Felix Werdermann
18.09.2013 | 11:31 57

Liebe Linke, wählt CDU!

Erststimme Durch das neue Wahlrecht kann es sinnvoll sein, eine Partei zu wählen, die man eigentlich gar nicht mag. Die Tricks des strategischen Wählens kennen leider nicht viele

Die meisten haben es gar nicht mitbekommen: Anfang des Jahres wurde ein neues Wahlrecht beschlossen. Damit kann es bei dieser Bundestagswahl erstmals auch für Linke sinnvoll sein, die CDU zu wählen. Es klingt absurd und man muss auch zunächst ein komplexes Wahlsystem gedanklich durchdringen, um zu verstehen, wie das sein kann. Aber es lohnt sich. Denn man sollte den Einfluss seiner Stimme nicht verschenken. Hier stimmt es: Wissen ist Macht.

Wer strategisch vorgehen und mit seiner Erststimme nicht bloß seine Sympathie zu einer bestimmten Partei bekunden möchte, der sollte sich die Direktkandidaten in seinem Wahlkreis genau anschauen.

Um es vorweg zu sagen: Entscheidend ist die Ausrichtung der Kandidaten innerhalb ihrer Partei. Wenn die CDU-Kandidatin zum linken Flügel zählt, der SPD-Kandidat jedoch zum rechten, dann sollten linke Wähler ihr Kreuz bei der Union machen. Und zwar selbst dann, wenn der rechte Sozialdemokrat immer noch linker als die linke Christdemokratin ist.

Der Grund dafür: Die sogenannten Überhangmandate werden jetzt komplett ausgeglichen. Die Erststimme hat also keinen Einfluss mehr auf die Verteilung der Sitze im Parlament an die verschiedenen Parteien. Entscheidend ist allein die Zweitstimme.

Überhangmandate konnten entscheiden

Fangen wir vorne an: Mit der Erststimme wird eine Person aus dem Wahlkreis direkt in den Bundestag gewählt. So gelangen 299 Abgeordnete ins Parlament, das entspricht normalerweise der Hälfte der Sitze. Anschließend werden die übrigen Plätze so verteilt, dass am Ende jede Partei soviele Politiker im Bundestag sitzen hat, wie ihr auf Grund der Zweitstimmen zusteht. Je mehr Zweitstimmen, desto mehr Plätze.

Bisher entsprach die Sitzverteilung im Bundestag nicht ganz genau der Zweitstimmen-Verteilung. Das lag an den Überhangmandaten, die auf Landesebene vergeben werden. Vor vier Jahren holte etwa die CSU alle 45 Wahlkreise in Bayern. Nach dem Anteil der Zweitstimmen standen ihr jedoch nur 42 Sitze zu. Der Bundestag wurde darum um drei Plätze für die CSU erweitert. In anderen Bundesländern gab es Überhangmandate für die CDU, in den Jahren zuvor hatte auch schon die SPD davon profitiert.

Für Linke bedeutete dies: Wer mit der Erststimme SPD wählt, kann möglicherweise Überhangmandate der Union verhindern oder Überhangmandate der SPD ermöglichen. Vielleicht sind das die Bundestagsplätze, die letztlich darüber entscheiden, ob es für Rot-Grün reicht oder zumindest nicht für Schwarz-Gelb. Diese Zeiten sind vorbei.

Seit diesem Jahr werden die Überhangmandate komplett ausgeglichen. Das bedeutet: Wenn die CSU wieder 45 Plätze bekäme, dann würde der Bundestag einfach so stark erweitert, dass am Ende das Verhältnis der Parteien wieder stimmt.

Einfluss nehmen auf das Parteipersonal

Was bedeutet dies für das strategische Wählen? Die Anteile der Parteien im Parlament lassen sich mit der Erststimme nicht mehr verändern. Aber man kann Einfluss nehmen auf das Personal der Parteien. Wenn ich den rechten SPD-Kandidaten in meinem Wahlkreis wähle, dann kommt er ins Parlament und nicht irgendeine linke Sozialdemokratin über die SPD-Landesliste. Und die linke CDU-Kandidatin nimmt einem rechten CDU-Listenbewerber den Platz weg.

Man muss die Direktkandidaten also vergleichen mit den Personen, die alternativ über die Landesliste einziehen würden. Weil jedoch in der Regel unklar ist, wer genau das ist (das hängt ab von der Zahl der erfolgreichen Direktkandidaten und auf welchen Listenplätzen diese stehen), empfiehlt sich der Einfachheit halber ein Vergleich zwischen Direktkandidat und Durchschnitt der Partei.

In den meisten Wahlkreisen haben maximal zwei Personen eine reale Chance auf den Einzug ins Parlament. Die anderen Bewerber brauchen sich rein strategische Wähler daher gar nicht näher anzusehen.

