„Ich bin reich, obwohl ich nichts besitze“

Interview Heidemarie Schwermer lebt seit fast zwei Jahrzehnten ohne Geld und glaubt, dass wir alle ihr das gleichtun könnten
Felix Werdermann | Ausgabe 52/2014 28
„Ich bin reich, obwohl ich nichts besitze“
"Leute, wir können auch anders leben", ist ihre Botschaft
Foto: Heinrich Völkel für der Freitag

Ein Leben ohne Geld: Für viele ist das ein Traum, für Heidemarie Schwermer ist es Realität. Vor 19 Jahren fasste sie den Mut, hat ihre Wohnung aufgelöst, ihr Geld verschenkt. Nun lebt sie bei Freunden, lässt sich beschenken und zeigt, dass ein Leben jenseits des Kapitalismus möglich ist.

der Freitag: Frau Schwermer, Sie leben seit vielen Jahren komplett ohne Geld. Wie kommt man auf so eine verrückte Idee?

Heidemarie Schwermer: Ich bin nach Dortmund gezogen und dort ist mir eine solche Armut begegnet, dass ich unbedingt etwas dagegen tun wollte. Ich habe daher einen Tauschring gegründet und gemerkt, dass ich selbst immer weniger Geld brauchte. Als dann die Leute aus dem Verein auch noch anfingen, mir anzubieten, ihre Wohnung zu hüten, wenn sie in den Urlaub fahren, da hat es bei mir geschaltet: Jetzt kann ich endlich mal ausprobieren, ob ich auch ohne Geld leben kann! Zuerst wollte ich das nur ein Jahr testen. Inzwischen sind daraus fast 19 Jahre geworden.

Zur Person

Heidemarie Schwermer, 72, hat als Lehrerin und später als Psychotherapeutin gearbeitet. Dann verschenkte sie ihr Vermögen, seither lebt sie ohne Geld. Ihre Erfahrungen und Visionen beschreibt sie in dem Buch Das Sterntalerexperiment. Mein Leben ohne Geld (2001). Im Jahr 2010 erschien ein Dokumentarfilm über Heidemarie Schwermer: Living without money kann sich jeder im Internet ansehen – kostenlos. Schwermer lebt an verschiedenen Orten in Deutschland, Spanien und Italien

Sie hatten bereits vorher versucht, ohne Geld zu leben. Woran sind Sie gescheitert?

Ich hatte damals meine Wohnung aufgelöst und habe für drei Monate bei einer Freundin in einem Ferienhäuschen gewohnt, kostenfrei. Aber da war keine Heizung drin und dann kam der Winter und ich musste in mein altes Leben zurück. Damals ging es eben nicht.

Jetzt ist es anders?

Ich habe jetzt ein größeres Netzwerk. Es ist auch kein Tauschen mehr, sondern mehr ein Teilen.

Was heißt das?

Ich wohne immer bei verschiedenen Leuten. Vier Monate war ich zum Beispiel bei einer Freundin in Kassel, da war alles komplett abgedeckt. Ich habe mich ein bisschen geschämt, weil ich das Gefühl hatte, dass ich nur noch nehme. Aber sie hat gesagt: Das ist überhaupt nicht wahr! Sie wohnt nämlich alleine in einem großen Haus und hat sich über meine Gesellschaft gefreut. Ich habe auch immer gekocht, dazu kam sie gar nicht.

Also tauschen Sie nicht direkt Waren, sondern Sie sind für andere da und bekommen dafür alles geschenkt, was Sie brauchen.

Genau. Als ich gemerkt habe, dass meine Haare mal geschnitten werden müssten, habe ich eine Freundin gefragt: Sag mal, kannst du Haare schneiden? Ja, sagte sie, habe ich immer gemacht!

Wenn Sie gerne ein neues Handy hätten, dann kriegen Sie das geschenkt.

Da brauch ich mich nur reinzudenken und das gar keinem zu sagen. Dann kommt jemand. Das war bisher immer so.

Hatten Sie nie Bedenken, dass Sie die Gutmütigkeit anderer Leute ausnutzen?

Doch, am Anfang war das ganz schlimm. Ich habe immer überlegt: Was kann ich jetzt für die anderen tun? Doch nach fünf Jahren, da hatte ich eine Eingebung, dass ich einfach mal üben soll, zu nehmen. Das habe ich gemacht.

Diese Moralvorstellung, die in uns drin ist durch das jetzige Wirtschaftssystem, dass man immer einen Gegenwert gibt, die haben Sie dann ...

