Wir schuften uns zu Tode

Lebensqualität Fast sieben Millionen Deutsche haben eine 45-Stunden-Woche. Trotz technischen Fortschritts gelingt es unserer Gesellschaft nicht, weniger zu arbeiten. Warum eigentlich?
Felix Werdermann | Ausgabe 19/2014 58
Wir schuften uns zu Tode
Illustration: Otto

Immer mehr Stress, immer mehr Konsum, immer mehr Wirtschaftsleistung – das ist das Prinzip, nach dem unsere Gesellschaft nach wie vor funktioniert. Nur: Richtig glücklich wird dadurch niemand. Dabei gäbe es einen ganz einfachen Weg zu mehr Wohlstand im Sinne von Lebensqualität. Man könnte einfach weniger arbeiten. Der technische Fortschritt macht’s möglich. Trotzdem klappt es nicht mit der Arbeitszeitverkürzung, und zwar schon seit Jahren. Der Widerstand kommt von allen Seiten: von Unternehmern, aber auch von Arbeitnehmern und nicht zuletzt auch von den Gewerkschaften. Und die Politik nutzt ihre Möglichkeiten ebenfalls nicht, kürzere Arbeitszeiten attraktiv zu machen.

Heute ist die Arbeit in Deutschland extrem ungleich verteilt: Mehr als drei Millionen Menschen sind offiziell als erwerbsarbeitslos gemeldet. Gleichzeitig schuften fast sieben Millionen Menschen 45 oder mehr Stunden pro Woche. Die einen sind deprimiert von der aussichtslosen Perspektive auf dem Arbeitsmarkt, die anderen rackern rund um die Uhr und werden nicht selten dadurch krank. Die tatsächliche Wochenarbeitszeit beträgt im Durchschnitt 31,5 Stunden. Warum können nicht alle ungefähr gleich viel arbeiten?

Arbeitgeber für 35-Stunden-Woche

Diese Frage wird am heutigen Samstag in Hamburg diskutiert, auf einer Konferenz mit dem Titel „Arbeitszeitverkürzung jetzt!“. Am morgigen Sonntag beginnt der DGB-Kongress in Berlin, doch in letzter Zeit hat eher die Arbeitgeberseite bei diesem Thema mit ungewohnten Forderungen auf sich aufmerksam gemacht. Eine 35-Stunden-Woche für alle – diesen Vorschlag unterbreitete der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Eric Schweitzer, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Gemeint war, dass in einer Familie beide Elternteile gleich viel arbeiten. „In der Summe ist das immer noch mehr, als wenn der Mann 40 Stunden arbeitet und die Frau nur halbtags.“

Damit keine Missverständnisse aufkommen, erklärte er noch: „Wir werden unsere Wirtschaft nicht am Laufen halten, wenn alle weniger arbeiten.“ Es geht also um Wachstum, Wachstum, Wachstum. Der technische Fortschritt führt nicht zu weniger Arbeit, sondern zu einer größeren Wirtschaftsleistung. Die Gesellschaft häuft immer mehr Güter an. Viele werden aus Mangel an Zeit kaum genutzt, bevor sie im Müll landen. Der Ressourcenverbrauch steigt.

Wirtschaftswachstum unnötig

Dabei ist Wirtschaftswachstum zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit gar nicht nötig – wenn stattdessen die Arbeitszeit verkürzt wird. Das haben selbst die Gewerkschaften noch nicht begriffen. Normalerweise wird argumentiert, dass Produktivitätssteigerungen dazu führen, dass Arbeitsplätze abgebaut werden, was durch Wirtschaftswachstum ausgeglichen werden müsse. Wenn aber alle Beschäftigten etwas weniger arbeiten, dann wird auch niemand arbeitslos – ganz ohne Wirtschaftswachstum.

Die Massenarbeitslosigkeit lasse sich bei den aktuellen Produktivitätssteigerungen auch gar nicht durch Wirtschaftswachstum allein bekämpfen, sondern nur, wenn auch Arbeitszeiten verkürzt werden. Das sagt Heinz-Josef Bontrup, Wirtschaftsprofessor an der Westfälischen Hochschule in Recklinghausen und Mitverfasser des Memorandums, das jährlich von der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik herausgegeben wird. Er hat errechnet, dass in Deutschland ein Arbeitsvolumen von rund zehn Milliarden Stunden pro Jahr fehlt, um alle Arbeitslosen und alle Teilzeitkräfte, die gerne Vollzeit arbeiten würden, zu beschäftigen. Im vergangenen Jahr seien gut 48 Milliarden Arbeitsstunden geleistet worden, diese Zahl müsste also um rund 20 Prozent wachsen. „Das ist völlig unrealistisch. Es bleibt also nur die Arbeitszeitverkürzung.“

Die Ware Arbeitskraft verknappen

Ganz einfach ist das allerdings nicht. Wenn alle Beschäftigten weniger arbeiten, werden auch Fachkräfte in bestimmten Bereichen gesucht, für die die derzeit Arbeitslosen nicht qualifiziert sind. Mit anderen Worten: Angebot und Nachfrage müssen zusammenpassen. Durch Fortbildungen ließe sich das Problem jedoch deutlich abmildern. Vorstellbar ist ebenfalls, dass Arbeitsprozesse anders organisiert werden, sodass statt des einen hochqualifizierten Experten zwei weniger gut ausgebildete Arbeitskräfte die Aufgaben übernehmen.