Manchmal sogar muss man sich nicht mal beide Kandidaten ansehen – wenn eine von den beiden über die Landesliste so gut abgesichert ist, dass sie ohnehin in den Bundestag kommt. Dann geht es alleine um den Gegenkandidaten und die Frage, welchem Parteiflügel er zuzuordnen ist. Aber Achtung: Bei den Volksparteien kann wegen der vielen Direktmandate auch ein Platz ganz oben auf der Landesliste sehr wackelig sein.

Taktisch unklug, aber dafür einfach

Zum Abschluss noch eine kleine Einschränkung: Möglicherweise war es auch schon in der Vergangenheit sinnvoll, als Linker die CDU zu wählen. Wenn man etwa mit den Grünen sympathisierte und fest an eine rot-grüne Mehrheit glaubte. Dann nämlich hätten SPD-Überhangmandate nur den großen Koalitionspartner gestärkt und damit die Grünen geschwächt. Und diese Situation konnte durch CDU-Erststimmen verhindert werden.

Ob jedoch eine rot-grüne Mehrheit jemals so sicher war, dass man solche taktischen Überlegungen ernsthaft hätte berücksichtigen sollen? Eher nicht.

Am einfachsten haben es immer noch die, die mit beiden Stimmen die Partei wählen, die ihnen am nächsten steht. Das ist zwar taktisch unklug, aber es freut die Wahlkämpfer ihrer Lieblingspartei.

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in gekürzter Form in Ausgabe 38/13 vom 19.09.2013

Kommentare (57)

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Ehemaliger Nutzer 18.09.2013 | 13:21

Kurzform: die Erststimme entscheidet nur noch darüber, WER in der entsprechenden Fraktion im Bundestag sitzt, sie hat keinen Einfluß mehr auf Menge der Sitze.

Wenn du weißt, die Leute in deinem Bundesland wählen ohnehin alle CDU, dann kannst du einen eher linken (oder rechten, je nach Gesinnung) CDU-Kandidaten als Erststimme ankreuzen. Du stärkst damit nicht die CDU, sondern änderst nur ihre Zusammensetzung.

Jetzt klar.

Ziemlich absurd das Ganze, so wie Wahlen generell. Anachronistischer pseudodemokratischer Müll...

Fro 18.09.2013 | 14:15

Danke für die Hinweise – auf den ersten Blick etwas kompliziert.
Mal als Kurzfassung, so wie ich es verstanden habe:

Die einfachste kluge Variante des Stimmensplittings wäre für den Wähler die, sich die aussichtsreichen Kandidaten seines Wahlkreises (z.B. bei Abgeordnetenwatch) anzusehen – insbesondere hinsichtlich ihres Abstimmungsverhaltens in der Vergangenheit - und zu prüfen, ob es überhaupt einen – auch taktischen – Sinn machte einen von ihnen zu wählen.

Mit der Zweitstimme kann man leider nur eine von den Parteien ausgekungelte Kandidatenliste als Ganzes wählen. Da wäre es sinnvoll die Stimme nach den politischen Zielen der jeweiligen Parteien zu vergeben, die sich aus dem Abstimmungsverhalten in der letzten Legislatur ablesen ließe. Kann man auch bei Abgeordntetenwatch einsehen.
Das hieße für Durchschnittsbürger (66-85%), die keine Kriegseinsätze und die Bankenrettung allein den Banken überlassen wollen, gerechte Löhne – somit wirtschaftsfördernde Kaufkraft, ein einheitliches zeitgemäßes Schulsystem, Zurückdrängen des Einflusses der Groß-Lobbyisten.....wünschen, mit der Zweitstimme eine Partei zu wählen, die ihnen die Vertretung dieser Wünsche garantiert - da ist die Wahl zur Zeit leider nicht sehr groß, aber immerhin gibt es noch eine.


Wäre schön, wenn wir so bewusste Bürger hätten, die nicht nach alten Gewohnheiten und schauspielerischen Leistungen entscheiden, sondern sich ausgiebig mit der Politik der kandidierenden Parteien und ihrer Einzelkandidaten befassen und ihre Stimmen klug verteilen.


Für SPD-Wähler hatte ich neulich ein kluges und sehr einfaches Stimmensplitting vorgeschlagen, das in dieser Weise wahrscheinlich auch von vielen so praktiziert werden wird.

Felix Werdermann 18.09.2013 | 14:36

Zur Konkretisierung (nicht dass der Satz "die Leute in deinem Bundesland wählen ohnehin alle CDU" falsch verstanden wird): Es geht nicht nur um Bundesländer, in denen die CDU besonders viele Zweitstimmen bekommt. Wenn es Leute gibt, die CDU mit der Zweitstimme wählen und der oder die CDU-Direktkandidat/in reale Chancen hat, dann sollte man überlegen, ob man nicht dort ein Kreuz setzt.