Die habe ich aufgelöst. Ich nehme gerne und manchmal überschütte ich auch irgendwen mit Geld. Ich habe inzwischen eine Rente und die verschenke ich.

An wen?

An Leute, die wirklich wenig haben. Von denen kenne ich eine ganze Menge. Die müssen mir dafür auch nichts geben.

Wenn das die Leute sind, bei denen Sie wohnen, dann ist das doch eine Art Miete.

Bei Leuten mit wenig Geld tue ich schon mal was in die Haushaltskasse. Aber meist ist es anders.

Als Sie angefangen haben, ohne Geld zu leben, was war da das größte Hindernis?

Die Angst. Ich bin sofort aus der Krankenkasse rausgegangen und habe meine Wohnung aufgelöst. Da wusste ich noch gar nicht, was kommen wird. Das fand ich schon etwas beunruhigend. Aber mein Vertrauen ist gewachsen.

Sie sind nicht krankenversichert?

Ich habe 30 Jahre lang keinen Arzt in Anspruch genommen, sondern immer an die Selbstheilungskräfte geglaubt. Vor zwei Jahren habe ich dann erfahren, dass ich Krebs habe! Ich wurde mehrmals operiert. Zum Glück bin ich seit dem Eintritt in die Rente wieder automatisch krankenversichert.

Sonst hätten Sie aber immer noch das Geld von der Auflösung Ihrer Wohnung gehabt.

Nein, das habe ich verschenkt. Zum Beispiel bin ich in die Stadt gegangen mit einen Eimer voller Fünf-Mark-Stücke. Tausend D-Mark hatte ich umgewandelt. In der Stadt habe ich mit dem Eimer geklappert und gerufen: Hier gibt’s Geld! Hier gibt’s Geld! Da sind die Leute gekommen, haben sich das Geld geholt und ein Flugblatt mitgenommen, auf dem stand, warum ich das mache.

Waren die Leute überrascht?

Manche haben gesagt, ich spinne. Manche waren ganz gerührt und wieder andere haben gesagt: Lass mich in Ruh, ich will keine Waschmaschine kaufen!

Wie haben Ihre Freunde reagiert, als Sie ihnen erzählt haben, dass Sie auf Geld verzichten?

Die fanden das komisch. Manche waren sehr bedrückt oder haben gedacht: Das schafft die doch nie!

Wie sind Sie mit dieser Skepsis umgegangen?

Ich habe gesagt: Ich probiere jetzt etwas aus. Mir kann dabei überhaupt nichts passieren. Denn ich kann jederzeit zurück und wieder als Psychotherapeutin arbeiten. Da gibt es doch überhaupt kein Risiko.

Ist der Verzicht auf Geld ein Lebensentwurf für Leute, die aus einer gesicherten Position kommen? Ein Privileg, das nicht für alle Menschen zu haben ist?

Nein, das ist für alle Menschen zu haben. Ich habe das Experiment für alle begonnen, nicht nur für mich, ohne aber von anderen zu verlangen, dass sie es mir gleichtun. Aber jetzt fände ich es toll, wenn das Geld abgeschafft würde und jeder seine Talente ausleben könnte. Aber im Moment fühlen sich viele wie im Hamsterrad und andere haben gar keine Arbeit.

Haben Sie eine Utopie, wie die Wirtschaft aussehen sollte?

Ja, dass jeder genau das lebt, was seins ist. Und jeder kann sich überlegen, was er für die Allgemeinheit tun mag. Die Menschen sind nicht faul. Jeder will gebraucht werden.

Ist das, was Sie machen, gelebter Kommunismus?

Viele Dinge aus dem Kommunismus habe ich schon: Ich will ohne Geld und ohne Konkurrenz leben. Aber der Kommunismus hat nicht funktioniert, weil die Menschen zu egoistisch waren. Da waren die Menschen nicht spirituell und haben auch nicht an sich gearbeitet.

Sie denken, man kann den Egoismus durch Spiritualität besiegen?

Ja. Wenn jeder weiß, dass jeder einen Platz hat hier auf der Erde, dann müssen wir auch nicht ständig mit dem Ellenbogen kämpfen.

Ihr Leben ohne Geld, ist das eher ein privates Hobby oder ein politisches Statement?

Ich habe schon einen politischen Anspruch. Ich bin viel in den Medien, obwohl es mir immer sehr schwer gefallen ist, besonders das Fernsehen und das Fotografieren, das konnte ich überhaupt nicht ausstehen. Ich habe das immer gemacht, weil ich die Idee in die Öffentlichkeit bringen wollte. Damit die Leute darüber nachdenken.

