Bloß kein schlechtes Gewissen!

Eventkritik Veganer feiern ihr Sommerfest in Berlin nun hedonistisch-spaßfixiert. Sind die dogmatischen Zeiten der Missionierung vorbei?

"Erstens bin ich ein Fresssack und zweitens brauch ich alles ganz schnell." Attila Hildmann erklärt, warum er den Teig nicht gehen lässt, bevor er ihn in die Pfanne gießt. Er backt Pfannkuchen, auf einer Bühne direkt neben der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Berliner Kurfürstendamm. Mehrere Dutzend Menschen schauen seiner Live-Kochshow zu.

Hildmann, 29, ist ein dunkelhaariger, breitschultriger Strahlemann. Während er seine Pfannkuchen wendet, sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Keine zehn Sekunden vergehen ohne einen Kochtipp, ohne eine kleine Geschichte aus seinem Leben, ohne eine lustige Bemerkung. Man kann darin die Angst sehen, das Laufpublikum zu verlieren. Man kann darin aber auch seine Leidenschaft für das Kochen entdecken.

Stolz erzählt er von seinen Videos im Internet, der „größten deutschen Youtube-Kochshow“, wie er sagt. Was seine Rezepte besonders macht: Er verzichtet völlig auf tierische Produkte, seine Gerichte sind stets vegan. Und bei Hildmann klingt das alles ganz einfach. „Wir nehmen Soja-Milch, die gibt es wirklich in jedem Supermarkt“, erklärt er seinen Zuhörern. Eier und Milch? Überflüssig.

Döner und Eis – alles vegan

Hildmann ist so etwas wie der Starkoch der veganen Szene. Er gibt seine Tipps auch in Mucki-Magazinen wie Fit for Fun. Und er verspricht „cholesterinbewusstes, laktosefreies und klimafreundliches Kochen“, ohne dass man wirklich auf etwas verzichten müsse. In seinen Kochbüchern findet sich von Frikadellen über Döner bis hin zu Straciatella-Eis praktisch alles – nur eben streng vegan.

Doch viele seiner Zuschauer wissen Hildmanns fleischloses Engagement nicht wirklich zu würdigen, über den Platz neben der Gedächtniskirche schlendern vor allem Touristen. Auf den ersten Blick ist nicht ersichtlich, dass hier an diesem Samstag das „vegan-vegetarische Sommerfest“ gefeiert wird. Das Transparent hinter der Bühne fällt kaum auf, nur an wenigen Stände hängen einige Plakate.

In der Mitte sind Tische und Bänke aufgebaut: eine Bierzeltgarnitur. Es soll ein Volksfest sein, kein Sektentreffen der eingeschworenen Veganer. Es gibt viele Essstände, auf der Bühne wird zwischendurch Live-Musik gespielt – und für Kinder steht eine ungewöhnliche Hüpfburg bereit. Sie springen auf einer überdimensionierten Kuh herum, die ein Schild um ihren Hals trägt: „Go Vegan!“ Als Kühe verkleidete Verkäufer laufen derweil über das Fest und bieten Lose an. Bei der Tombola gibt es veganen Brotaufstrich zu gewinnen.

Plakate mit grausamen Bildern bluttriefender Tiere sucht man stattdessen vergebens, nur in den Broschüren an den Ständen der Tierschutzorganisationen sind sie zu finden. Anscheinend hat man in Sachen Werbe-Psychologie dazugelernt: Nichts Negatives, positive Gefühle verstärken, der vegane Lebensstil soll Spaß machen. Mit einem schlechten Gewissen kriegt man schließlich nur die wenigsten dazu, dauerhaft ihre Essgewohnheiten zu ändern.

Wo sind die Hardcore-Veganer?

„Wir wollen einfach mal zeigen, was es alles gibt, was die vegane Küche bietet“, sagt Stephanie Goldbach, eine der Organisatorinnen des Festes. Sie ist 30 Jahre alt, seit 8 Jahren lebt sie vegan. Ihre Überzeugung trägt sie um den Hals. Auf einer silbernen Kette steht „vegan“. Ideologisch will Goldbach aber nicht sein. Veganer, die aus ihrer Überzeugung heraus fleischessende Menschen verachten oder gar als Tiermörder beschimpfen, trifft man auf dem Sommerfest nicht. Wo sind denn diese Hardcore-Veganer? „Die gab‘s vielleicht ganz, ganz früher“, wiegelt Goldbach ab. „Bei uns sind sie jedenfalls nicht vertreten.“

Ein bisschen Überzeugung, ein bisschen Missionarismus muss aber doch sein – ansonsten würde sich wohl niemand den Stress antun, ein solches Straßenfest zu organisieren. Und so wird aus dem neuen Buch Tiere essen von US-Schriftsteller Jonathan Safran Foer vorgelesen, das seit einigen Tagen in den Buchläden liegt und auf dem bestem Wege ist, zur Bibel der Vegetarier aufzusteigen. Die Zeitungen sind voller Rezensionen, Feuilleton-Redakteure schreiben über den neuen Vegetarismus-Chic der Künstler.

Auf dem Sommerfest darf man der ersten öffentlichen Lesung in Deutschland beiwohnen. Dafür habe man vom Verlag die „exklusiven Rechte“ erhalten, erzählt der Moderator stolz. Doch die Lesung bleibt unspektakulär: Ein Mann sitzt einsam auf der Bühne, er liest einige Seiten: Massentierhaltung sei etwa, als würde man seinen Hund ein Leben lang im Kleiderschrank einsperren, hört man. Am Ende applaudieren die Zuhörer brav, der Ansturm am Bücherstand bleibt aber aus.

Fleischlos wegen des Klimas

Organisatorin Goldbach berichtet, viele Menschen hätten sie auf das Buch angesprochen. Leute, die deswegen zu Vegetariern konvertiert seien, kenne sie aber nicht. Trotzdem spricht sie von einem „Trend“ zur fleischlosen Ernährung. „Die Zahl steigt unaufhaltsam“ – auch wegen der Sorge um die Erderwärmung, fügt sie hinzu. Laut Welternährungsorganisation gehen 18 Prozent aller Treibhausgase auf das Konto der Tierhaltung – das ist mehr als der gesamte Verkehr weltweit verursacht.

Immer mehr Vegetarier, gleichzeitig wird aber auch immer mehr Fleisch produziert – wie passt das zusammen? In Niedersachsen wird gerade Europas größter Schlachthof gebaut. 432.000 Hähnchen sollen da täglich getötet werden. Für die Tierschützer ist klar: Die Anlage ist völlig überflüssig, der Markt längst übersättigt.

Doch die Vegetariernation Deutschland ist noch in weiter Ferne. Nur 20 Meter entfernt vom Sommerfest der Tierfreunde wird an einem Stand Currywurst verkauft. Es ist eine friedliche Koexistenz, fernab von ideologischen Verhärtungen. „Ich hab damit kein Problem“, sagt der Verkäufer in der Wurstbude. Manchmal esse er auch selbst vegetarisch. Die Gefahr, dass die Tierschützer sein Geschäft ruinieren, sieht er aber nicht. „Die Menschen haben schon immer Fleisch gegessen – und sie werden es immer tun.“

11:49 24.08.2010
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