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Ehemaliger Nutzer 18.09.2013 | 14:49

Ausser Luddisback und vielleicht Mopperkopp scheint hier keiner bemerkt zu haben, dass diese Anweisungen für für dumm gehaltene Wähler von allen Mitmachenden, falls sie nicht sowieso sinnfrei sind, schlicht so aufgeschrieben sind, dass sie selbst im gegenteiligen Fall der Sinnhaftigkeit immer noch nicht verständlich sind.

Mir reichen jedenfalls Abitur Politik- und Germanistikstudium nicht hier irgendetwas nachvollziehbar begründet zu finden.

Sollten Herrn Werdermanns Anweisungen Sinn machen, müsste er sie mindestens einmal an Beispielrechnungen zur Sizverteilung deutlich machen können. Da der Sitzverteilung mathematische Allgorythmen zugrundeliegen, müßten diese auch für prognostische Rechnungen der Werdermannschen Art gelten und ausgewiesen werden können.

Bis dahin glaube ich hier nur wieder an irgendwie linken Boulevard, bzw. Wahlarithmetik für Arme: Sehr hoher Unterhaltungs-, praktisch kein praktischer Nutzwert.

Sagte ich "linker" Boulevard? Das hat doch der normale, dann ja wohl rechte Boulevard schon immer gemacht.

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Ehemaliger Nutzer 18.09.2013 | 14:50

Genau. Jetzt Merkel stärken.

Die Abstraktion ist diskutabel, aber hält sie der Wirklichkeit stand?

Die Unionsfraktion nordet das Stimmvieh schon ein... Und die "Unionslinken", wenn man sie wirklich so nennen will, sind im Zweifel sogar die treuesten Vasallen alternativloser Abenteuer. Wenn in der nun endenden Legislatur doch einmal ein paar Schwarze in einer existenziellen Frage, Beispiele ESM und EFSF, mit der Linkspartei gestimmt haben, waren das Leute wie Willsch und Gauweiler. Auf der Unionslinken findet man - Ausnahme vielleicht Karl-Josef Laumann - vergleichsweise mehr Opportunisten und Fahne im Wind als auf dem konservativen Flügel. Man stelle sich mal einen Peter Hintze vor, wie er mit Sarah Wagenknecht gemeinsame Anträge ausbaldowert. Undenkbar. Gauweiler hat es gemacht.

Felix Werdermann 18.09.2013 | 16:14

Ok, ein paar Beispiele.

Überhangmandate: Nehmen wir an, in Bayern gäbe es 100 Wahlkreise und CSU/CDU wären eine Partei (beides nur der Einfachheit halber). Das hieße, dass insgesamt 200 Abgeordnete aus Bayern in den Bundestag geschickt werden (immer doppelt so viele wie Wahlkreise). Nehmen wir ferner an, die CSU bekäme in Bayern 30 Prozent der Zweitstimmen, aber in allen 100 Wahlkreisen würde sie die meisten Erststimmen bekommen und somit 100 Direktkandidaten. Laut den Zweitstimmen ständen der CSU nur 60 Abgeordnete zu (200 Sitze aus Bayern mal 30 Prozent). Es gäbe also 40 Überhangmandate.

Nehmen wir nun an, im Bundestag wären insgesamt 1.000 Plätze, nur in Bayern (in keinem anderen Bundesland) gäbe es diese 40 Überhangmandate und die Union würde bundesweit auf 50 Prozent bei den Zweitstimmen kommen. Das hieße, die Union hätte 500 Plätze im Bundestag plus 40 Überhangmandate, die restlichen Parteien hätten regulär 500 Plätze im Bundestag.

Nun würde der Bundestag so erweitert, dass am Ende das Verhältnis wieder stimmt, es würden also noch 40 Ausgleichsmandate an die übrigen Parteien verteilt, sodass am Ende 540 Abgeordnete der Union und 540 Abgeordnete der anderen Parteien im Parlament sitzen (und somit das Verhältnis im Bundestag 50:50 ist, wie bei den Zweitstimmen). Die 40 Ausgleichsmandate würden natürlich entsprechend den Prozentzahlen der einzelnen Parteien verteilt.

Ohne die Überhangmandate hätte die Union 500 Sitze und die anderen ebenfalls.

Insofern wird das Verhältnis 50:50 durch meine Erststimme nicht beeinflusst.

Nun ein Beispiel, wie ich durch die Erststimme das Parteipersonal beeinflussen kann.

