Wechselmuffel beim Ökostrom

Energie Das Bündnis "Atomausstieg selber machen" ruft zum Wechsel des Stromanbieters auf. Viele Kunden aber werfen den AKW-Betreibern weiter Geld in den Rachen. Warum nur?
Wechselmuffel beim Ökostrom
Logo: Tim Kowalewski/ eitelsonnenschein GmbH

Studenten gelten als Ökos. Eigentlich dürfte es da kein Problem sein, sie zum Stromwechsel zu bewegen – weg von Kohle und Atomkraft, hin zu erneuerbaren Energien. Die Umweltverbände rufen mal wieder zu einer Wechselwoche auf, sie beginnt am heutigen Montag. In diesem Jahr wollen die Umweltschützer gezielt an Hochschulen für Ökostrom werben. Vielleicht hat die Auswahl der Studenten als Zielgruppe einen Grund: Der Wechselwillen in der Gesamtbevölkerung hält sich derzeit in Grenzen. Warum eigentlich?

Die vier reinen Ökostromanbieter Lichtblick, Naturstrom, Elektrizitätswerke Schönau und Greenpeace beliefern derzeit zusammen rund 950.000 Privatkunden. Bei 40 Millionen Haushalten sind das etwas mehr als zwei Prozent. Zum Vergleich: Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung findet, dass der von Union, FDP, SPD und Grünen beschlossene Atomausstieg nicht schnell genug geht.

Mogelpackungen von RWE und Co.

Manche haben einen Ökostromtarif gewählt, geben ihr Geld aber trotzdem weiterhin an einen AKW-Betreiber. RWE und Vattenfall haben längst ihr eigenen Angebote – reine Mogelpackungen: Wer dort Ökostrom kauft, sorgt bloß dafür, dass die anderen Kunden im Gegenzug umso dreckigeren Strom erhalten.

Die großen Umweltverbände haben sich daher in dem Bündnis „Atomausstieg selber machen“ zusammengeschlossen und empfehlen vier Anbieter, die ausschließlich Ökostrom vertreiben. Das Geld fließt also garantiert in den Ausbau erneuerbarer Energien und nicht in Lobbyarbeit für Atomkraft.

Diese Anbieter sind auch nicht zwangsläufig teurer als der örtliche Grundversorger. Das zeigt sich etwa in den 25 größten Studentenstädten. In zehn Städten ist ein AKW-Betreiber an der Stromversorgung beteiligt: in Berlin, München, Köln, Hamburg, Dortmund, Karlsruhe, Kiel, Göttingen, Regensburg und Trier. In allen Städten gibt’s einen oder mehrere günstigere Ökostromtarife, nur in Regensburg nicht, dort zahlt ein 4-Personen-Haushalt aber auch nur fünf Euro mehr pro Jahr.

Unbegründete Ängste

Warum halten so viele Menschen der Atomindustrie die Treue? Es sind vor allem unbegründete Ängste. Aber nicht nur. Auch die Umweltverbände müssen sich schwierige Fragen stellen.

Zunächst die einfachen Erklärungen: Der Stromwechsel dauert zwar nur fünf Minuten, aber viele Menschen denken immer noch er sei kompliziert. Schließlich müssen Formulare ausgefüllt werden. Ließe sich der Strom im Supermarkt kaufen, wäre vielleicht alles einfacher.

Hinzu kommt die Angst vor Stromausfall. Wer kennt nicht die Probleme bei einem neuen Telefonanschluss? Und schließlich waren sowohl Energieversorgung als auch Telekommunikation einst staatlich organisiert. Doch der Stromwechsel ist unproblematisch, die Versorgung wird keine Sekunde unterbrochen.

Und noch mehr Dummheit: Für Handys wird alle paar Jahre ein neuer Vertrag abgeschlossen, weil die Tarife tendenziell billiger werden. Strom wird zwar teurer, das bedeutet aber nicht, dass der einstmals billigste Tarif für immer der günstigste bleiben muss.

Das Preisargument wird unterschätzt

Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass die reinen Ökostromanbieter nicht die allerbilligsten Tarife haben. Sie sind zwar häufig günstiger als die Grundversorger, gegen die Billigangebote der großen Konzerne haben sie aber keine Chance. Die Umweltverbände lassen das gerne unter den Tisch fallen und veröffentlichen dazu auch keine Zahlen.

Nun ließe sich argumentieren, wer auf Ökostrom achte, zahle dafür auch gerne mehr. In der Tat scheinen die paar Cent nicht sonderlich abzuschrecken: Nach der Atomkatastrophe von Fukushima sind die Stromkunden massenweise zu Ökostromanbietern gewechselt, es war also wohl eher die Bequemlichkeit, die den Schritt bis dato verhindert hat.

Trotzdem wird das Preisargument womöglich unterschätzt: Viele wollen sauberen Strom, aber den billigsten. Und wer im Internet nach einem Preisvergleich sucht, findet bei Ökostrom häufig die Mogel-Angebote der Atomkonzerne.

Die Umweltverbände von „Atomausstieg selber machen“, haben das Problem zwar erkannt, können aber nur wenig tun. Das Bündnis selber zeigt zwar Beispielrechnungen, bietet aber selbst keinen Preisvergleich an prominenter Stelle. Und zwar aus gutem Grund. Schließlich unterscheiden sich die vier empfohlenen Ökostromanbieter auch untereinander. Wäre es falsch, sie über einen Kamm zu scheren? Oder ist ein Preisvergleich nötig, um den anderen Internetportalen etwas entgegenzusetzen?

Unternehmen lassen demonstrieren

Womöglich wird die Wechselstimmung im Sinne der vier unabhängigen Anbieter wieder etwas angeheizt. Ohnehin müssen sich die Umweltverbände fragen, ob sich ihr Aufwand lohnt, wenn so wenige Kunden wechseln. Die knappen Ressourcen könnten die Verbände auch in politische Projekte stecken.

Die Wechselkampagne ist aber eine langfristige Investition. Jeder Stromwechsler nimmt den Atomkonzernen ihr Geld – Jahr für Jahr. Und er finanziert eine Gegenlobby der erneuerbaren Energien. Wie sich das praktisch auswirkt, hat sich vor der letzten Bundestagswahl im Herbst 2009 gezeigt: Der RWE-Konzern ließ damals 1.300 Azubis zu einer Pro-Atomkraft-Demo vor dem AKW Biblis karren. Und Naturstrom hat seine Mitarbeiter auch schonmal zu einer Anti-Atomkraft-Demo fahren lassen.

Die Wirtschaft bestimmt die Politik. So einfach ist das.

13:57 29.04.2013

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