutsch-deutsche Solidarität im Systemwettstreit. Honeckers Regierung war maßgeblich an der Ausbildung der sandinistischen Streitkräfte beteiligt, sie stand beim Aufbau des Geheimdienstes zur Seite, sie baute ein Berufsbildungszentrum auf und errichtete und betrieb in Managua das Hospital Carlos Marx, das immer noch das beste Krankenhaus im Lande ist. Solidarität mit dem neuen Nicaragua – das war in der DDR eine staatliche Angelegenheit. Private Solidaritätsgruppen, etwa der Kirchen oder auf städtischer Ebene, wurden in ihrer Arbeit regelmäßig behindert, wie Willi Volks aus eigener Erfahrung berichtet.

In der BRD war es dagegen vor allem die private Solidarität, aus der heraus der von den Sandinisten angesteuerte „Dritte Weg“ zwischen Kapitalismus und Staatsdirigismus unterstützt wurde. In Gewerkschaften und Kirchen hatten sich zahlreiche Nicaragua-Gruppen gebildet, und so manches Komitee fand sich zusammen, weil sich Menschen wie der verstorbene Verleger Hermann Schulz für ­Nicaragua engagierten. Man sammelte Spenden oder zog als Brigadist in die Kaffee-Ernte.

40 Autoren aus Ost und West berichten über ihre Solidaritätsarbeit, und dabei herausgekommen ist ein unterhaltsamer Band, der zwar persönliche Erlebnisse in den Vordergrund stellt, aber dem es trotzdem gelingt, einen Überblick über die damalige Nicaragua-Arbeit der beiden deutschen Staaten zu geben und der zudem so manches wenig bekannte Detail zutage fördert, etwa über die militärische Hilfe der DDR.

Immer wieder kommt das Verbot des Kontakts mit Westdeutschen zur Sprache, mit dem die DDR ihre Entwicklungshelfer belegt hatte: Es zwang auch in Nicaragua zur deutsch-deutschen Sprachlosigkeit und stieß überdies bei den „Nicas“ auf völliges Unverständnis. Für DDR-Bürger bot sich die Möglichkeit, ins zumindest ansatzweise kapitalistische Ausland zu reisen, so mancher „Westler“ witterte die Chance, politisch mehr zu bewirken als daheim. Doch zumindest partiell überschnitten sich die Motive: Der „Dritte Weg“ hatte hüben und drüben seinen Reiz.

Aufbruch nach Nicaragua. Deutsch-deutsche Solidarität im SystemwettstreitErika Harzer/Willi Volks (Hg.), Ch. Links Verlag, Berlin 2008, 248 S., 19,90

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