Nehmen wir an, in Nordrhein-Westfalen gäbe es ebenfalls 100 Wahlkreise und 200 Abgeordnete, die ins Parlament geschickt werden. Nun kandidiert in meinem Wahlkreis ein SPD-Politiker, der dem rechten Parteiflügel zuzuordnen ist. Er liegt in den Prognosen etwa auf gleicher Höhe mit dem CDU-Kandidaten in meinem Wahlkreis. Nehmen wir an, die Wähler in meinem Wahlkreis (außer mir) geben beiden Kandidaten exakt gleich viele Stimmen. Es liegt also an mir, wer in den Bundestag einzieht.

Nehmen wir weiterhin an, die SPD liegt in NRW bei 30 Prozent, wird also 60 Abgeordnete nach Berlin schicken. Nehmen wir weiter an, in 58 Wahlkreisen hat sie ein Direktmandat sicher. Dann könnte die SPD-Landesliste zum Beispiel folgendermaßen aussehen (l= linker Politiker, r=rechter Politiker D=Direktmandat):

1. D

2. r

3. D

4. l

5. r

6. D

7. Kandidat aus meinem Wahlkreis (r)

8. ....

Wenn ich nun mit der Erststimme SPD wähle, würde der Kandidat gewinnen, es gäbe 59 Direktmandate und nur einer würde über die Landesliste in den Bundestag gelangen. Das wäre dann der rechte Kandidat auf dem 2. Listenplatz. Das heißt, neben den 58 sicheren Mandaten kämen zwei rechte SPD-Politiker ins Parlament.

Wenn ich mit meiner Erststimme CDU wähle, dann gäbe es 58 Direktmandate und es würde der rechte Kandidat auf dem 2. Listenplatz und der linke Kandidat auf dem 4. Listenplatz nachrücken. Wenn ich dann links bin, käme das meinen Ansichten stärker entgegen.

Natürlich muss ich auch berücksichtigen, wie sich die Erststimme CDU bei der CDU auswirkt. Dort läuft es vom Prinzip her genauso ab wie bei der SPD.

luddisback 18.09.2013 | 17:51

danke für die beispiele! auch @rupert rauch,

jetzt habe ich es kapiert, glaube ich. immerhin besteht doch im obigen nrw-(bei)spiel die gefahr, dass das fiktive spd-lager weniger sitze aus zweitstimmen, als chancen auf direktmandate hat. wer weiß das in der wahlkabine. ihre nun an das cdu-lager vergebene (zufällig entscheidende) erststimme würde dann die spd einen sitz kosten. oder besser gesagt, einen sitz im wert des prozentualen wahlergebnisses aus zweitstimmen, denn die cdu bekäme ja zweitstimmenprozentual einen ausgleich für das überhangmandat der spd, dass sie gerade verhindert haben. oder?

das würde ja bedeuten, dass man tunlichst keinem direktkandidaten einer kleineren partei zum mandat verhelfen sollte, da es, je nach dem verhältnis der zweitstimmen und wenn es ein überhangmandat wäre, durchaus zwei oder drei politische gegner in die lebenslange soziale absicherung spülen könnte. oder?

ob das so sein soll? ob ich's wirklich kapiert habe? immerhin habe ich mit meinem wahlkreis glück. hier kriege ich meine kreuze ganz lässig nach dem guten alten geschmack gesetzt.

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Ehemaliger Nutzer 18.09.2013 | 17:57

Wirklich vielen Dank Felix für die Mühe,

aber Deine Beispiel haben mir nur gezeigt, dass Dein Modell möglicherweise auf dem Papier und hauptsächlich post fest nach dem Motto "was hätte ich wählen müssen, dass dieses und jenes nicht dabei herausgekommen wäre" aussagekräftig sein könnte, niemals aber ohne die geballte Rechenpower des ARD-Wahlstudios (ich übertreibe nur geringfügig!) und einer Datenbank zur Variablenbereitstellung, die niemand von uns je im Kopf haben könnte, schon gar nicht, wenn er in der Wahlkabine steht, praktizierbar wäre. Wieviele Stunden der Kalkulation ich zuvor im stillen Kämmerein aufwenden müsse, um dann das schnelle "strategische" Kreuzchen vielleicht doch machen zu können, wage ich mir gar nicht vorzustellen.

Felix, dem Glücklichen schlägt keine Stunde!

P.S: "dem Glücklichen" ist keine Apposition

Felix Werdermann 18.09.2013 | 18:02

In dem NRW-SPD-Beispiel ist es natürlich nicht weit bis zu SPD-Überhangmandaten. Wenn ich dann die CDU wähle, würde das der SPD in der Tat einen Sitz (Überhangmandat) kosten, den übrigen Parteien würde das jedoch auch die entsprechenden Ausgleichmandate kosten.

