Die Hälfte der Welt

Missverständnisse Zwei Reiseberichte über den Iran von Lilli Gruber und Iran Christopher de Bellaigue

Kann man von einem Land beeindruckt sein, dessen Präsident es mit seinen antisemitischen Hasstiraden in die absolute Isolation treibt? Es klingt vielleicht verwunderlich, aber Lilli Gruber bejaht diese Frage ganz unmissverständlich. Auf 343 Seiten versucht die 50 Jahre alte Politikerin und Journalistin ihrer skeptischen Leserschaft verständlich zu machen, warum. Die italienische Starautorin reist im Frühjahr 2005 mitten im Wahlkampf für das Präsidentschaftsamt in den Iran, bei dem der erzkonservative Hardliner Ahmadi Nedjad gewonnen hat. In der Politik ist die Abgeordnete der Europalinken als "vernünftige Beraterin" bekannt. Ihr Motto bei schwierigen Auseinandersetzungen lautet immer: Weg von der Überheblichkeit. "Arroganz ist kein guter Ratgeber ... Und das heißt, Augen und Ohren aufzumachen und die Welt so aufzufassen, wie sie ist, und nicht, wie wir sie gern hätten."

Mit dieser Haltung fliegt die Autorin nach Teheran, um Themen wie der iranischen Revolution von 1979, der Frauenfrage, den "lächelnden Märtyrern" des Iran-Irak-Krieges (1980-1988) nachzugehen. Außerdem wollte sie Städte wie Isfahan und Schiras besuchen. Das sind die üblichen Themen, die fast alle westlichen Autoren, die sich mit diesem Land auseinandersetzen, behandeln. Ungewöhnlich ist aber, dass Gruber "exotische" Orte besucht hat: die Kaderschule der Ayatollahs in Qom, die jüdische Gemeinde in Shiraz, die Pilger-Stadt Maschad und die wunderschöne historische Stadt Isfahan mit ihrer Teppichindustrie und ihren alten Prunkbauten. Diese Stadt gilt für die Iraner als "die Hälfte der Welt".

Ungewöhnlich scheinen auch Grubers Gesprächpartner, mit denen sie Interviews geführt hat: Shirin Ebadi, die Menschenrechtlerin und Nobelpreisträgerin, Zohreh Sefati, die einzige Frau, die in diesem Land Ayatollah wurde, und Laleh Seddigh, Irans erfolgreiche Ralley-Rennfahrerin, genannt auch "die kleine Schumacher". Den Bogen, den die Autorin in ihrem Buch spannt, beginnt mit dem iranischen Präsidentschaftswahlkampf und endet mit dem Sieg Ahmadi Nedjads.

Mit diesem kurzen aber historisch bedeutenden Zeitraum beschäftigt sich der 35-jährige britische Islamwissenschaftler Christopher De Ballaigue in seinem Buch. Im Rosengarten der Märtyrer nur flüchtig. Mit den Ratschlägen seiner italienischen Kollegin Gruber über die "Wahrnehmung der Welt" ist er auch nicht vertraut. Zweifelsohne hat er in seinem fast zehnjährigen Aufenthalt im Iran "die Augen und Ohren" stets aufgehalten, betrachtet aber nahezu alles in diesem Land mit einem anmaßenden Blick, der zuweilen irritierend, zuweilen widersprüchlich wirkt. Zwischen den Zeilen stößt man immer wieder auf kulturelle Missverständnisse.

Aus der Perspektive des Ausländers definiert De Ballaigue, der mit einer Iranerin verheiratet ist, in seinem sonst durchaus souveränen Buch etwa Rücksichtnahme und Demut der Iraner als "Selbsterniedrigung", die in persischer Kultur "eine große Rolle spielt"! Obwohl De Ballaigue Jahre lang als Korrespondent des britischen Economist im Iran tätig war, fühlte er sich dort mit seinen "blonden Haaren und blauen Augen" nicht einmal in dem Trauerfest eines Bekannten der Familie willkommen. Als der Sohn der verstorbenen Person ihn in der Trauerzeremonie fragt, "ob es irgend etwas gibt", das er bräuchte, interpretiert er es als eine feindselige Aufforderung zu gehen. Erst als seine Frau ihn beruhigt und die Frage als Ausdruck der "iranischen" Höflichkeit bezeichnet, fühlt er sich nicht mehr "verwirrt und unbehaglich".

