Wolfsschanze und Dirk Nowitzki

Umerziehung Satirische Anmerkungen zum geplanten "Einbürgerungstest"

Undank ist der Welten Lohn. Da kümmert sich endlich mal ein engagierter Politiker wie Wolfgang Schäuble um uns migrantische Möchtegerndeutsche, will unsere Bildungslücken schließen - und was erntet der Bundesinnenminister mit seiner Initiative? Danksagung, Unterstützung, Respekt? Nein, im Gegenteil - mörderische Kritik und vernichtenden Widerstand. Ein Aufschrei der Empörung ging durch Deutschland, als Schäuble ankündigte, dass sein "Einbürgerungstest" ab 1. September in Kraft treten soll. Ganz zu Unrecht.

Ich halte diesen "Abwehrtest gegen Möchtegerndeutsche", die sich bekanntlich nur für die Vorteile des Deutschseins interessieren, für sinnvoll und unentbehrlich. Die einzelnen Fragen im Testkatalog wirken nicht nur weiterbildend, sie haben auch pädagogische Effekte. Dieser Aussonderungstest ist eine unübertreffliche Schutzmaßnahme des deutschen Rechtsstaates, den Herr Schäuble hoffentlich bald in einen sicheren Präventivstaat umwandeln wird, basierend auf dem einen und einzigen Grundrecht: dem auf Sicherheit.

Aber zum Test. In dem steckt eine Menge praktischer Lebenserfahrung. Nehmen wir eine der harmlosen Fragen wie zum Beispiel: "Ist Jugendkriminalität strafbar?" Diese einfache Frage verbirgt schicksalhafte Weisheiten. Für jeden Täter, welcher Couleur auch immer, ist es von großer Bedeutung, über das Ausmaß seiner Übeltaten informiert zu sein. Glauben Sie, Herr Schäuble hätte im Jahre 1994, 52 Lenze jung, 100.000 Mark vom Waffenhändler Karlheinz Schreiber entgegen genommen und in den Schwarzen Kassen der CDU verbuchen lassen, wenn er von den Konsequenzen gewusst hätte? Mit Sicherheit nicht!

Natürlich lässt der Fragenkatalog zum Katholischwerden einige Verbesserungswünsche offen. Einen Aspekt hat mein alter, nichtdeutscher Nachbar angesprochen, der sich seit einiger Zeit neben seiner Arbeit, seiner Familie und der schwer kranken Ehefrau ernsthaft mit dem Test beschäftigt. Die Fragen samt Antworten habe ich ihm besorgt. Er kommt immer wieder zu mir, wenn er Probleme mit den zahllosen Zahlen und Namen in dem Test hat. Ich helfe ihm dabei, die historischen, gesellschaftlichen und literarischen Ereignisse auseinander zu halten, die etwa am 8. Mai 1945, am 20. Juli 1944, am 13. August 1961, in den Jahren 1848, 1949, 1953, 1970, 1989, 1999 oder im 16., 17., 14., 18., 20. Jahrhundert in Deutschland passiert sind. Er ist sich sicher, dass er, trotz seines fortgeschrittenen Alters, über ein ausgeprägtes Zahlenverständnis verfügt und dass er es schaffen wird, all dieses verwirrende Wissen, wenn nicht für immer, dann doch wenigstens für eine kurze Prüfungszeit in seiner Großhirnrinde zu speichern.

Große Bedenken hat er wegen seiner Aussprache, besonders bei den Namen. Mein Argument, dass bei einem Multiple-Choice-Test korrekte oder falsche Aussprache keine Rolle spielt, akzeptiert er nicht mit der Begründung, er würde all diese Namen und Orte wie Teutoburger Wald, Friedrich Nietzsche, Dirk Nowitzki, Mittelgebirge-Harz, Caspar David Friedrich, Wolfsschanze, Mecklenburg-Vorpommern, Wolfgang Schaupensteiner, Arthur Schopenhauer, Ostseeinsel Rügen, Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg und noch zirka hundert andere Namen nicht nur zum Ankreuzen auswendig lernen, sondern "richtig". Vor allem wolle er den Namen des Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg korrekt aussprechen, weil sein amerikanisches Double, der Schauspieler Tom Cruise bald im Kino zu sehen sei. Er will sich nun einer Operation am Gaumen unterziehen, um die durch seine Muttersprache falsch platzierten Lautproduktionen zu korrigieren und den anatomisch richtigen Zustand für die deutsche Sprache herstellen zu lassen: So eine Operation wäre vielleicht auch noch ein Verbesserungsvorschlag für Herr Schäuble, der in den Test aufgenommen werden könnte.

Ein weiterer bezieht sich auf Begriffe wie Rechtsstaatlichkeit, gleiche Behandlung vor dem Gesetz, Gerichtsbarkeit und die Unabhängigkeit der Richter, die immer wieder im Test vorkommen. Wie man mit diesen Begriffen umgehen soll, wird durch Fragen angedeutet, nicht aber, wie man sie umgehen kann. Diese Praktiken, die besonders bei hochkarätigen Politikern und ihren Helfern aus der Wirtschaft gang und gäbe sind, zählen mittlerweile als unentbehrlicher Bestandteil zu den "deutschen Verhältnissen", mit denen jeder Neudeutsche vertraut gemacht werden müsste. Hier ein paar mögliche Fragen: Wie kann man sich am besten der deutschen Gerichtsbarkeit entziehen: A - durch "Falschaussage" (Schäuble), B - durch Schweigerecht (Kohl), C - durch "geständnisgleiche Einlassungen" (Ludwig-Holger Pfahls, früherer Referent von Franz Josef Strauß, Waffengeschäfte, Steuerhinterziehung), D - durch alle vier Varianten?

Es gibt, wie alle neudeutschen Raffkes wissen, für solche juristischen Begriffe volkstümliche Synonyme wie Betrug, Bestechung, Untreue oder Intrige. Wer erinnert sich nicht ihrer spektakulärsten Beispiele: Kölner Müllfabrik, Münchner Stadion, Leo Kirch und seine Freunde von der Union, Schwarze Parteikassen und "Jüdische Vermächtnisse", Bauskandale, Fußball-Wettaffäre, Schleichwerbung bei ARD und ZDF, Daimler-Chrysler und so weiter. Als versierter Staatsdiener weiß Herr Schäuble natürlich, dass guter Willen allein nicht ausreicht, um Erfolg zu erzielen. Daher sind Sanktionen gegen Kritiker des "Einbürgerungstests" unbedingt erforderlich. Um eine Rechtsgrundlage für die Bestrafung der Feinde des freiheitssichernden Rechtsstaats zu schaffen, würde ich sie als "Bildungsterroristen" bezeichnen. Wäre es nicht legitim, Internierungslager für diese "Gefährder" einzurichten, sie von den braven Bürgern zu trennen und dort umerziehen zu lassen? Lang lebe der deutsche Rechtsstaat!

Fahimeh Farsaie, geboren 1952 in Teheran, lebt als freie Schriftstellerin in Köln. Zuletzt erschien von ihr 2006 der Roman Eines Dienstags beschloss meine Mutter, Deutsche zu werden.

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