Penisse, Perückenklebeband und Partei

Eventkritik Renate Künast sitzt beim lesbisch-schwulen Stadtfest auf dem Sofa und macht Witze. Wie soll sie Wowereit auch sonst Paroli bieten?

Berlin hat zwar einen schwulen Bürgermeister, aber wer seine Homosexualität lebt, kann auch in der Hauptstadt mit etwas Pech immer noch brutal verprügelt werden. „Soll man in Berlin sichere Kuss-Zonen für Lesben und Schwule eröffnen?“ Ganz ernst gemeint ist diese Frage sicherlich nicht, dafür klingt sie halbwegs lustig.

Auf dem lesbisch-schwulen Stadtfest wollen Gerhard Hoffmann und Biggy van Blond mit Berliner Polit-Promis diskutieren. Das „wilde Sofa“, so der Name der Veranstaltung, ist hier ein jährliches Ritual – eine Mischung aus Quizsendung und Talkshow. Zu politisch darf es allerdings nicht werden. Stattdessen soll es Entertainment geben, Nachmittags-Unterhaltung für alle. In diesem Jahr sitzen auf dem Sofa die Grüne Renate Künast, die im Herbst Klaus Wowereit als Bürgermeister ablösen will. Neben ihr Klaus Lederer von der Linken und die SPD-Supernanny Katharina Saalfrank.

Hantieren mit Silikon-Penis

In ihrem richtigen Leben repariert Saalfrank im RTL-Fernsehen zerrüttete Familien – oder zeigt zumindest mit gutmeinenden Vorschlägen, wie eine glückliche Familie aussehen könnte. Hier auf dem wilden Sofa darf sie – mangels nachgewiesener politischer Qualifikation – Fragen beantworten wie die, ob Kinder traumatisiert werden, wenn sie Homosexualität sehen. Sie erzählt, dass ihr Sohn im Sexualkundeunterricht mit Silikon-Penissen hantiert. „Das finde ich toll.“

Für den politischen Part – wenn man das so nennen darf –, sind Lederer und Künast zuständig, die von den Moderatoren, im Unterschied zu „Frau Saalfrank“ mit „Klaus“ und „Renate“ angesprochen werden. Lederer sitzt zurückgelehnt in der Mitte des Sofas, er trägt sportlich-lässig eine Trainingsjacke und wirkt entspannt. Künast hingegen kann es gar nicht abwarten, bei der nächstmöglichen Gelegenheit in das Mikrofon zu tröten.

Gerhard Hoffmann will von ihr wissen, welche Erfindung das Leben seiner Mitmoderatorin erheblich verändert habe. „Perückenklebeband“, meint Künast. Elektrorasierer wäre die richtige Antwort gewesen. Die anderen Fragen bewegen sich auf ähnlich-kryptischem Niveau. Aber Künast spielt mit.

Was soll sie sonst machen? Wie, wenn nicht mit Witz, könnte sie es mit ihren politischen Konkurrenten aufnehmen? Klaus Lederer lebt in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft, die SPD hat mit Klaus Wowereit die personifizierte Homo-Szene von Berlin als Spitzenkandidat. Wowi durfte das Stadtfest dann auch eröffnen.

Und Künast? Steht für Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz. Als Frontfrau im Kampf gegen Homophobie ist sie bislang nicht aufgefallen. Dabei war sie auch in den vergangenen Jahren beim lesbisch-schwulen Stadtfest und betont, dort schon mal mit dem Abgeordneten-Chor gesungen zu haben. Wow.

Nun will sie also erste grüne Bürgermeisterin von Berlin werden. Ein Auftritt bei Lesben und Schwulen gehört da zu den Pflichtterminen im Wahlkampf. Denn auch in der Metropole funktioniert die Politik nicht anders als auf dem Dorf: Hier punktet man nicht mit Inhalten, sondern gewählt wird nach Sympathie und gefühlter Nähe. Politische Analysen auf dem „wilden Sofa“ erwartet niemand. Es herrscht Volksfeststimmung. Bei einem Papst-Intermezzo werden von der Bühne aus Zitate des Oberhaupts der katholischen Kirche verlesen. Gleichgeschlechtliche Eheschließung sei die „Legalisierung des Bösen“, ist zu hören. Und: Menschen müssten vor Homosexualität geschützt werden wie Regenwälder vor ihrer Zerstörung. Dann werden Flugblätter durch die Menschenmenge gereicht, mit dem Aufruf, sich an einer Demonstration gegen den Papstbesuch im September zu beteiligen.

Für Künast geht auch nach dem Sofa der Wahlkampf weiter. Sie läuft über das Fest, verfolgt von einem ZDF-Team. Ständig das Mikro vor der Nase, keine Äußerung soll ungehört bleiben – und sei sie auch noch so banal. Sie könnte schließlich auch was Weltbewegendes sagen. Auf der rechten Seite hat die Lesben- und Schwulen-Union ihren Stand, die konservative Konkurrenz. Künast geht weiter. Dann kommen die Stände der Linken und der FDP, Künast steuert schnurstracks auf die Grünen zu. Da fühlt sie sich heimisch, schüttelt Hände, macht aber auch dort nur wenige Sekunden Smalltalk. Noch ein Interview fürs ZDF. Das hätte sie zwar schon vorher geben können, aber nicht vor Grünen-Kulisse.

„Wie heißt die nochmal?“

Um sie herum hat sich mittlerweile eine kleine Menschentraube versammelt, manche zücken Handy oder Digitalkamera. Die zufällig vorbeikommenden Festbesucher reagieren skeptisch, oder auch neugierig.

„Wie heißt die nochmal?“, möchte einer wissen. Künast hört das nicht – oder tut so. Ein anderer weiß Bescheid und vermisst sogleich Klaus Wowereit: „Wo ist denn die Konkurrenz?“ Künast hat hier keinen festen Platz, sie gilt nicht als „eine von uns“, nicht als eine, die auch mal vorbeischaut, wenn die Kameras aus sind. Ihre potenziellen Wähler artikulieren Einschätzungen, die von „sympathisch“ bis „widerlich“ reichen.

Es finden sich aber auch richtige Verehrer. Einer von ihnen schüttelt Künast so lange die Hand, dass sie ihn mit der anderen Hand schon am Arm packen muss, um sich loszureißen. „Ich muss jetzt noch schnell weiter“, sagt sie und steuert Richtung GEW. Die Bildungsgewerkschaft hat auf dem Stadtfest ein kleines Zelt aufgebaut, das schützt vor Regen.

Drinnen sitzen vor allem jüngere Menschen. Künast gesellt sich zu ihnen und spielt eine Runde Activity mit. Sie muss Begriffe umschreiben, vorspielen, an eine Tafel zeichnen, die Jugendlichen raten. Sie macht das gut. Am Ende ist sie erfolgreich, sie bekommt eine kleine Schultüte mit Süßigkeiten in die Hand gedrückt. Das „Schwul-Abitur“ hat sie nun in der Tasche. Aber braucht Berlin nach Wowi wirklich noch eine Event-Bürgermeisterin?

16:16 22.06.2011

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