Lieber Harald Welzer!

Offener Brief Der Sozialpsychologe Harald Welzer ruft in seinem neuen Buch „Selbst denken“ zum Widerstand auf und wirbt für eine Strategie kleiner Schritte. Eine Antwort
Lieber Harald Welzer!
Foto: Julian Röder / Ostkreuz

Lieber Harald Welzer,

Sie haben einen Nerv getroffen. Selbst denken haben Sie Ihr neues Buch genannt. Es soll eine „Anleitung zum Widerstand“ sein. Was könnte besser in eine Zeit passen, in der die Rettung einer Währung wichtiger als das Schicksal der Menschen scheint? In der unser Lieblingswort Krise heißt. Und in der sich bei immer mehr Bürgern das Gefühl festsetzt, dass es so nicht weiter geht.

Ihr Buch hat mich an meinen ersten eigenen Akt des Widerstands erinnert. Das war vor zehn Jahren, ich war gerade 15 geworden. Die USA kündigten an, in den Irak einzumarschieren. In Berlin kamen 500.000 Demonstranten zusammen und riefen: „Kein Blut für Öl.“ Ich lief mit einer kubanischen Fahne mit, darauf das Konterfei Che Guevaras. Vor der amerikanischen Botschaft schwenkte ich sie besonders lang. Das fühlte sich gut an, aber dieses Gefühl war nicht von Dauer. Ich merkte später, dass die Welt nicht so schwarz-weiß ist, wie ich sie damals sehen wollte. Sie ist sogar ziemlich unübersichtlich – und das macht es mit dem Widerstand nicht einfacher.

Lieber Herr Welzer, Sie haben Recht, wenn Sie sagen, die ideologischen Kämpfe von einst hätten sich überlebt. Bei den Occupy-Protesten war von Che Guevara nichts mehr zu sehen. Aber im Wort Ideologie steckt auch „Ideal“ und „Idee“. Gute Ideen brauchen wir mehr denn je. Die Glücksversprechen von Kommunismus und Kapitalismus sind überholt. Sie schlagen daher vor, dass wir uns eine „neue Geschichte“ erzählen. Wir sollten von der „Zukunft her denken“. Das klingt gut – und doch haben Sie mich damit nicht überzeugt.

Widerstand scheint heute zu bedeuten, nicht für, sondern gegen etwas zu sein. Aber selbst das ist nicht so einfach, wie ein Beispiel von Ihnen erzählt: Laut einer Umfrage glauben nur 13 Prozent der US-amerikanischen Eltern, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird als ihnen selbst. Da fragen Sie: „Woher nehmen die restlichen 87 Prozent die entspannte Haltung, dagegen nichts zu tun?“ Die Frage ist rhetorisch, zeigt aber das Hauptproblem. Obwohl wir wissen, dass so viele Dinge – vom Klimawandel bis zur Finanzkrise – unsere Zukunft bedrohen, unternehmen wir nichts dagegen. Das führen Sie auf zwei Ursachen zurück: Zum einen sei das verfügbare Wissen unüberschaubar geworden. Sich im Denken zu orientieren, sagen Sie mit Kant, sei immer schwieriger geworden. Zum anderen unterlägen wir einer „kognitiven Dissonanz“ – wir neigen dazu, eine erkannte Gefahr herunter zu spielen. Es sei immer bequemer, die Wirklichkeit der Vorstellung anzupassen als umgekehrt.

Geländewagen und Biomarkt

Wegen solcher Analysen habe ich Ihr Buch gern gelesen. Aber wenn Sie doch zum Selbstdenken aufrufen, warum wenden Sie sich an einen Leser, den man an der Hand nehmen muss? Den man in die Untiefen einer krisenhaften Zeit führen muss, um ihm dann zu zeigen, welche kleinen Schritte er hin zu einer rosigen Zukunft machen kann? Sie beschreiben den Widersinn, mit einem Geländewagen zum Bio-Supermarkt zu fahren. Oder Kaffee aus Plastikkapseln zu trinken. Aber dann schreiben Sie Sätze wie: „Wahrscheinlich haben Sie jetzt das Gefühl, dass Sie längst etwas tun, was Sie nie beabsichtigt haben.“ Wenn Ihnen der Leser bis zur Hälfte des Buchs gefolgt ist, ist er „reif“, um zu handeln. Wenn er Ihre Warnung beachtet: „Seien Sie vorsichtig, Sie bewegen sich hinaus aus der Komfortzone.“

Aber es geht nicht nur um Geländewägen und Biosupermärkte. Ich habe gar kein Auto. Nur auch wenn ich das ganze Jahr lang Fahrrad und U-Bahn fahre: Mit einer einzigen Flugreise im Sommer ist meine Ökobilanz dahin. Selbst wenn ich den Zug nehme, ganz ohne CO2-Ausstoß geht es nicht. Aber ist das überhaupt der Punkt?

Lieber Herr Welzer, Sie schreiben, der Kapitalismus sei in die Krise geraten. Mit der Wachstumsmaxime sei eine Kultur des „Alles immer“ entstanden: „Mehr Wissen, mehr Erfahrung, mehr Erkenntnisse“. Das war auch eine Losung der Aufklärung, aber die „stößt an eine Grenze dort, wo sie den kognitiven Teil unserer Orientierung überschreitet“. Sie sagen das als Sozialpsychologe und ergänzen, unser Handeln sei vor allem durch Gewohnheit bestimmt. Das Wissen sei keine hinreichende Voraussetzung für Veränderung.

