Der Schatten des Krieges

Vorahnung Schon Monate vor dem Überfall der Deutschen auf Polen war die Angst der Westmächte vor einem "Blitzkrieg" groß. Erst später machte das Wort bei den Nazis Karriere

Zu den wenigen deutschen Begriffen, die als Fremdwort Eingang in andere Sprachen gefunden haben, gehört neben der Angst und der Schadenfreude auch der ominöse „Blitzkrieg“. Anders als es in vielen historischen Darstellungen behauptet wird, war der Begriff jedoch schon vor dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen im September 1939 weit verbreitet. Von 1938 an rechneten westliche Militärs und Politiker mit einem Überraschungsangriff Deutschlands auf eines seiner Nachbarländer und verbanden diese Furcht auch mit dem deutschen Begriff des schnellen, schonungslosen Überfalls. Dagegen tauchte der Begriff „Blitzkrieg“ in der deutschen Presse zunächst fast gar nicht auf. Erst nach den Kriegserfolgen gegen Polen und Frankreich wurde er zu einem Schlagwort der Propaganda, dessen Suggestion die deutschen Generale schließlich selbst erlagen.

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Um die Entstehung des Begriffes ranken sich ebenso viele Mythen wie um diese Art der Kriegsführung selbst. Es lässt sich wohl kaum nachweisen, wo und wann der Begriff „Blitzkrieg“ zum ersten Mal geprägt wurde. Fest steht jedoch, dass er Mitte der dreißiger Jahre in deutschen Militärfachblättern auftauchte und von dort über deutsche Exilliteratur und Exilpresse den Weg in die ausländischen Medien fand. Zunächst bezogen sich die deutschen Militärs damit noch auf den Versuch im Ersten Weltkrieg, durch den Schlieffenplan und insbesondere der Besetzung Belgiens eine rasche Entscheidung im Westen zu erzwingen: Die deutsche „Ernährungsschwäche“, schrieb die Deutsche Wehr am 2. Mai 1935, musste demnach „bewußt mitbeteiligt sein an dem Entschluß, einen Blitzkrieg zu wagen, um die Siegentscheidung vor Entfaltung der gesamten Gegnerschaft und dem Leerlauf unserer Magazine und Speicher zu gewinnen“.

Später verband sich mit dem Begriff ein anderes Konzept, wie es schon Anfang der zwanziger Jahre von dem italienischen General Giulio Douhet propagiert worden war: Durch einen überwältigenden Überraschungsangriff aus der Luft den Gegner entscheidend zu schwächen und zu demoralisieren. „Ein Blitzkrieg! Bombenregen über Paris, Gasstürme überraschender Art, diabolisch brutale Angriffe – das erscheint nun als glücklichster Ausweg“, heißt es in dem 1936 in Paris veröffentlichten Buch Die grosse Lüge. Hitlers Verschwörung gegen den Frieden. Unter dem Pseudonym S. Erckner entwarf der Autor Staschek Scymoncyk verschiedene Blitzkriegsszenarien, sowohl für den Westen als auch den Osten. Die Abhandlung wurde ein Jahr später ins Englische übersetzt und im Exilblatt Pariser Tageszeitung als „sensationelles“ und „außergewöhnlich gut dokumentiertes“ Buch gelobt. Die Zeitung fragte jedoch zwei Jahre später, am 3. September 1938, ob die Blitzkriegtheorie nicht ein „Humbug“ sei, denn es hätten „die letzten Kriegszustände erwiesen, dass der Angreifer auf Widerstand stoßen kann, mit dem er kaum gerechnet haben dürfte“.

Sudetenkrise als Wendepunkt

Es war sicher kein Zufall, dass der Begriff während der Sudetenkrise in der amerikanischen Presse verstärkt auftauchte. Zu diesem Zeitpunkt herrschte reale Angst vor einem deutschen Angriff auf die Tschechoslowakei. So berichtete die Wochenzeitung The Nation am 10. September, dass einflussreiche Nazi-Kreise schon im März einen „Blitzkrieg“ gegen die CSR geplant hätten. Am 29. September 1938, auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise, verwies die Los Angeles Times auf den deutschen Devisenmangel und das mögliche Erfordernis, „einen ‚Blitzkrieg‘ oder ‚lightning war‘ zu starten und somit den ungeschützten Schweizer Goldschatz zu rauben“. Wenige Tage später, nach Hitlers Triumph von München, schrieb die einflussreiche Hitler-Gegnerin Dorothy Thompson in der New York Herald Tribune: „Seit der Erfahrung in Spanien, die in die Geschichte möglicherweise als der wirkliche Probelauf für den letzten Krieg eingehen wird, wissen wir, dass die ‚Blitzkrieg‘-Theorie von General Göring – wonach ein schneller und schrecklicher Luftangriff die Bevölkerung vollständig zermürben kann – nicht länger haltbar ist.“