Den Kandidaten der kleineren Parteien kann man durchaus zu einem Mandat verhelfen. In der Regel kommt das ja so selten vor, dass es keine Überhanmandate gibt (FDP, Linke und Grüne haben bisher noch nie Überhangmandate bekommen). Wenn es tatsächlich Überhangmandate für eine kleine Partei gibt, dann würde man auch "zwei oder drei politische gegner in die lebenslange soziale absicherung spülen", das ist korrekt.

derde 18.09.2013 | 18:02

Also Steuererklärung finde ich da einfacher ..

Zumal das System eine klitzekleine Schwäche aufweist: selbst bei entsprechend günstiger Ausgangs-Konstellation und unterstellter politischer Gradlinigkeit des/der Abgeordneten, müssen/sollten neben mir möglichst auch noch zwei , drei andere psychologisch versierte Strategen durch ähnliche Überlegungen zu gleiche Entscheidungen kommen, damit am Ende des Tages irgendwas bei rum kommt.

Und das erwarte ich jetzt nicht unbedingt.

Felix Werdermann 18.09.2013 | 18:06

In der Tat ist eine genaue Voraussage, wie sich meine Erststimme auswirkt schwierig, weil (um beim NRW-Beispiel zu bleiben) unklar ist, wieviele erfolgreiche Direktmandate die SPD holt und wie hoch der Zweitstimmenanteil ist und in Folge dessen, wer genau nachrückt.

Aber deswegen ist es zur Vereinfachung sinnvoll, den Direktkandidaten mit dem SPD-Parteidurchschnitt zu vergleichen. Dann kann man davon ausgehen, dass sich die strategische Wahl in den meisten Fällen positiv auswirkt.

Felix Werdermann 18.09.2013 | 18:09

Aber das Argument, dass eine Stimme nur etwas verändert, wenn andere sich ähnlich verhalten, gilt natürlich generell bei Wahlen (dass genau meine Stimme den Unterschied macht, ist bei Millionen Wahlberechtigten sehr unwahrscheinlich). Wobei es natürlich stimmt, dass ich mit der Zweitstimme eher einen Unterschied mache als mit der Erststimme (in vielen Wahlkreisen ist ja schon klar, wer bei der Erststimme gewinnt).

gelse 18.09.2013 | 18:27

>>Wieviele Stunden der Kalkulation ich zuvor im stillen Kämmerein aufwenden müsse, um dann das schnelle "strategische" Kreuzchen vielleicht doch machen zu können, wage ich mir gar nicht vorzustellen.<<

Vor Allem, wenn sich dann hinterher herausstellt, dass es für die Katz war: Bei wesentlichen Abstimmungen greift die sogenannte "Fraktionsdisziplin"*. Dabei spielt es dann keine Rolle, ob ein Kandidat vor Wahl ein bisschen irgendwie rinks oder ein bisschen irgendwie lechts gewirkt hat...

*Der Begriff "Fraktionszwang" wird offiziell nicht verwendet, weil ein formaler Abstimmungszwang nicht mit Art. 38 GG vereinbar wäre. Aber die informelle "Fraktionsdisziplin" wird sogar in Koalitionsvereinbarungen festgeschrieben.

miauxx 18.09.2013 | 20:22

Was für ein Unfug! Die ganze schöne Rechnerei hängt von so viel "wenn" ab, dass die "Gewinnwahrscheinlichkeit" enorm gering ist. Da helfen auch idealtypische Rechenbeispiele nicht weiter.

Und davon abgesehen eignet sich das ganze ja nur für den Kreis der Unions- und SPD-Wähler. Man kann das ganze ja beliebig drehen. Jedenfalls kann man im Artikel sogar eine Aufforderung erkennen, auf jeden Fall den Nicht-Wechsel zu wählen. Oder glaubt Werdermann im Ernst an eine "linke" SPD und empfiehlt uns diese??

smukster 18.09.2013 | 20:28

Schoen wieder mehr von Ihnen zu lesen, Herr Werdermann! Finds einerseits interessant und ueberraschend, andererseits frage ich mich, in wie vielen Faellen es wohl so knapp ist, dass ein paar strategische WaehlerInnen real eine Rolle spielen koennen...?

Zumal es ja ohnehin auf eine grosse Koalition hinauslaeuft, in der dann ob der grossen parlamentarischen Mehrheit linke und rechte Fluegel weniger bedeutsam sind...oder? Dass Roeslers Mitleidsnummer so gut zieht, wie Sie im anderen Artikel annehmen, wage ich ebenfalls zu bezweifeln - Leihstimmen fuer einen derart ueberfluessigen Prollhaufen? Abwarten, aber ich glaubs nicht.

