Der große Test der Wahl-O-Maten

Bundestagswahl Wo setze ich am 22. September mein Kreuz? Im Internet gibt es viele Hilfsangebote für die Entscheidung. Der Wahl-O-Mat hat längst seine Nachmacher. Ein Überblick
Der große Test der Wahl-O-Maten
Fotos: AFP/Getty Images, Imago

Das Klicken des Wahl-O-Mats ist zum Volkssport geworden. Bei der vergangenen Bundestagswahl haben 6,7 Millionen Menschen im Internet getestet, welcher Partei sie am nächsten stehen. Das ruft natürlich Neider auf den Plan. Und so gibt es in diesem Jahr zum Beispiel auch den Bundeswahlkompass, das Parteienavi, den Thesentest von SZ.de und den National-O-Mat. Hier der ultimative Vergleich:

 

Wahl-O-Mat – das Original

Den Online-Test der Bundeszentrale für politische Bildung gibt es seit mehr als zehn Jahren regelmäßig zu den Wahlen. Das Original.

Aufwand: Vier Minuten. Bei den Billig-Kopien dauert's länger.

Vorteil: Alles ist politisch korrekt, bei der Entwicklung wurde darauf geachtet, dass keine Partei zu kurz kommt. Schließlich wird der Wahl-O-Mat von der Bundeszentrale für politische Bildung verantwortet und die muss sich parteipolitisch neutral verhalten. Sogar bei der Auswahl der Parteien, mit denen man sich vergleichen lassen will, wird penibel auf die Reihenfolge geachtet (sie orientiert sich am Wahlergebnis 2009).

Das irritiert: Über die Linkspartei heißt es im Infokasten, ihr „Hauptanliegen“ sei „der Kampf gegen den Kapitalismus“. Von solch revolutionären Taten haben wir aber seit Langem nichts mehr mitbekommen.

Das fehlt: Fragen zum Tierschutz und zu Atomwaffen, die in Deutschland lagern. Aber die Themen fehlen auch bei allen anderen Wahl-O-Maten.

Das wird Unentschlossenen empfohlen: Nichts. Wer sich zu allen Thesen neutral verhält, bekommt Folgendes zu lesen: „Leider kann der Wahl-O-Mat auf Grundlage Ihres Antwortmusters kein individuelles und zuverlässiges Ergebnis berechnen.“

Ideal für alle, die... sich politisch korrekt auf ihre Gesinnung durchchecken lassen wollen.

 

Bundeswahlkompass – mit Gesichtern

Dieser Online-Test ist ein Import aus den Niederlanden und nach eigenen Angaben „die bessere Wahlhilfe“. Den Wahlkompass gibt es in ähnlicher Form auch in mehreren anderen Ländern.

Aufwand: Fünf Minuten. Wenn der Wahlkompass wirklich die „bessere Wahlhilfe“ ist und den Original-Wahl-O-Mat schlägt, dann ist die eine Minute gut investierte Zeit.

Vorteil: Hier werden Träume wahr. „Das Kopieren und Vervielfältigen von Werken im Internet sollte grundsätzlich legal sein.“ Außerdem kann man sich dafür aussprechen, dass alle Atomkraftwerke sofort abgeschaltet werden und Marihuana legalisiert wird.

Das irritiert: Nach 30 Thesen wird auch die Haltung gegenüber den Spitzenkandidaten der Parteien abgefragt. Die hat allerdings keinen Einfluss auf das Ergebnis und spielt auch sonst später keine Rolle mehr. Was soll das?

Das fehlt: Katrin Göring-Eckardt. Sie gehört genauso zum grünen Spitzen-Duo wie Jürgen Trittin, wird aber nicht gezeigt. Vielleicht gibt es schon zu viele weibliche Spitzenkandidatinnen.

Das wird Unentschlossenen empfohlen: Ein Kreis in der Mitte. Die politische Landschaft ist auf einer Ebene mit zwei Achsen angeordnet: Wirtschaftlich (links oder rechts) und sozial (progressiv oder konservativ). Rot-Rot-Grün ist oben links, Union und Alternative für Deutschland unten rechts. NPD und FDP haben sich ihren eigenen Platz gesucht. Nur in der Nähe der Mitte ist keine Partei. Behaupten die Politiker nicht immer das Gegenteil?

Ideal für alle, die... wissen wollen, wie die Spitzenkandidaten von Piratenpartei, Alternative für Deutschland und NPD aussehen.


Parteienavi – die wissenschaftliche Variante

Forscher der Universität Konstanz haben ebenfalls einen eigenen Wahl-O-Mat entwickelt, der gleichzeitig ihnen selber auch wissenschaftliche Erkenntnisse bringen soll. Wer mitmacht, tut also etwas für die gute Sache.