Wie nahe Thompson damit den Vorstellungen von Luftwaffenchef Hermann Göring gekommen war, bewies dieser im März 1939, als er laut Pariser Tageszeitung am „Tag der Luftwaffe“ in einer Rundfunkrede mit Blick auf die Sudetenkrise tönte: „Während dieser Tage waren wir bereit. Ein Befehl, und eine Hölle wäre unserem Feind bestimmt gewesen. Ein schneller Schlag und der Feind wäre vollständig vernichtet worden.“ So wie es die Legion Condor bereits mit ihrem Angriff auf das baskische Guernica geprobt hatte. Doch inzwischen hatten deutsche Militärs bereits ein ganz anderes Konzept für den Blitzkrieg entwickelt: Unter dem Titel Der strategische Überfall beschrieb ein Offizier im Militär-Wochenblatt am 28. Oktober 1938 den Blitzkrieg als Angriff ohne Kriegserklärung „mit unerhörter Wucht, Masse und Schnelligkeit“ unter kombiniertem Einsatz von Panzern, Luftwaffe und Luftlandetruppen.

Nach den Erfahrungen der Sudetenkrise sahen sich die westlichen Staaten stärker denn je gezwungen, sich mit Drohungen à la Göring auseinanderzusetzen. Vor allem die britische Regierung musste erkennen, dass die Stärke der Flotte allein kein Garant mehr war, die Insel vor militärischen Gefahren zu schützen. Kaum ein Tag verging, an dem beispielsweise die Times nicht über die Vorbereitungen zum Luftschutz, den so genannten Air Raid Precautions (ARP), berichtete. So erfuhren die Leser der Zeitung Anfang Februar 1939, dass Betonkugeln über den Luftschutzkellern die zerstörerische Wirkung von Bomben reduzierten könnten. Auch sei ein tragbarer Bombenschutz aus Stahl entwickelt worden. Zur Hilfe für junge Familien entwickelte man Helme für Babys. Die Regierung entwarf detaillierte Pläne, die eine Evakuierung der Städte in Kriegszeiten garantieren sollte. Ebenso wichtig war darüber hinaus der Aufbau einer schlagkräftigen Luftwaffe und Flugabwehr, um die Bomberflotten vom Abwurf ihrer tödlichen Fracht abzuhalten.

Schneller Sieg oder gar keiner

Nach der Besetzung der so genannten Rest-Tschechei im März 1939 schien ein Krieg fast unausweichlich geworden. Dass dieser als „Blitzkrieg“ beginnen würde, stand für die Militärexperten der Zeitungen beinahe außer Frage. „Deutschland ... muss schnell gewinnen oder gar nicht“, urteilte der Militärexperte Hanson W. Baldwin im April 1939 in der New York Times und kam zu dem Schluss: „Die ersten Tage, die ersten Wochen eines solchen Kriegs würden Tage schneller Vorstöße und schneller Gegenstöße sein, Tage von Hammerschlägen und vernichtenden Aufmärschen zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Aber sollte Deutschland keinen Blitzkrieg gewinnen können, wäre es wieder zu dem langsamen, erdrosselnden Druck der Blockade verurteilt, zu einem langen Patt und zum letztendlichen Desaster.“

Im Sommer 1939 dürfte dann auch einem breiteren Teil der britischen Bevölkerung der neue Begriff begegnet sein. Die Air Raid Defence League (Luftschutzliga) veröffentlichte eine Broschüre, in der sie die Vorteile des Luftschutzes gegenüber der militärischen Abwehr der Bombergeschwader hervorhob. Mehrere Zeitungen berichteten über die Thesen. „Selbst wenn der Blitzkrieg kein Allgemeinplatz bei den deutschen militärischen Überlegungen wäre“, schrieb die Times am 14. Juni 1939, „sollte festgehalten werden, dass der Hauptteil dieses strategischen Konzepts in dem Glauben besteht, dass die neue Waffe einen Sieg herbeiführen kann, bevor der Krieg in einen langen Kampf der Armeen und in der von Frankreich und Großbritannien ausgeübten Blockade gemündet ist.“

Prinzip der Abschreckung

Die britische Regierung wollte sich dagegen nicht nur auf den Luftschutz verlassen, sondern setzte auch auf das Prinzip der Abschreckung. Um den Deutschen klarzumachen, dass sie im Falle eines „Blitzkrieges“ ebenfalls mit schweren Bombenangriffen zu rechnen hätten, startete die Royal Air Force im Juli 1939 umfangreiche Manöver und flog mit Bomberverbänden nach Südfrankreich und wieder zurück.

