Felix Werdermann
29.04.2013 | 13:57 5

Wechselmuffel beim Ökostrom

Energie Das Bündnis "Atomausstieg selber machen" ruft zum Wechsel des Stromanbieters auf. Viele Kunden aber werfen den AKW-Betreibern weiter Geld in den Rachen. Warum nur?

Wechselmuffel beim Ökostrom

Logo: Tim Kowalewski/ eitelsonnenschein GmbH

Studenten gelten als Ökos. Eigentlich dürfte es da kein Problem sein, sie zum Stromwechsel zu bewegen – weg von Kohle und Atomkraft, hin zu erneuerbaren Energien. Die Umweltverbände rufen mal wieder zu einer Wechselwoche auf, sie beginnt am heutigen Montag. In diesem Jahr wollen die Umweltschützer gezielt an Hochschulen für Ökostrom werben. Vielleicht hat die Auswahl der Studenten als Zielgruppe einen Grund: Der Wechselwillen in der Gesamtbevölkerung hält sich derzeit in Grenzen. Warum eigentlich?

Die vier reinen Ökostromanbieter Lichtblick, Naturstrom, Elektrizitätswerke Schönau und Greenpeace beliefern derzeit zusammen rund 950.000 Privatkunden. Bei 40 Millionen Haushalten sind das etwas mehr als zwei Prozent. Zum Vergleich: Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung findet, dass der von Union, FDP, SPD und Grünen beschlossene Atomausstieg nicht schnell genug geht.

Mogelpackungen von RWE und Co.

Manche haben einen Ökostromtarif gewählt, geben ihr Geld aber trotzdem weiterhin an einen AKW-Betreiber. RWE und Vattenfall haben längst ihr eigenen Angebote – reine Mogelpackungen: Wer dort Ökostrom kauft, sorgt bloß dafür, dass die anderen Kunden im Gegenzug umso dreckigeren Strom erhalten.

Die großen Umweltverbände haben sich daher in dem Bündnis „Atomausstieg selber machen“ zusammengeschlossen und empfehlen vier Anbieter, die ausschließlich Ökostrom vertreiben. Das Geld fließt also garantiert in den Ausbau erneuerbarer Energien und nicht in Lobbyarbeit für Atomkraft.

Diese Anbieter sind auch nicht zwangsläufig teurer als der örtliche Grundversorger. Das zeigt sich etwa in den 25 größten Studentenstädten. In zehn Städten ist ein AKW-Betreiber an der Stromversorgung beteiligt: in Berlin, München, Köln, Hamburg, Dortmund, Karlsruhe, Kiel, Göttingen, Regensburg und Trier. In allen Städten gibt’s einen oder mehrere günstigere Ökostromtarife, nur in Regensburg nicht, dort zahlt ein 4-Personen-Haushalt aber auch nur fünf Euro mehr pro Jahr.

Unbegründete Ängste

Warum halten so viele Menschen der Atomindustrie die Treue? Es sind vor allem unbegründete Ängste. Aber nicht nur. Auch die Umweltverbände müssen sich schwierige Fragen stellen.

Zunächst die einfachen Erklärungen: Der Stromwechsel dauert zwar nur fünf Minuten, aber viele Menschen denken immer noch er sei kompliziert. Schließlich müssen Formulare ausgefüllt werden. Ließe sich der Strom im Supermarkt kaufen, wäre vielleicht alles einfacher.

Hinzu kommt die Angst vor Stromausfall. Wer kennt nicht die Probleme bei einem neuen Telefonanschluss? Und schließlich waren sowohl Energieversorgung als auch Telekommunikation einst staatlich organisiert. Doch der Stromwechsel ist unproblematisch, die Versorgung wird keine Sekunde unterbrochen.

Und noch mehr Dummheit: Für Handys wird alle paar Jahre ein neuer Vertrag abgeschlossen, weil die Tarife tendenziell billiger werden. Strom wird zwar teurer, das bedeutet aber nicht, dass der einstmals billigste Tarif für immer der günstigste bleiben muss.