Im Kern geht es bei der Arbeitszeitverkürzung um eine Machtfrage. Bei hoher Arbeitslosigkeit sind die Menschen eher bereit, für einen geringen Lohn zu arbeiten, das freut die Unternehmen. Wenn die Ware Arbeitskraft massenhaft angeboten wird und die Nachfrage nicht groß genug ist, sollten die Gewerkschaften auf kürzere Arbeitszeiten drängen, sagt Wirtschaftswissenschaftler Bontrup. „Jeder Unternehmer kennt das Prinzip: Wenn es einen Überschuss gibt, muss das Angebot verknappt werden, um den Preisverfall zu stoppen.“ Gelingt das nicht, kann das in einen Teufelskreis führen. Die Unternehmen können die Arbeitslosigkeit nutzen, um längere Arbeitszeiten durchzusetzen, was wiederum die Arbeitslosigkeit erhöht.

Reduzieren ist unsexy

Die Gewerkschaften sind aber auch nicht ganz unschuldig. „Sie übersehen offenbar, dass zu einer guten Tarifpolitik auch die Arbeitszeitpolitik gehört“, sagt Bontrup. Doch kürzere Arbeitszeiten sind derzeit eher unsexy. Das hat seine Gründe: In den 80er-Jahren musste die IG Metall eine Niederlage im Arbeitskampf für die 35-Stunden-Woche einstecken, seitdem leiden die DGB-Gewerkschaften unter einer Art Trauma.

Zudem gibt es bei einer Arbeitszeitverkürzung weniger Gehalt. Selbst der volle Lohnausgleich ist dadurch erkauft, dass es eben keine (oder eine geringere) Lohnerhöhung gibt. Die Kaufkraft kann jedoch gleich bleiben, wenn die Lohnerhöhung der Inflation entspricht und das Mehr an Freizeit durch die Produktivitätssteigerung ermöglicht wird. Ein einfaches Rechenbeispiel: Steigt die Produktivität um vier Prozent, kann der Lohn um zwei Prozent erhöht werden, wenn dies der Inflation entspricht. Es bleiben noch zwei Prozent übrig, die als Freizeit ausgezahlt werden.

Probleme überall

Wenn sich die Gewerkschaften ausschließlich auf einen höheren Lohn konzentrieren, können die Arbeitnehmer auf eigene Faust ihre Arbeitszeit reduzieren – und entsprechend weniger verdienen. Doch das ist nicht immer ganz einfach, weil die Arbeitgeber oft kein Interesse daran haben. Zwar sind Teilzeitbeschäftigte möglicherweise produktiver und weniger gestresst, jedoch wird die Organisation der Arbeit schwieriger, wenn alle nur noch Teilzeit arbeiten. Allein die Kommunikation zwischen allen Mitarbeitern dürfte erheblich komplizierter werden. Zudem sind Arbeitsplätze oder andere Infrastruktur möglicherweise nicht voll ausgelastet. Das kostet Geld. Hinzu kommt, dass neue Mitarbeiter eingestellt werden müssen. Wer weiß, ob die genauso gut sind wie die Vollzeitkräfte, die jetzt ihre Arbeitszeit reduzieren möchten?

Viele Arbeitnehmer versuchen aber gar nicht erst, weniger Stunden zu arbeiten. Sie haben sich an ihr hohes Einkommen und ihren Lebensstandard gewöhnt, die Werbung verkauft ihnen immer neue Bedürfnisse nach weiteren Konsumgütern. Wenn mehr Geld da ist, wird es auch ausgegeben. Später wieder runterzuschrauben, ist oft schmerzhaft. Und am Berufsanfang arbeiten die meisten Leute in Vollzeit. Schließlich ist ihr Stundenlohn noch nicht so hoch, sie wollen möglicherweise Geld sparen, um später eine Familie ernähren zu können, und für den Einstieg in den Job ist es meist auch nicht verkehrt, die ganze Woche da zu sein.

Und wieder die Machtfrage

Manche fürchten auch, eine kürzere Arbeitszeit führe bloß dazu, dass die gleiche Arbeit schneller erledigt werden muss. Das mag im Einzelfall stimmen, es kommt darauf an, dass diese Personen dann einen Teil ihrer Arbeit delegieren. Ob sie das gegenüber dem Arbeitgeber durchsetzen können, hängt wiederum von der Machtfrage ab. In Zeiten der Arbeitslosigkeit ist das schwieriger, daher könnte eine kollektive Arbeitszeitverkürzung auch hier helfen.

Auch die Politik kann den Kampf für mehr Freizeit unterstützen. Je progressiver beispielsweise die Einkommenssteuer ist, desto unattraktiver werden lange Arbeitszeiten mit hohem Gehalt. Werden Vielverdiener stärker besteuert, könnte dies dazu führen, dass sich einige überlegen, weniger zu arbeiten. Zudem wäre es sinnvoll, ein Grundeinkommen einzuführen. Derzeit wird Geringverdienern das Arbeitslosengeld gekürzt, sobald sie einer Beschäftigung nachgehen. Dadurch liegt der faktische Stundenlohn in den ersten Arbeitsstunden bei wenigen Euro. Attraktiv wird die Arbeit erst dann, wenn sie viel arbeiten und ihnen der Stundenlohn im vollen Umfang zugutekommt.

Auch der gesetzliche Mindestlohn kann bei der Arbeitszeitverkürzung helfen. Er stärkt die Arbeitnehmer, sie können dadurch ihre Forderungen besser durchsetzen. Und vielleicht besinnen sich die Funktionäre irgendwann darauf, dass mehr Geld allein auch nicht glücklich macht. Weil sich dann alle weiter zu Tode arbeiten.

06:00 10.05.2014

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