Während die deutsche Presse diese „Provokationsflüge“ auf den hinteren Seiten abhandelte, erregte eine andere Propaganda-Aktion weit stärker den Zorn der Naziführung. Von Juni 1939 an versandte der Journalist Stephen King-Hall Zehntausende von Briefen an Deutsche, in denen er vor einem neuen Krieg warnte und die Bevölkerung über den wahren Charakter des NS-Regimes aufzuklären versuchte. Die Aktion war offenbar ein voller Erfolg, denn die deutschen Zeitungen empörten sich über King-Hall auf ihren Titelseiten. Dieser sei ein Strohmann des britischen Außenministeriums und versuche, „das deutsche Volk gegen seine Führung aufzuhetzen“, hieß es im Völkischen Beobachter. Propagandaminister Joseph Goebbels antwortete King-Hall in einem sechsspaltigen Artikel und brachte den deutschen Lesern damit dessen Positionen nahe. „Und dann verbreiten Sie sich über das Thema Krieg. … Sie sagen, es müsste ‚ein kurzer Krieg sein, ein Blitzkrieg, das geben selbst unsere Fachleute zu.‘“, schrieb Goebbels am 14. Juli und schob drohend hinterher: „Ob ein Krieg kommt, das hängt ganz von England ab. Wie er verläuft, lassen Sie unsere Sache sein.“

Mehr Verwirrung gestiftet

Dieser Verlauf stand für die Nazi-Führung längst fest. Im Laufe des Sommers schien sicher, dass Hitler seine Streitkräfte eher in Richtung Osten wenden und vermutlich Polen angreifen würde. In dieser Situation erlaubte sich die New York Times sogar noch ein „Blitzkrieg“-Rätsel mit ihren Lesern. In seinem wöchentlichen Nachrichtenquiz fragte das Blatt am 23. Juli: „Wenn jemand käme und Sie bäte, die Bedeutung von ‚Blitzkrieg‘ zu illustrieren, könnten Sie dazu 1) ein Streichholz anzünden; 2) die Zeiger ihrer Uhr auf 12 stellen; 3) ihm überraschend eins auf die Nase hauen.“

Bei diesen Erwartungen erstaunt im Grunde nicht, dass die angelsächsichen Zeitungen vom Tage des Kriegsbeginns am 1. September voll von „Blitzkrieg“-Schlagzeilen waren. So sehr, dass die Journalisten sich schon selbst daran störten: „Der sensationelle und unerwartet schnelle Erfolg der deutschen Armee in Polen hat die englische Sprache um ein neues deutsche Wort erweitert – ‚Blitzkrieg‘“, schrieb Otto D. Tolischus am 17. September in der New York Times. Dies sei aber eher ein Begriff des amerikanischen Zeitungsjargons und werde von den Deutschen selbst nie benutzt. Das Wort habe daher mehr Verwirrung gestiftet als Klarheit gebracht. Schließlich habe Deutschland schon von jeher versucht, „Blitzkriege“ zu führen, und diese Strategie nun mit modernen Waffen in Polen angewandt.

Irrlichternd missdeutbar

Diese zeitgenössische Analyse hat bis in historische Einschätzungen überdauert. „In der nüchternen militärischen Sprache gibt es kaum ein anderes Wort, das von so schlaglichtartiger Prägnanz und gleichzeitig so irrlichternd missdeutbar ist wie ‚Blitzkrieg‘“, schrieb Karl-Heinz Frieser 1995 in seinem Buch über die Blitzkrieg-Legende, einer umfassenden Studie zur Geschichte des Westfeldzugs.

Es gehört zur doppelten Ironie der Geschichte, dass im Zweiten Weltkrieg zunächst die Westmächte, dann jedoch das Deutsche Reich zu den Opfern der Blitzkrieg-Führung wurden. Während die Westmächte glaubten, von den deutschen Truppen nicht mehr in einem Überraschungsangriff geschlagen werden zu können, verleitete der schnelle Sieg im Westen die Deutschen laut Frieser zu einer „,Blitzkrieg‘-Euphorie“, die einen raschen Sieg über die Sowjetunion für möglich hielt. Vielleicht lässt sich die Faszination für den Blitzkrieg mit dem damaligen Glauben an die Macht der Geschwindigkeit und Technik erklären. Dazu wird auch in anderen Sprachen gerne ein deutsches Wort verwendet: Es entsprach dem Zeitgeist.

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07:00 12.02.2009
Geschrieben von

Friedhelm Greis

Journalist
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Ausgabe 38/2020

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