Wollen Sie missionieren?

Nein, ich will einfach nur sagen: Leute, wir können auch anders leben. Das System, das wir jetzt haben, muss nicht so sein.

Wo verorten Sie sich politisch?

Das weiß ich nicht. Unser Wirtschaftssystem ist nicht in Ordnung, aber ich kann nicht sagen, welches besser ist. Ich habe vier Punkte, an denen ich arbeite. Erstens sollte jeder gucken: Was will ich wirklich? Zweitens sollte jeder überlegen: Warum habe ich so viel Streit mit anderen? Drittens sollten wir politisch aktiv werden. Und viertens sollten wir spirituell sein.

Ganz konkret: Vor 20 Jahren haben Sie die Gib-und-Nimm-Zentrale in Dortmund mitgegründet.

Das war einer der ersten Tauschringe. Heute gibt es die in jeder größeren Stadt. Das freut mich natürlich.

Aber dadurch ändert sich doch nichts am Tauschprinzip von heute. Das Geld fällt weg, das macht es nur komplizierter.

Sie haben total recht. Deswegen sage ich immer zu den Tauschring-Leuten: Geht einen Schritt weiter und macht es ohne Abrechnung. Ich bin jetzt bei einer Freundin in Mainz, die hat hier einen Gib-und-Nimm-Laden gegründet, da kommen die Leute und bedienen sich. Die müssen nichts abrechnen, die müssen nichts bringen. Die dürfen einfach nur nehmen.

Dieses Modell mag in reichen Gesellschaften funktionieren, aber dort, wo die Menschen hungern, ist das doch unvorstellbar, oder?

Solidarität und Hilfsbereitschaft findet man auch bei Menschen, die in extremer Armut leben. Das sieht man überall auf der Welt.

Aber wenn es hier in Deutschland einen Umsonstladen gibt und die Leute aus aller Welt herkommen können, dann werden die doch alles nehmen.

Ja, wir haben heute schließlich noch arme und reiche Länder.

Ist eine Voraussetzung, damit das funktionieren kann, dass man die reichen Staaten abschottet?

Nein. Ich glaube, dass wir irgendwann so weit sind, dass wir alle freiwillig geben und nehmen. Wir brauchen ja viel, viel weniger, als wir heute haben.

Aber es gibt Leute, die wollen weiterhin im Luxus leben. Die kann man doch nicht davon abhalten, oder?

Nein. Aber man sollte herausfinden, ob das wirklich das glücklichere Leben ist. Vieles machen die Leute doch nur, weil sie Anerkennung wollen, weil die anderen sie bewundern sollen. Ich habe früher auch ein Auto gehabt, doch dann war ich froh, als ich den ganzen Ballast los war. Ich fühle mich sehr reich, obwohl ich nichts besitze.

Das mag ja sein. Aber es gibt andere, die sagen: Mir ist wichtig, dass ich alles bekomme. Ich möchte mich nicht beschränken. Und wenn sich diese Leute immer weiter bereichern wollen, dann passt das nicht zusammen mit Supermärkten, in denen alles kostenlos ist.

So denke ich nicht. Wenn jemand im Luxus baden möchte wie Dagobert Duck, dann muss er das eben tun. Aber vielleicht ist das eines Tages gar nichts mehr wert. Weil die gesellschaftlichen Werte andere werden.

Vielleicht ändern sich die Werte aber auch nicht bei allen Menschen. Möglicherweise kann man dann zwar viele Güter für das alltägliche Leben kostenlos bereitstellen. Aber solange auch nur ein Prozent weiter im Luxus baden will, klappt das doch nicht mit der Gesellschaft, die vollständig auf Geld verzichtet.

Das weiß ich nicht. Ich kann Ihnen nicht die neue Welt zeigen, wie sie sein wird. Ich glaube, das kommt auch nicht von oben, sondern die Menschen fangen unten an.

Eine Welt ohne Geld ist möglich, das wäre Ihr Slogan.

Ich glaube das auf jeden Fall. Weil das eine viel schönere Welt ist als die, die wir jetzt haben. Da geht es um unsere eigenen Werte und die Abenteuer. Ich habe ein viel abenteuerlicheres Leben als vorher, als alles genau abgesteckt war. Jetzt lasse ich mich überraschen vom Leben.

Das Gespräch führte Felix Werdermann

11:00 05.01.2015

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