Das Preisargument wird unterschätzt

Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass die reinen Ökostromanbieter nicht die allerbilligsten Tarife haben. Sie sind zwar häufig günstiger als die Grundversorger, gegen die Billigangebote der großen Konzerne haben sie aber keine Chance. Die Umweltverbände lassen das gerne unter den Tisch fallen und veröffentlichen dazu auch keine Zahlen.

Nun ließe sich argumentieren, wer auf Ökostrom achte, zahle dafür auch gerne mehr. In der Tat scheinen die paar Cent nicht sonderlich abzuschrecken: Nach der Atomkatastrophe von Fukushima sind die Stromkunden massenweise zu Ökostromanbietern gewechselt, es war also wohl eher die Bequemlichkeit, die den Schritt bis dato verhindert hat.

Trotzdem wird das Preisargument womöglich unterschätzt: Viele wollen sauberen Strom, aber den billigsten. Und wer im Internet nach einem Preisvergleich sucht, findet bei Ökostrom häufig die Mogel-Angebote der Atomkonzerne.

Die Umweltverbände von „Atomausstieg selber machen“, haben das Problem zwar erkannt, können aber nur wenig tun. Das Bündnis selber zeigt zwar Beispielrechnungen, bietet aber selbst keinen Preisvergleich an prominenter Stelle. Und zwar aus gutem Grund. Schließlich unterscheiden sich die vier empfohlenen Ökostromanbieter auch untereinander. Wäre es falsch, sie über einen Kamm zu scheren? Oder ist ein Preisvergleich nötig, um den anderen Internetportalen etwas entgegenzusetzen?

Unternehmen lassen demonstrieren

Womöglich wird die Wechselstimmung im Sinne der vier unabhängigen Anbieter wieder etwas angeheizt. Ohnehin müssen sich die Umweltverbände fragen, ob sich ihr Aufwand lohnt, wenn so wenige Kunden wechseln. Die knappen Ressourcen könnten die Verbände auch in politische Projekte stecken.

Die Wechselkampagne ist aber eine langfristige Investition. Jeder Stromwechsler nimmt den Atomkonzernen ihr Geld – Jahr für Jahr. Und er finanziert eine Gegenlobby der erneuerbaren Energien. Wie sich das praktisch auswirkt, hat sich vor der letzten Bundestagswahl im Herbst 2009 gezeigt: Der RWE-Konzern ließ damals 1.300 Azubis zu einer Pro-Atomkraft-Demo vor dem AKW Biblis karren. Und Naturstrom hat seine Mitarbeiter auch schonmal zu einer Anti-Atomkraft-Demo fahren lassen.

Die Wirtschaft bestimmt die Politik. So einfach ist das.

Kommentare (5)

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Ehemaliger Nutzer 01.05.2013 | 12:11

Falsche Adressaten, grobe Vereinfachungen und schiefe Vergleiche.

Als Adressat könnte sich das Bündnis Atomausstieg selber machen der Einfachheit halber an die ca. 4,6 Millionen Wähler der Grünen wenden. Da müsste ja ein entsprechendes Bewußtsein und vor allem eine gut gefüllte Haushaltskasse vorhanden sein. Damit ließe sich dann der Anteil der Stromabnehmer bei Ökostromanbietern deutlich erhöhen.

Die Erfahrungen der Bürger kenne ich nicht, aber eine vernünftige Begründung für ihr Verhalten. Es gab in den letzten Jahren zwei spektakuläre Insolvenzen von Stromanbietern: Teldafax und Flexstrom. Das prägt. Andererseits wechselt man in der Regel nur bei gewichtigen Vorteilen, sprich ordentlichen Preisdifferenzen. Das ist in der Regel nicht gegeben. Schließlich ist es auch noch so, dass man eine problemlos und gut laufende Geschäftsbeziehung nicht mutwillig aufgibt.

Der Vergleich des Wechsels eines Mobilfunkanbieters mit dem zu einem anderen Stromanbieter läuft auf die Geschichte mit den Äpfeln und Birnen hinaus. Wer schon mal einen längerdauernden Stromausfall erlebt hat, weiß, um was es geht.