Sinan A. 18.09.2013 | 22:50

Interessant! Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht, dass die Regel für die Überhangmandate geändert wurde.

Aber zum Glück komme ich nicht in die Verlegenheit. Der SPD-Mann in hiesigen Wahlkreis (Köln III) gehört - wie sein langjähriger Vorgänger - zum guten Flügel der Partei. Und außerdem wird er den Wahlkreis ganz sicher gewinnen. Die CDU-Tante hat keine Chance.

Aber wenn schon taktisch würde ich doch eher lokalpatriotisch wählen. Lieber ein Kölner Abgeordneter mehr im Parlament als einer aus Berlin, Greifswald oder Zwickau.

Mahdi 18.09.2013 | 23:20

Hallo Felix

Ich habe eine Frage, weil das bei den Erklärungen nicht ganz klar ist, die Überhangsmandate werden ausgeglichen, aber wenn die CDU jetzt 50 bekommt, und die restlichen Parteien sollen sich 50 Teilen, dann ist doch wieder ein Ungleichgewicht, wobei dies ja eigentlich geändert werden sollte, oder ist es falsch erklärt worden, und jeweile jede Partei bekommt 50 ebenso Überhangsmandate, weil so wäre ja erst ein Ausgleich vorhanden?

Felix Werdermann 19.09.2013 | 00:23

Also mir ist jetzt nicht ganz klar, wo die 50 Überhangmandate herkommen? Oben in dem Beispiel ist von 40 Überhangmandaten die Rede. Aber nehmen wir an, die CDU bekommt 50 Überhangmandate, dann teilen sich die anderen 50 Überhangmandate, wenn die CDU 50 Prozent der Zweitstimmen bekommen hat. Also wenn beispielsweise die Zweitstimmen so sind: CDU 50 Prozent, SPD 30 Prozent, Grüne 20 Prozent. Und es gäbe 50 Überhangmandate für die CDU, dann bekäme die SPD 30 Ausgleichsmandate und die Grünen 20. So entsteht ein "Gleichgewicht" von Zweitstimmenverteilung und Sitzverteilung im Parlament.

luddisback 19.09.2013 | 09:46

hallo felix, das verständnisproblem entsteht imho durch dein beispiel mit der cdu/csu weiter oben, in dem dann das zweitstimmenergebnis 50:50 steht. es war mir gestern auch erst nicht ganz klar, ob ein überhangmandat der einen direkt zu einem überhangmandat der anderen führt, oder ob es mit den prozenten aus den zweitstimmen multipliziert wird. (so ist es wohl.) ich denke, das in etwa meinte mahdi.

schönen tag allerseits!

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Ehemaliger Nutzer 19.09.2013 | 10:38

Ist doch eigentlich nicht so schwer?

Die Erststimme kann nur benennen, wer die über die Zweitstimmen gewählte Anzahl der Sitze der jeweiligen Partei bekommt.

Das aber klappt nur unter 2 Voraussetzungen:

1. Man muss die aussichtsreichste Partei aussuchen und

2. sich noch überlegen, ob der Kandidat, der in ideser Partei zur Wahl steht

a) einem am ehesten "liegt", aber auch

b) voraussichtlich anderen auch so sehr liegt, dass er die nötige Anzahl von Erststimmen bekommt.

Also z.B. die ERststimme für dne am wenigsten grauslichen SPD-Kandidaten, weil die SPD eh reinkommt und hoffentlich auch der Kandidat - WENN andere auch so denken und wählen würden!

Die Zweitstimme dann der favorisierten Linken, damit die überhaupt reinkommt. Der man dann aber vertraut, dass sie selbst aus der Liste der parteinternen Kandidaten schon den richtigen auswählt.

Ganz schön viele Schätzungen das, ein richtiges Fermi-Problem. Ein Mathematiker könnte die Wahrscheinlichkeit, dass das schief geht, ausrechnen.

"Eigentlich" sollte man die Parteien vielleicht abschaffen und sich sämtliche Vertreter querbeet zusammenwählen? Dann müsst eman sich mit deren Vorstellungen ja wirklich auseinandersetzen, ohne die Symbolik längst vergangener Ideologien?

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Ehemaliger Nutzer 19.09.2013 | 10:55

Ach ja, hab ich vergessen:

natürlich könnte man versuchen, über die im jeweiligen Bezirk aussichtsreichsten Kandidaten über die Erststimme die Zahl der Überhangmandate derart aufzuplustern, dass für die favorisierte Partei möglichst viele Ausgleichsmandate entstehen müssen, nach dem Motto viel hilft viel.