Aufwand: Sieben Minuten. So lange dauert's sonst nie.

Vorteil: Man erfährt, dass es doch eine Partei gibt, die gegen den geplanten Atomausstieg ist: die Alternative für Deutschland. Ein großartiges Alleinstellungsmerkmal.

Das irritiert: Das Gegenargument wird in der These gleich mitgeliefert. „Die Steuern für Unternehmen sollen erhöht werden, auch wenn einige Unternehmen drohen, dann ins Ausland abzuwandern.“ Wie wäre es mit folgender These? „Die Steuern für Unternehmen sollen erhöht werden, damit endlich genug Geld da ist, um die Sozialleistungen für Bedürftige zu erhöhen.“ Ob dann wohl mehr Leute zustimmen?

Das fehlt: Die Begriffe „Prism“ und „Tempora“. Vielleicht hatten die Entwickler des Navis Angst, vom Geheimdienst überwacht zu werden. Stattdessen haben sie die These wie folgt formuliert: „Ein Überwachungsprogramm im Internet ist für die Bekämpfung des Terrorismus notwendig.“

Das wird Unentschlossenen empfohlen: Die Alternative für Deutschland. Weiß der Henker, warum.

Ideal für alle, die... ihre Ergebnisse gerne in einem „Spinnendiagramm“ sehen. Wie das aussieht? Ausprobieren!

 

Thesentest auf SZ.de – für richtige Bayern

Die Online-Redaktion der Süddeutschen Zeitung findet den Wahl-O-Mat zwar toll, wollte aber auch ein paar eigene Fragen stellen.

Aufwand: Fünf Minuten. Wer sich den Text zur Entstehungsgeschichte durchliest, braucht jedoch das Doppelte.

Vorteil: Man erfährt, dass CSU-Politiker im Durchschnitt am seltensten bei Rot über die Ampel gehen. Es gibt aber noch weitere Alleinstellungsmerkmale der Christsozialen. Sie wollen Homosexuelle steuerlich diskriminieren (selbst die CDU will das durchschnittlich nicht) und weniger Zuwanderung. Die FDP sticht durch andere Dinge hervor: Für Waffenlieferungen und gegen fair gehandelte Produkte.

Das irritiert: Die Begründung von SZ.de für den eigenen Test. Über den Wahl-O-Mat heißt es: „Wir finden ihn gut, aber er hat leider einen Nachteil. Er dreht sich vor allem um die Partei- und Wahlprogramme. Diese sind das Ergebnis zahlreicher Kompromisse.“ Bei dem Test auf SZ.de werden hingegen die Meinungen einzelner Politiker herangezogen – diese werden jedoch gemittelt, was letztlich auch auf eine Art Kompromiss hinausläuft.

Das fehlt: Die Position, dass der Hartz-IV-Satz generell zu niedrig ist. Man wird bloß gefragt, ob er „für einen Teil der Bezieher“ zu niedrig sei. Soll man da Ja oder Nein ankreuzen?

Das wird Unentschlossenen empfohlen: CDU wählen! Das stimmt immerhin mit der Politik von Angela Merkel überein. Dann muss der Test ja gute Ergebnisse liefern.

Ideal für alle, die... zwischen CDU und CSU unterscheiden und sich auch noch für die Freien Wähler interessieren.

 

National-O-Mat – zum Lachen

Die Satire-Seite neue-rheinpresse.de bietet einen besonderen Service zur Bundestagswahl: Den National-O-Mat. Vertreten sind NPD, Republikaner, die Alternative für Deutschland und – CDU/CSU.

Aufwand: Zwei Minuten. Doch selbst dann kann es passieren, dass man am Ende kritisiert wird: „Ihre Ansichten sind genau so stumpf und deuten darauf hin, dass Sie genau so langsam denken wie Sie geklickt haben (ja, das haben wir gemessen).“

Vorteil: Ein kleiner Baukasten für alle, die ihre rassistischen Äußerungen unters Volk bringen wollen: „Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen!“ oder „Ich bin ja kein Rassist, aber...“ Und wenn das auch nicht klappt: „Ich habe auch ausländische Freunde, und die sehen das genau so!“

Das irritiert: Wer als Autonomer eine Tütensuppe essen will, macht sich verdächtig.

Das fehlt: Die Internetadresse www.national-o-mat.de.

Das wird Unentschlossenen empfohlen: Nichts. Keine Meinung zu haben, ist undeutsch und daher beim National-O-Mat nicht möglich.

Ideal für alle, die... ihr Kreuz an der „rechten Stelle“ machen wollen.

15:30 30.08.2013

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