Möglicherweise kommt dann auch ein wenig Bequemlichkeit dazu. Bei all den durch die Umwandlung unseres Gemeinwesens in eine Marktgesellschaft den Bürgern aufgezwungenen Änderungen ist das auch kein Wunder. Man möchte einfach ein gleichmäßiges und überschaubares Leben führen und sich nicht ständig um irgendwelche Änderungen kümmern müssen.

Dazu kommt auch noch ein gutes Stück nüchternes Abwarten. Es fehlen also diejenigen, die mit gutem Beispiel vorangehen und so eine Änderung einleiten, der sich die Bürger dann anschließen können. Offensichtlich sind diese Vorangeher nicht einmal bei den Wählern der Grünen in ausreichender Anzahl vorhanden.

Abschließend fällt mir noch ein, dass die Bürger in den vergangenen 40 Jahren, seit der sogenannten Ölkrise 1973, ständig mit irgendwelchen Katastrophenszenarien verunsichert wurden, jedoch nie gangbare Lösungen für die gesammte Gesellschaft erarbeitet geschweige denn angeboten worden sind. Aus den vorerst nicht real gewordenen Katastrophenszenarien hat man ja auch gelernt, dass alles nicht so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde.

Wer die Bürger zum Wechsel zu Ökostromanbietern bewegen will, unterstellt ihnen besser erst mal nichts und bezichtigt sie auch nicht irgendwelcher falscher Vorstellungen oder sonst etwas. Warum sollten die Bürger sich beschimpfen lassen und dann auch noch brav wie wie die Lämmer dem Schimpfer folgen?

Eberesche 06.05.2013 | 10:55

Ich möchte an dieser Stelle publik machen, dass es mir gelungen ist, meinen Stromanbieter zu wechseln.

Anfang Oktober 2011 beauftragte ich die Elektrizitätswerke Schönau mich zukünftig mit Strom zu versorgen, da die EWS nur aus erneuerbaren Energien Strom produziert und bezieht.

Bzgl. der Kunden- und Zählernummer fügte ich meinem Antrag die letzte Stromrechnung meines bisherigen Stromanbieters, Stadtwerke Neuss (SWN), bei.

Die Vertragsbestätigung erhielt ich am 10.10.2011 und ab 01.12.2011 sollte ich von der EWS mit Energie versorgt werden.

Am 7. 11. 2011 teilte mir EWS mit, dass die Übernahme von meinem bisherigen Netzbetreiber scheiterte, weil meine Adresse und Zählernummer nicht bekannt sei und er mich somit nicht identifizieren könne.

Ich nahm dann mit der Rhein-Ruhr Verteilnetz GmbH, die im Auftrag der SWN meine Stromversorgung sicherstellte, Kontakt auf und bat, mir mitzuteilen, unter welcher Kunden- und Stromzählernummer ich geführt würde. Nachdem ich nur eine Bestätigung über den Erhalt meiner Email erhalten habe, habe ich vor Weihnachten per Einschreibebrief meine Anfrage wiederholt. Diesmal fügte ich als Fotokopie mein RWE-Vertrag, woraus meine Kundennummer und Zählernummer, welche dort angeblich nicht bekannt sei, hervorgeht.

Mitte Januar 2012 erhielt ich von der EWS eine Mail, in der mir mitgeteilt wurde, dass mein bisheriger Netzbetreiber meine Abnahmestelle bestätigt hat und ab 01.02.2012 einer Versorgung mit atomstromlosen und klimafreundlichem Strom nichts mehr im Wege stünde.

Ich veröffentliche meine Erfahrung auf dieser Plattform, damit Interessierte erkennen können, wie die großen Stromerzeuger mit ihren Kunden umgehen, wie sie verzögern, schikanieren und den Wechsel für den Verbraucher möglichst aufwendig gestalten. Besonders entsetzt bin ich, dass Konzerne, die so schlampig arbeiten Atomkraftwerke betreiben dürfen.

Jedenfalls bin ich froh, dass es mir endlich gelungen ist, meinen Atomausstieg selbst vorzunehmen, auch wenn es mit viel Ärger und Schriftwechsel verbunden war.