Ob es aber im Interesse irgendeiner Richtung sein kann, denn Bundestag von vorgesehenen 598 Mitgliedern auf, sagen wir, 900 aufzuplustern, ist doch sehr fraglich. Einerseits über die schwerfällige Entscheidungsbildung in der EU jammern und selbst über ein Wahlrecht das Parlament multiplizieren ist auch nicht DAS.

"Vielleicht" hätten die Parteien den Vorschlag, der die heiligen Überhandmandate rettet und letztendlich dafür sorgt, dass irgendwann jeder, aber auch wirklich jeder der zur Wahls teht, auch reinkommt, von einem Mathematiker optimieren lassen sollen?

Auch lustig, dass die Neugestaltung in der Presse keine Rolle spielte, während wir mit Trittins Nachlässigkeit vor 30 Jahren geflutet werden. Das Wahlrecht ist für uns wichtiger - eigentlich. Oder gerade deshalb?

Mahdi 19.09.2013 | 11:10

Hi, danke, ja deswegen, allerdings dachte ich jede Partei bekommt dann ebenso viele Überhangsmandate wie die CDU in diesem Fall 50, so ist ja doch wieder ein Ungleichgewicht vorhanden, wenn die FDP dann auch welche bekommt, also dann doch lieber nur die kleinen Wählen, die Großen haben schon genug Missstände verursacht, und was mit einer großen Koalition auf uns zu kommt liegt auch auf der Hand, in Sachen Überwachungsstaat sind sich beide einig. Beide hätten ACTA sich gewünscht, VDS, und haben auch BDA unterschrieben!

Der Kommentar wurde versteckt
Felix Werdermann 19.09.2013 | 12:37

Das ist natürlich ein interessanter Aspekt, den ich im Artikel nicht erwähnt habe, weil es das Ganze noch komplizierter macht. Wenn man einen Kandidaten auf einem der hinteren Listenplätze einer kleineren Partei ins Parlament bekommen will, kann man natürlich auch mit der Erststimme so wählen, dass es mehr Überhangmandate gibt. Ist allerdings mit einer großen Unsicherheit behaftet, weil die Überhangmandate ja erstmal noch auf verschiedene Bundesländer aufgeteilt werden.

Übrigens finde ich 900 Abgeordnete bei rund 80 Mio. Einwohnern auch nicht sooo überdimensioniert...

Felix Werdermann 19.09.2013 | 13:57

Die FDP würde ja keine Überhangmandate bekommen, sondern eher Ausgleichsmandate und die auch nur, wenn sie bei den Zweitstimmen welche bekäme. Nehmen wir an, die FDP würde 10 Prozent Zweitstimmen holen, dann bekäme sie Ausgleichsmandate und dann gälte: CDU/FDP = 40 Überhangmandate + 8 Ausgleichsmandate und SPD/Grüne/Linke = 32 Ausgleichsmandate. Das Verhältnis wäre also 48 zu 32, das entspricht genau den 60 zu 40 Prozent (CDU+FDP=60 Prozent).

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Ehemaliger Nutzer 19.09.2013 | 23:21

Grundsätzlich kann der Wähler nur die Kandidaten aus dem eigenen Wahlkreis wählen!!

Die Zweitstimme ist die wichtigste Stimme für die Partei!!

Dabei sollte man mit der Erststimme den Kandidaten wählen der einem gefällt egal welcher Partei er angehört wobei man den Kandidaten schon kennen muss, denn die Beschreibungen zu den Kandidaten sind parteizentralistisch in der Regel für die Kandidaten vorgegeben sowie die Themen für die sie sich angeblich einsetzen.

Der direkt gewählte Kandidat des jeweiligen Wahlkreises kommt sollte er die Mehrheit Erreichen immer in den Bundestag. Wenn eine Partei mehr direkt gewählte Kandidaten hat als sie über den erreichten Zeitstimmenanteil im Bundestag erhalten würde, erhält die Partei Überhangmandate damit alle direkt gewählten Kandidaten auch in den Bundestag einziehen können, so will es das Wahlrecht. Voraussetzung ist, das Erreichen der 5 Prozenthürde mittels der Zeitstimmen.

Wenn eine Partei Überhangmandate erhält bekommen alle übrigen Parteien im Bundestag prozentual zu ihrem erreichten Zweitstimmenanteil zusätzlich Sitze im Parlament die dann über die Bundestagskandidatenliste der jeweiligen Parteien aufgefüllt werden.

Wenn man strategisch wählen will mit der Erststimme müsste man sowohl die Kandidaten hundertprozentig kennen als auch das Wahlergebnis der Partei damit man in etwa abschätzen kann welche Kandidaten über die Liste einziehen. Das sind nach meiner Meinung zu viele Unsicherheitsfaktoren, macht also keinen Sinn, außer man wünscht das möglichst viele Kandidaten im Bundestag sein sollen und man strategisch Wunschkandidaten die auf einen unsicheren Listenplatz sind noch in den Bundestag bringen will.