Trotz dieser Fehlinterpretationen legt De Ballaigue mit seinem Buch eine beeindruckende Hintergrundanalyse vor. Er ist der einzige westliche Autor, der basierend auf seiner eigenen Recherche die Vorgeschichte des CIA-Putsches gegen die vom iranischen Volk gewählte Nationalregierung des Präsidenten Mossadegh gründlich erörtert. Er veranschaulicht dabei nicht nur die Unterstützer des Militärputsches, die aus der mafiaähnlichen Bande eines Bosses namens Tejjeb, bestand, sondern beschreibt auch detailliert den Ablauf des Umsturztages:

Am 19. August 1953 "erschienen etwa dreihundert Mann mit Messern und anderen Waffen. Tejjeb verteilte Geld, das er von drei im Bankgeschäft tätigen Brüdern erhalten hatte, die CIA-Gelder weiterleiteten. Verstärkt durch eine große Zahl von jungen Männern aus der Gegend setzte sich die Menge vom Markt aus in Bewegung, schrie Anti-Mossadegh-Parolen, verprügelte Leute mit weißen Hemden (die als Kennzeichen der Kommunisten galten) und zwangen vorbeifahrende Autos, zur Unterstützung des Schahs zu hupen." Die Aktionen Tejjebs ermöglichten es den eigentlichen Planern des Staatsstreichs, die Ereignisse vom 19. August als Ausdruck des Volkswillens darzustellen und nicht als von der CIA geplante Verschwörung. Es folgte etwa 25 Jahre despotische Herrschaft des 2. Schahs der Pahlavi-Dynastie, der sich stets als stolzer "Freund Amerikas" bezeichnete.

Bellaigues Buch beginnt mit einem Kapitel über Kerbela, eine Stadt im heutigen Irak, in der der dritte Imam der Schiiten, Hossein, gefallen ist. Es endet mit dem Jahrestag des Märtyrertodes desselben Imams, Aschura genannt. Dazwischen beschäftigt sich der Autor mit der gegenwärtigen Geschichte des Irans und mit dem von der Religion geprägten "iranischen Alltag". In jedem Kapitel trifft De Bellaigue auf einen besonderen Menschen, dessen Schicksal weitere historische und religiöse Sachverhalte aufrollt. Er interviewt Taxifahrer sowie fanatische Mullahs und vom Krieg ausgebrannte Soldaten. Jedes Ereignis gibt ihm Gelegenheit, sein Urteil über die Iraner und ihr Land kundzutun. Er beobachtet etwa die Menschen bei den Trauerzeremonien für den Imam Hossein, die wie "die christlichen Büßer des Mittelalters, sich geißelten", um einen von ihm "entdeckten psychischen Aspekt an iranischer Gesellschaft" zu pauschalisieren: "Die Iraner weinen mit einer Hingabe um Hossein ... Sie baden förmlich in ihrem Kummer ... Sie lecken sich die Lippen, genießen ihr Unglück"!

So wird De Bellaigue nicht nur zum Chronisten der historischen und religiösen Ereignisse, sondern auch seiner eigenen verbitterten Sicht und füttert das Ganze noch mit oft bissigen Schilderungen der Menschen, der Kultur und der politisch-gesellschaftlichen Lage. Am Ende der Lektüre fragt man sich, ob dieser Rosengarten überhaupt zu retten ist?

Christopher de BellaigueIm Rosengarten der Märtyrer. Ein Portrait des Iran. Aus dem Englischen von Sigrid Langhaeuser. C.H. Beck, München 2006, 337 S.,
24,90 EUR, TB 12,95 EUR

Lilli GruberTschador. Im geteilten Herzen des Iran. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann. Blessing, München 2006, 352 S., 19,95 EUR, TB 8,95 EUR

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