Damit aber kommen wir zum Ausgangspunkt zurück. Wie steht es nun um die „bessere Welt“? Auf der Website Ihrer Stiftung Futurzwei heißt es: „Eine zukunftsfähige Kultur des Lebens und Wirtschaftens entsteht nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse oder moralische Appelle. Sie wird in unterschiedlichen Laboren der Zivilgesellschaft vorgelebt und ausprobiert.“ Nur als Veränderung im Kleinen könne Widerstand heute funktionieren. Sein Ziel sei: die „nachhaltige Moderne“.

Sie sind einer der bekanntesten Vertreter dieser Idee und sehen überall neue Initiativen heranwachsen. Mikrogenossenschaften von Nachbarn, die sich gegenseitig Werkzeuge leihen, statt immer alles neu zu kaufen; Lokalwährungen, mit denen Bürger ihre Wirtschaft vor Ort stärken; Banken, die auf soziale Projekte und nicht auf Finanzgeschäfte setzen. In solchen communities of practice erblicken Sie die Alternative zur „abgestandenen Geschichte der Moderne“. Sie fordern Eigenverantwortung, Sparsamkeit und „Kulturtechniken des Erhaltens“. Gerne würde ich sagen: Natürlich, wenn jeder einzelne ein paar Dinge in seinem Leben ändert, dann ändert sich auch die Gesellschaft. Dann fahren wir nicht mehr allein mit dem Auto, sondern zu fünft. Dann kaufen wir das Gemüse vom Bauern aus der Region, und nicht aus Marokko. Aber soll das Widerstand sein? Und vor allem: Retten wir so unsere Zukunft?

Für Kant zählte die Haltung

Die Zukunft kann nicht der alleinige Adressat unserer Handlungen sein. Immanuel Kant, der auch von Ihnen immer wieder bemüht wird, war überzeugt: Es komme darauf an, welche Haltung hinter einer Handlung stehe und nicht, was ihre Folgen in der Zukunft sind. Die aufklärerische Forderung des Selbstdenkens reduzierte das Denken nie auf ein bloßes Instrument zum Handeln. Ein Gedanke ist nicht nur deshalb gut, weil aus ihm eine Tat folgt.

Das heißt aber nicht, auf Widerstand zu verzichten. Aber kann man für das Weltklima kämpfen? Sie zweifeln selbst daran, denn die Folgen der Umweltzerstörung spüren wir kaum am eigenen Leib. Trotzdem glauben Sie, dass uns bedrohliche Zukunftsszenarien zum Umdenken, und das heißt für Sie: zum Handeln, zwingen können. Doch die meisten Menschen sind von anderen Dingen betroffen. Von Krieg und Vertreibung in Syrien. Von Angst vor Drogenkartellen in Mexiko. Von sexueller Gewalt in Indien. Von den Zumutungen des Jobcenters in Deutschland.

Hier geht es um die Existenz, nicht um grünes Bewusstsein. Hier hat Widerstand seine volle Bedeutung. Diejenige werden ihn leisten, die nichts zu verlieren haben. Dafür brauchen sie keine Anleitung. Eine Nachhaltigkeitsdebatte greift zu kurz, wenn sie so tut, als ob bewusster Konsum diese Probleme lösen könne. Das sagen Sie auch nicht, sondern: Was uns zumindest in den reichen Ländern wichtig sein sollte, ist „Gemeinwohl statt Eigennutz, Zeitwohlstand statt materiellem Wohlstand, Erhaltung statt Zerstörung“. Das ist bedenkenswert. Dann aber schreiben Sie, Widerstand bedeute letztlich, „dass drei bis fünf Prozent der Avantgarden eine neue Geschichte erzählen“. Avantgarden? Eine neue Geschichte? Glauben Sie wirklich, mit einem neuen Diskurs ist es getan?

Lieber Herr Welzer, Sie haben kein Manifest geschrieben und auch keine Grundlegung einer Post-Postmoderne. Dafür sind Sie selbst zu engagiert, und das ist gut so. Aber eine „Anleitung zum Widerstand“ ist Ihr Buch für mich nicht. Vielmehr ein Sammelsurium von Ansätzen, die zum Nachdenken anregen. Ein Nachdenken, das sich nicht auf die Zukunft, sondern – es steckt im Wort – auf das Vergangene richtet. Wenn in Griechenland verarmte Bürger schutzlose Migranten angreifen, dann zeigt das, dass wir nichts aus den alten Fehlern gelernt haben. Dieses Lernen wäre aber dringlicher, als uns „neu zu erfinden“.

Sicher können kleine Änderungen etwas bewegen, jeder dort, wo er kann. Und ja, wir müssen uns eine neue Geschichte über uns erzählen. Das reicht aber nicht. Adornos Satz, den Sie umdrehen, bleibt im Original richtig: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Es gibt auch kein Urteil ohne Analyse. Und keinen Ratgeber fürs große Ganze.

Die Lösung für Kriege, Krisen und Klimazerstörung wird so einfach nicht sein. Aber eines wurde mir damals, vor der amerikanischen Botschaft, doch bewusst: Widerstand heißt auch, Ideale zu haben. Daran glaube ich noch heute.

Mit solidarischem Gruß

Ihr Franz Viohl

Franz Viohl fragte sich nach der Lektüre von Harald Welzers Kapitalismuskritik, ob Karl Marx heute auch Öko-Ratgeber schreiben würde

09:00 30.03.2013
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