Das klappt aber sicherer wenn man eine Partei mit der Erststimme wählt die über die Zweitstimme gerade Mal die 5 Prozent Hürde erreicht. Dann gibt es max. Überhangmandate und der Laden ist Proppenvoll.

Was ich noch besser finden würde für die Demokratie!!

Jeder der etwas in unserem Land verändern möchte hat die Möglichkeit als parteiloser Direktkandidat anzutreten um in den Bundestag oder Landtag zu kommen. Wenn man das strategisch gut aufbaut klappt das auch. Natürlich nicht mit Minderheitsthemen.

Johannes Renault 20.09.2013 | 01:21

Eine gute Idee mit dem wählen des einen um den anderen mit der ersten Zweitstimme - den man sowieso mit der ersten - in dem man auch dort den anderen..

Ich lehre meinen Schülern seit Dekaden zu den Legislatur-Eskapaden drei Kreuze zu machen: bei den für Euch besten drei Parteien mache ein Kreuz. Weil, wenn das viele tun dann gibt es so eine Schnittmenge des Guten. Das ist dann besser als wenn jeder nur die zwei für jeweils Erst- und Zweitstimme mit der Kugel seines Stiftes markiert.

Sicher, die Eltern... die Eltern laufen mir seit Jahren die Bude ein. Wie ein Pfarrer der sich der grossen Zahl Schäflein die ob's Oblatchen nur kommen freut, so freut mich das 'Einbringen' der Eltern.

Die legen doch dann später so eine Schablone auf den Wahlzettel mit den Zulässigen Löchern an der richtugen Stelle. Der Rest ist also quasi abgedeckt, die merken garnicht dass da mehr angekreuzt ist. Ne?

Mikelmania 20.09.2013 | 11:36

Sicher könnte der Wähler so taktisch vorgehen, aber man bedenke wie viele Wähler bei ihrer Stimmabgabe einfach abstimmen, ohne sich überhaupt Gedanken gemacht zu haben, "ach den kenn ich".

Ich fand einmal die Idee eines Wahlführerscheins interessant. Nur wer sich über politisches Allgemeinwissen qualifiziert darf wählen. Löst aber die Probleme auch nicht.

Aber was würde denn passieren, wenn Kandidaten, die keiner Partei zugehören eine bedeutende Anzahl von Sitzen holen würde ? Sagen wir mal 10. Müsste es dann nicht erhebliche Ausgleichsmandate für die anderen Parteien geben ?

Zumindest könnte man durch das Wählen solcher Kandidaten sicher sein, dass dort keine Fraktionsdisziplin gilt. In den Kommunen funktioniert das heutzutage mit den vielen Wählergemeinschaften oder unabhängigen Bürgermeister schon gut. Nur so können wir das Parteiendiktat durchbrechen. Denn wann wird im Bundestag noch nach dem eigenen Gewissen abgestimmt ? Nur deswegen macht es heute wenig Sinn zwei Stimmenzu haben.

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Ehemaliger Nutzer 26.09.2013 | 19:41

Ich schon, denn das erhöht nicht die Qualität einer Debatte oder eines Ergebnisses. Aber kostet uns mehr! Wenn ich dran denke, dass gerade quer durch die Gazetten die 600 arbeitslos werdenden Mitarbeiter der FDP bedauert werden, wird mir ohnehin schlecht: was um Himmels Willen hatten die denn bisher zu tun???

Das andere fand ich lustig: bei den Hochrechnungen am Wahlabend gingen die im ZDF noch von 603 statt 598 sitzen aus, es wurden letztlich - angeblich aufgrund der komplizierten Verteilung in Bayern - aus faktischen 4 Überhangmandaten sage und schreibe 32 Sitze mehr! wo soll das hinführen? Zu mehr Kosten, das ist schon klar. Aber habe ich als Wähler - egal welcher couleur - davon was? Werden die Entscheidungen besser? Transparenter?? Nein, vermutlich nicht.

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Ehemaliger Nutzer 27.09.2013 | 21:25

Noch besser 8-(=) ?

Im Ernst, ich denke, das wär mir irgendwie aufgefallen, wenns da inhaltlich eine ernstzunehmende Spezialisierung gäbe. Und bei "noch-mehr" - owei! Wer sollte das koordinieren. Von selbst wird sich eher der TEAM-Effekt ausbreiten: jeder denkt, dass es der andere macht und wenn nicht, kann ihm keiner, weil die vielen anderen ja auch ... wie bisher. Nur unübersichtlicher und teurer.